traumhaft weg

Der traumhafte Weg

(DE 2016; Regie: Angela Schanelec)

Trost durch Schönheit

Kenneth und Theres, ein Paar, das reist und musiziert ist Mitte der 1980er Jahre in Griechenland unterwegs. Die beiden gehen auf steilem Weg durchs Gelände, sie sitzen am Straßenrand und singen sehr schön „The lion sleeps tonight“. Geld fällt in ihre Mütze. Auf einer Demo ist vom „neuen Europa“ die Rede und vom Pioniergeist Griechenlands. Dann telefoniert Kenneth nach Hause, erfährt, dass seine Mutter ins Koma gefallen ist, bricht zusammen, wird gehalten.

Der Ausschnitt und die Details stehen in Angela Schanelecs neuem, sehr beeindruckendem Film „Der traumhafte Weg“ für das nicht erklärbare Ganze. Im Geiste Robert Bressons zeigt sie, aufgenommen von ihrem renommierten Bildgestalter Reinhold Vorschneider, immer wieder bestimmte Körperpartien wie Hände und Füße, einzelne Gegenstände oder auch bewusste, sorgsame Bewegungen. Intime Handgriffe verdichten auf behutsame Weise das Wesen einer Handlung, erschließen im Sinne von Heideggers Begriff der ‚Zuhandenheit‘ gewissermaßen das Dasein. Zugleich sind sie sinnlich, konkret und überzeitlich. Ohne äußerliches Altern bleiben auch die Figuren, währen die erzählte Zeit etwa dreißig Jahre umfasst. Doch Angela Schanelecs filmische Ästhetik zielt nicht auf Mimesis: So wie das antinaturalistische Spiel ihrer Figuren Abstand hält und ein Nachahmen von Emotionen meidet, verweigert sich die Struktur ihres Films der Erzählung, ist offen und stark elliptisch gefügt. Das Abwesende spricht aus den Lücken. Deshalb interessiert sich die Filmemacherin auch weniger für Begründungszusammenhänge, sondern vielmehr für unterbewusste Verbindungen, die in symbolischen Handlungen liegen.

Zurück in England besucht Kenneth (Thorbjörn Björnsson) seine kranke Mutter und seinen nahezu blinden Vater. Er sehe nur Schatten und Licht, keine Farben und sich selbst nur als Fleck im Spiegel, sagt er. Jahre sind vergangen, Kenneth nimmt noch immer Heroin und im Fernsehen heißt es, dass die Grenzzäune des Ostblocks fallen. Dann beschließen Vater und Sohn, der Mutter mit Morphium beim Sterben zu helfen. Später legt sich Kenneth in eine frisch ausgehobene Grube im Wald, bedeckt sich mit Erde, als wolle er zurückkehren in den Mutterleib. Früher im Film sagt er einmal zu seinem Vater: „Ich bin gläubig. Aber mein Gott hilft mir nicht. Er gibt mir keine Kraft.“ Kenneth, der immer wieder über sein abgenutztes Schuhwerk ins Bild gesetzt wird, taucht irgendwann später als Obdachloser in Berlin auf.

Seine Geschichte mit Theres (Miriam Jakob), die in der erzählten Gegenwart des Films mittlerweile ebenfalls in Berlin lebt, verwirklicht sich nicht. Der Schatten des Todes verbindet die beiden. Gespiegelt wird das Motiv der Trennung wiederum in der scheiternden Liebe zwischen der Schauspielerin Ariane (Maren Eggert) und dem Anthropologen David (Phil Hayes), worunter vor allem die gemeinsame Tochter leidet. Ariane ist einsam und trinkt. David sucht sich eine neue Wohnung. Wenn sich bei der Besichtigung des Apartments die elektrisch gesteuerte Jalousie langsam schließt und kurz darauf wieder öffnet, ist das wie eine kleine Reise durch die Dunkelheit zum Licht. Doch Angela Schanelecs Film „Der traumhafte Weg“ findet nicht zur Hoffnung oder gar zu einer Synthese für die Widersprüche des Lebens, sondern allenfalls zu einem Trost, der aus der Schönheit kommt.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Der traumhafte Weg
Deutschland 2016 - 86 min.
Regie: Angela Schanelec - Drehbuch: Angela Schanelec - Produktion: Frieder Schlaich, Irene von Alberti - Kamera: Reinhold Vorschneider - Schnitt: Angela Schanelec, Maja Tennstedt - Verleih: Piffl Medien - Besetzung: Miriam Jakob, Thorbjörn Björnsson, Maren Eggert, Phil Hayes, Anaïa Zapp, Alan Williams, Miriam Horwitz
Kinostart (D): 27.04.2017

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt5025550/
Link zum Verleih: http://www.piffl-medien.de/film.php?id=156&kat=vorschau#zumfilm
Foto: © Piffl Medien