Der Perlmuttknopf

(FR / CL / ES 2015; Regie: Patricio Guzmán)

Das Gedächtnis des Wassers

Wenn es in „Nostalgia de la luz“ („Nostalgie des Lichts“) um die Reise des Lichts aus einer fernen Vergangenheit ging, dann handelt Patricio Guzmáns neuer, preisgekrönter Film „Der Perlmuttknopf“ („El botón de nácar“) von der Zeitlosigkeit des Wassers und der Zukunft des Lebens. Beide Filme finden ihren Ansatzpunkt jedoch zunächst in der nordchilenischen Atacama-Wüste , von wo aus riesige Teleskope den Weltraum erkunden und aus der ein alter, dunkler Quarz-Block stammt, der einen 3000 Jahre alten Wassertropfen in sich konserviert hat. Dessen geheimnisvolles Schimmern als Ausdruck des Lebens und „als Verbindungskraft zwischen den Sternen und uns“ steht am Anfang des Films. Verbunden sind die beiden Teile des filmischen Diptychons, das in sich das Feste des harten Wüstengrundes und das Flüssige eines gewaltigen Meeres vereint, aber vor allem durch ihre sowohl kulturanthropologische als auch politische Reflexion der chilenischen Geschichte.

Patricio Guzmáns poetischer Essay, der als beziehungsreiche Meditation über das Wasser eine persönliche Betroffenheit mit kulturgeschichtlichen Aspekten vereint, begibt sich auch geographisch zu den Gegensätzen des Landes, seinen „verlassenen Enden“. Vom hohen Norden reist er in den äußersten Süden zum riesigen Archipel Westpatagoniens, einem Labyrinth aus unzähligen Inseln und Wasser, das sich bis in die antarktischen Kältezonen erstreckt. Dabei führt das schmale, sich über 4000 Kilometer hinziehende Chile, eingeschlossen zwischen den Anden im Osten und dem Pazifischen Ozean im Westen, selbst eine Art Inseldasein, wie die Künstlerin Emma Malig mit ihrer gewaltigen Landkarte nahelegt. Guzmán nähert sich dieser Wasserlandschaft aus der Vogelperspektive und in faszinierend dahingleitenden Bildern, in denen sich bläulich-kristalline Eisformationen mit den Geräuschen der Stille verbinden. In diese wiederum spricht der Regisseur und Autor Guzmán mit wohltuend ruhiger und deutlicher Stimme seine assoziativen Betrachtungen.

„Wir sind alle Ströme desselben Wassers“, zitiert er eingangs den chilenischen Dichter Raúl Zurita. Die Analogien zwischen Mensch und Wasser, ablesbar an beider Anpassungsfähigkeit, aber auch an der Herkunft des Menschen aus dem Wasser, steht in Korrespondenz zum nachweisbaren, in Form von Dampf und Eis auftretenden Wasservorkommen im Universum. Dass sie nach ihrem Tod zu Sternen werden, hofften wiederum die indigenen Wassernomaden, die im rauen Klima Westpatagoniens Tausende von Jahren im Einklang mit den Elementen lebten, indem sie von Insel zu Insel zogen und sich von den Früchten des Meeres ernährten. Respektvoll und mit großer Sympathie nähert sich Guzmán im ersten Teil seines Films ihrer Geschichte. Diese endet, als sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch weiße Siedler brutal vertrieben und ausgerottet werden. Jetzt sprechen ein paar der wenigen überlebenden Nachfahren dieses Wasservolkes in die Kamera, die ihre Stimmen, ihre Sprache, aber auch ihre Gesichter aufzeichnet und bewahrt.

Wie schon in seinem vorhergehenden Film erinnert Guzmán in „Der Perlmuttknopf“ an das Schicksal von Verschwundenen, deren Spuren sich zu verlieren drohen, und bewahrt sie so vor dem Vergessen. Nach wie vor verschwunden sind aber auch noch viele Opfer der grausamen Pinochet-Diktatur, jene sogenannten „desaparecidos“, die der Dokumentarist einmal mehr in die Gegenwart holt. Wie ein unmenschliches, verbrecherisches System die Tötung und Beseitigung von Menschen geradezu als „Arbeit“ organisiert, zeigt der Film, indem er die Taten der Schergen nachstellt. Mit Schienenstücken beschwert und in Kartoffelsäcke verpackt, wurden vermutlich bis zu 1400 Ermordete ins Meer geworfen. Doch das Wasser hat ein Gedächtnis; und der Perlmuttknopf, der sich in den Ablagerungen des verwitterten Eisens verfangen hat, gibt als Zeugnis des geraubten Lebens Kunde von einer verschwiegenen Geschichte der Vernichtung, die noch längst nicht aufgearbeitet ist. Patricio Guzmáns eindrucksvoller Film gibt ihr eine hörbare Stimme.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Der Perlmuttknopf
(El botón de nácar)
Frankreich / Chile / Spanien 2015 - 82 min.
Regie: Patricio Guzmán - Drehbuch: Patricio Guzmán - Produktion: Bruno Bettati - Kamera: Katell Djian - Schnitt: Emmanuelle Joly - Musik: José Miguel Miranda, José Miguel Tobar, Hugues Maréchal - Verleih: Real Fiction Filmverleih - Besetzung:
Kinostart (D): 10.12.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt4377864/
Foto: © Real Fiction Filmverleih