Der Vorname

(F / B 2012; Regie: Alexandre de la Patellière, Matthieu Delaporte)

Diskurs der Enthüllungen

Schon die weitschweifige Exposition, die mit Lust am Fabulieren kulturgeschichtliche Umwege nimmt, um im Herzen der Geschichte zu landen, ist ein kleines filmisches Kunststück nach der Art Wes Andersons. Während ein Off-Erzähler im Verbund mit der Montage in rasendem Tempo die Protagonisten vorstellt und dabei eine Ästhetik der Abschweifung kultiviert, etablieren die beiden Regisseure Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière jene flirrende Ironie zwischen Wahrheit und Lüge, die ihre intelligente Komödie „Der Vorname“ in einem turbulenten Diskurs der Enthüllungen vorantreibt. Dabei entwickeln sie in ihrem Ensemblefilm, der auf einem eigenen, höchst erfolgreichen Theaterstück basiert, eine enorme Dynamik der Kommunikation. Bluffs und Missverständnisse, Verletzungen und Tabubrüche ziehen in der Folge immer weitere Kreise und lassen in einem stetigen Wechsel von Täter- und Opferrolle die Masken fallen.

Im Kern sind davon tiefe Familien- und Freundschaftsbande bedroht. Schon die geschmackvoll-heimelige Wohnung des Pariser Literatur-Professors Pierre (Charles Berling) und seiner Frau Élisabeth (Valérie Benguigui), einer gesellschaftskritischen Lehrerin, strahlt jene behagliche Wärme einer freundschaftlichen Verbundenheit aus, die der Film nach und nach demontiert. In die gedämpfte Atmosphäre des mit vielen Büchern, gemütlichen Sofas und mildem Licht angefüllten Cinemascope-Bildes, das der Auseinandersetzung Raum gibt und sie zugleich einschließt, treten der sensible Orchestermusiker und Freund der Familie Claude (Guillaume de Tonquédec), Élisabeths Bruder Vincent (Patrick Bruel), ein erfolgreicher Immobilienmakler und spöttischer „Held der modernen Zeit“, sowie seine im fünften Monat schwangere Frau Anna (Judith El Zein).

Und wie soll das Kind, von dem der zukünftige Vater annimmt, es werde ein Junge, heißen? Genau an der Antwort auf diese Frage entzündet sich im Folgenden ein ebenso heftiger wie lautstarker Streit, der angefüllt ist mit schlagfertigen Dialogen, Witz und philosophischen Sophismen. Doch nach dem ersten Schlagabtausch und seinen unumkehrbaren Beschädigungen, in denen das Gesagte seine zerstörerischen Wirkungen entfaltet, ist der zweite nicht fern. Dabei geht es immer deutlicher und offensiver ans Eingemachte der Beziehungen; weder Freundschaften noch Ehen werden verschont in diesem ausufernden Kampf der Kränkungen, der an den (nicht zuletzt politischen) Wurzeln der jeweiligen Persönlichkeit gräbt. De la Patellière und Delaporte inszenieren diesen fulminanten Seelenstriptease mit viel Liebe zum Detail, aber auch mit einer großen Liebe für ihre sehr stimmig gezeichneten Figuren, die sie schließlich in einem versöhnlichen Finale zusammenführen. Denn: „Wir haben alle unsere kleinen Probleme.“

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Der Vorname
(Le prénom)
Frankreich / Belgien 2012 - 109 min.
Regie: Alexandre de la Patellière, Matthieu Delaporte - Drehbuch: Matthieu Delaporte - Produktion: Dimitri Rassam, Jérôme Seydoux - Kamera: David Ungaro - Schnitt: Célia Lafitedupont - Musik: Jérôme Rebotier - Verleih: Warner Bros. - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Patrick Bruel, Valérie Benguigui, Charles Berling, Guillaume de Tonquédec, Judith El Zein, Françoise Fabian
Kinostart (D): 02.08.2012

DVD-Starttermin (D): 07.12.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt2179121/