Camino de Santiago

(CH 2015; Regie: Jonas Frei, Manuel Schweizer)

Mit der Drohne auf dem Pilgerweg

Der Camino de Santiago zählt zu den bekanntesten Pilgerrouten der Welt. Eigentlich führt diese uralte Strecke, zu deutsch: der Jakobsweg, quer durch Europa. Wer beispielsweise in unserem Nachbarland Urlaub macht, der findet in dem kleinen südfranzösischen Städtchen Pésenas die den Weg markierende Jakobsmuschel. Bekannt geworden ist von dieser Route allerdings nur die Zielgerade, der letzte Abschnitt durch Nordspanien. Die Resonanz in Literatur und Film ist beachtlich. Schon vor zehn Jahren erzielte Coline Serreau mit „Saint Jacques … Pilgern auf Französisch“ einen Arthouse-Hit. Hape Kerkelings autobiografische Beschreibung „Ich bin dann mal weg“ avancierte zum Bestseller und prägte eine gebräuchliche Redewendung. Sogar die ARD schickte Ann-Katrin Kramer und Elmar Wepper in einem populären TV-Movie auf die befreiende Wanderung nach Santiago de Compostela. Die filmischen Beispiele sind damit längst noch nicht erschöpft. Wer also tatsächlich innere Einkehr sucht, sollte sich von diesem touristischen Event besser fern halten. Es wimmelt hier vor Menschen wie in der Fußgängerzone.

Nun begaben sich auch noch die beiden schweizerischen Filmemacher Jonas Frei und Manuel Schweizer auf den ausgetretenen Pfad. Nicht zu Fuß, sondern mit dem Fahrrad. Ist das unsportlich? Unterwegs haben sie Wanderer aus aller Herren Länder in Small Talks mit einem erstaunlich ähnlichen Tenor verwickelt. Von dem ursprünglich christlichen Motiv der Wanderung auf dem Camino de Santiago haben die Pilger von heute kaum mehr eine Vorstellung. Darin gleichen sie dem Film von Jonas Frei und Manuel Schweizer, der den religiösen Hintergrund nur streift. Auch die Wanderer von heute haben es gerne unverbindlich. Sie wollen, so die übereinstimmende Bekundung, dem hektischen Getriebe des Alltags entfliehen und hoffen auf ein, wie es immer wieder heißt, spirituelles Erlebnis. Genau betrachtet, reduziert sich diese Spiritualität light auf eine körperliche Verausgabung. Das selbst auferlegte Martyrium von heute: Es beschränkt sich auf wund gelaufene Füße, die man mit einem Blasenpflaster verarzten kann. Und nach anstrengenden Gewaltmärschen ist eine bescheidene Mahlzeit dann ein göttliches Geschenk.

Was die betulichen Betrachtungen, die mit Off-Kommentator und eingeblendeter Landkarte arbeiten, von anderen Filmen unterscheidet, sind die zum Teil recht bemerkenswerten Aufnahmen. Bereits die Exposition, bei der sich der imposante Blick über Berge und Täler auf eine gefühlte Unendlichkeit hin öffnet, wirkt wie in einem „Herr der Ringe“-Film. Ein unerwartetes Filmerlebnis. Doch dieser visuell überwältigende Wow-Faktor verschleißt sich leider schon bald. Jede Kirche, und davon gibt es auf dem Weg einige, wird mit dem fliegenden Auge einer Kamera-Drohne von oben gezeigt. Es wird rasch deutlich, dass die Fixierung auf diese – anfangs erfrischend neu erscheinende – Perspektive, die sich durch eine rein technische Innovation ergibt, der eigentliche Inhalt dieses Dokumentarfilms ist. Die Menschen auf dem Jakobsweg treten dabei etwas in den Hintergrund. Zwar ist zu erfahren, dass es ein unbeschreibliches Gemeinschaftsgefühl unter den Pilgern gibt, jeder hilft dem anderen, doch die jeweils nur kurzen Erzählungen der Wanderer sind nicht abendfüllend. Das Problem der touristischen Vermassung und der Kommerzialisierung des Jakobswegs wird immerhin angedeutet. Die Filmemacher haben ein spezielles Interesse daran, ihr Sujet nicht madig zu machen: Weil der Film ansonsten sich selbst und seine ach so wunderschönen Bilder nicht mehr unkritisch feiern könnte.

Die konventionelle Dokumentation verlässt sich zu sehr auf nur anfangs beeindruckende Luftaufnahmen. Doch durch die Inflation der Vogelperspektive erscheinen die Beobachtungen irgendwann buchstäblich abgehoben. Durch den Blick von oben, der ja eigentlich auch der Gottesperspektive entspricht, kommt der Film Gott nicht näher. Zumal die sich in den Vordergrund drängend Musikuntermalung schon nach wenigen Minuten nervt. Die filmische Reise kommt gefühlte zehn Jahre zu spät und wirkt, gemessen an ihrem Sujet, nicht wirklich kontemplativ.

Benotung des Films :

Manfred Riepe
Camino de Santiago
Schweiz 2015 - 86 min.
Regie: Jonas Frei, Manuel Schweizer - Drehbuch: Ivan Hernandez - Produktion: Jonas Frei - Kamera: Jonas Frei, Alan Sahin, Manuel Schweizer - Schnitt: Alan Sahin - Verleih: Farbfilm - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung:
Kinostart (D): 04.06.2015

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt4264562/