Der letzte schöne Herbsttag

(D 2010; Regie: Ralf Westhoff)

Unterdurchschnittlich? Unterirdisch!

„Und deine Inseln der Unruhe werden Festland. Du sitzt am Tisch für vier und starrst an die Tapete. Es ist Musik aus der Fabrik und will mit dir beten. Aber jeder Satz bleibt hängen bei allein, allein, allein.“

– Tele, „Wunder in Briefen“ –

Kennen Sie den schon? Warum gehen Männer so gern in den Elektro-Markt? Weil sie dort alles anfassen dürfen, ohne eine gescheuert zu bekommen! Wuhahaha! Ist allerdings nicht von mir, ist von Mario Barth. Könnte aber auch von diesem Hirschhausen sein. Oder gefühlt Hunderten anderer sogenannter Comedians. Oder von Caveman, dem Sprachrohr narzisstischen Schwachsinns im erfolgreichen Einmann-Theaterstück gleichen Titels. Oder von Ralf Westhoff, der sich nach der gar nicht üblen Speed-Dating-Komödie „Shoppen“ erneut des offenbar in bestimmten Kreisen immergrünen Themas „Warum Männer und Frauen einfach nicht zusammen können“ angenommen hat.

Sie wissen schon: Er Jäger, sie, gähn, Sammlerin und so weiter und so fort. Ging es in „Shoppen“ noch um Paarbildung gemäß der herrschenden ökonomischen Ratio, so geht Westhoff jetzt entschieden einen Schritt weiter und illustriert die Grabenkämpfe innerhalb einer Beziehung, die schon bessere, vielleicht aber auch noch nie gute Tage sah. Und das geht so: Studentin Claire und Umweltaktivist Leo, beide um die 30, sind seit zwei Jahren ein Paar, obwohl Claire sich als „unterdurchschnittlich glücklich“ empfindet und sie von Leo wissen will, ob sie denn eine Affäre oder eine Beziehung haben.

Viel gemeinsam haben sie jedenfalls nicht: Sie mag Sex laut und häufig, er findet schon leisen Sex überschätzt. Sie will immer diskutieren, er eher nicht. Sie schickt lange romantische SMS, er weiß, dass Rilke besser dichten konnte. Sie ist patent, er introvertiert. Sie ist Hypochonderin, er isst Geflügel auch mal roh. Sie macht Yoga, er geht wandern. Die größte Gemeinsamkeit: beide verfügen über sehr viel freie Zeit, die sie komplett in Beziehungsarbeit investieren, mit der wir hier zugemüllt werden.

Dazu greift Westhoff auf einen gut eingeführten Trick aus „Shoppen“ zurück und lässt die Darsteller in halbnahen Einstellungen direkt in die Kamera sprechen. Wie bei einem Interview-Film besteht „Der letzte schöne Herbsttag“ aus einer Abfolge von Talking Heads. Die Montage ist zügig und sowohl die Dialoge der wenigen Szenen mit Spielhandlung (die den Interviews quasi als Beweisstücke beigestellt werden) als auch die Monologe sind brachial auf beifallheischende Pointe oder Kalenderspruch-Sentenz gearbeitet, was den Film ungeheuer selbstgefällig und geschwätzig macht.

Da sagt dann sie schon mal allen Ernstes: „Ich bin ein verlorener Stern im All, und ich brauche dich um mich rum. Aber ich hab Angst, dass meine Anziehungskraft nicht reicht. Und dann muss ich wieder alleine durchs All fliegen. Davor fürchte ich mich.“ Herr im Himmel! Hier kreist buchstäblich alles um die regressiv vor sich hin mäandernden Beziehungsprobleme zweier Nervensägen, die sich fast schon zwanghaft weigern, erwachsen zu werden.

Felix Hellmann, der Leo spielt, gefällt sich zudem augenrollend und nuschelnd in bei „Stromberg“ abgeguckten Manierismen. Ärgerlicher ist eigentlich nur noch das reaktionäre Frauenbild, das diese Ausgeburt der Kleinkunsthölle transportiert. Die emanzipierte Sammlerin mit der niedlichen Kurzhaarfrisur und den bunten Strumpfhosen hätte jetzt gerne den raubeinigen Jäger zum Anlehnen zurück. Sie will auf Händen getragen werden. Irre komisch, oder? Claire, die sich einmal beschwert, dass ihr Zeitungen nicht weiterhelfen, wenn sie wissen will, wie das Leben funktioniert, möchte man mit Tele zurufen: „Du gehst auf die Ämter und willst dich beschweren, aber da ist niemand mehr da, die sind zuhause und feiern Feierabend.“

Benotung des Films :

Ulrich Kriest
Der letzte schöne Herbsttag
(Der letzte schöne Herbsttag)
Deutschland 2010 - 89 min.
Regie: Ralf Westhoff - Drehbuch: Ralf Westhoff - Produktion: Ralf Westhoff - Kamera: Helmfried Kober - Schnitt: Uli Schön - Verleih: X-Verleih - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Julia Koschitz, Leo Felix Hellmann, Katharina Marie Schubert, Leopold Hornung, Maik Solbach, Ingrid Cannonier, Walter Hess
Kinostart (D): 11.11.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1670632/
Foto: © X-Verleih