Der große Kanton

(CH 2013; Regie: Viktor Giacobbo)

Der etwas andere Humor

Die etwas dürftig veranschaulichten Prämissen dieses Films sind schnell skizziert: Schweizer und Deutsche haben viele kulturelle Gemeinsamkeiten, was eine kurze Einspielung des Schlager- und Volksliedsängers Heino illustrieren soll. Das ist zwar nicht besonders lustig, aber jedenfalls in satirischer Absicht montiert. Schweizer und Deutsche haben aber leider auch ein paar Probleme miteinander, wenn man an Steuerhinterziehung, Schwarzgeldkonten, deutsche Arbeitsimmigranten und grenzüberschreitenden Fluglärm denkt. Die ebenso abwegige wie abstruse Lösung hierfür könnte lauten: Deutschland tritt der Schweiz als nördlichster, dann 27. Kanton bei, verlässt alsbald die EU und vergrößert dadurch in vielfacher Hinsicht die Eidgenossenschaft. So jedenfalls lautet die Arbeitshypothese des beliebten Schweizer Kabarettisten Viktor Giacobbo, mit der dieser in seinem satirischen Dokumentarfilm „Der große Kanton“, der beim Schweizer Publikum ein großer Erfolg war, Politiker und Kulturschaffende beider Länder konfrontiert.

Giacobbos trockener, ernster Gesprächsstil und seine wohl unterschiedliche Bekanntheit in den benachbarten Ländern bewirkt bei den Interviewten unterschiedliche Grade des unernsten Mitspielens bei möglichst seriösem Auftreten. Ihre Reaktionen werden insofern auch zu Gradmessern der Humorfähigkeit, die offensichtlich beim Germanisten Peter von Matt und der Schriftstellerin Elke Heidenreich besser ausgebildet ist als bei dem einen oder anderen deutschen Politiker, wobei der Witz gerade aus dem schmalen Grad zwischen tatsächlichem Ernst und gespieltem Unernst resultiert. Während etwa Cem Özdemir durch die Eingliederung ein Auseinanderbrechen der BRD fürchtet und Gregor Gysi die umgekehrte Variante, also den Beitritt der Schweiz zu Deutschland naheliegender findet, lobt Joschka Fischer in warmen Worten den kriegerischen Mut und die Freiheitstradition der Schweiz. Die Antworten liefern also immer auch Projektionen des jeweiligen Politiker-Egos und werden durch schnelle Zwischenschnitte in satirischer Absicht immer wieder kommentiert.

Mit offensichtlich Verbündeten wie beispielsweise Gerhard Polt taucht Viktor Giacobbo ein in die (Un)tiefen der Schweizer Geschichte diesseits und jenseits historischer und aktueller Grenzen, findet dabei allerlei (kuriose) Spuren, Heldengeschichten und „plastiline“ Eigenschaften historischer Erzählungen und landet dabei immer wieder bei Mentalitätsunterschieden, Sprachdifferenzen und einem ganz und gar nicht deckungsgleichen Demokratieverständnis. Parodistische Spielszenen ergänzen das bunte Potpourri kultureller Besonderheiten und einer letztlich gar nicht so fernen Nähe, in der dann gefühlsmäßig doch die Gemeinsamkeiten überwiegen. Trotz dünner Konfliktlage und mäßigem bis steifem Witz liefert der Film ein facettenreiches, mehr liebevoll als böse gezeichnetes Bild naher Verwandter in einer „privilegierten Partnerschaft“. Offensichtlich pflegen die Eidgenossen auch einen etwas anderen, verhalteneren Humor.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Der große Kanton
Schweiz 2013 - 85 min.
Regie: Viktor Giacobbo - Drehbuch: Domenico Blass, Viktor Giacobbo - Produktion: Viktor Giacobbo, Ruth Waldburger - Kamera: Stefan Dux, Peter Hammann, Manfred Kotzurek, Martin Schäppi, Christian Witschi - Schnitt: Sophie Blöchlinger, Benjamin Fueter, Fabian Sturzenegger - Musik: Endo Anaconda - Verleih: Camino - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Michael Finger, Viktor Giacobbo, Mike Müller, Chaostheater Oropax
Kinostart (D): 17.07.2014

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2889820/