Brasch – Das Wünschen und das Fürchten

(D 2011; Regie: Christoph Rüter)

„Schreiben heißt für mich, die Angst zu überwinden ...“

Immer wieder friert Christoph Rüter die Bilder des Films ein: Brasch nachdenklich, Brasch mit Zigarette, nonchalant, Brasch mit dunklen, stechend scharfen Augen. Um ihn herum: die Wohnung, Stapel von Papier, Bücherwände, Spiegel, die Fenster hinaus auf Berlin. Dokumentarische Interviewbilder, Schlaglichter, das Standbild als Poster. So wird man sich an ihn erinnern: die einprägsame Physiognomie, das zerfurchte Gesicht der späten Jahre. Es findet seinen Platz in der Erinnerung neben den frühen Fotos, die man von ihm kennt: mit Whiskeyflasche auf dem Tisch, entspannt die Beine auf dem Sofa übereinander geschlagen, eine gestikulierende Katharina Thalbach neben sich, die eine Zeit lang seine Lebensgefährtin war und mit der er in den Westen gegangen ist. Gegangen wurde.

Wo er zwar Erfolge feierte und hofiert wurde für sein Dissidententum, dem er aber misstraute und wo ihm auch nach und nach die Reibung am System verloren ging, ganz ähnlich wie einem Heiner Müller nach der Wende („Wer keinen Feind mehr hat, trifft ihn im Spiegel“). So ist es kein Wunder, dass er später, nach der Wiedervereinigung freilich, zurück in den ehemaligen Osten Berlins zog, nicht weit entfernt vom Berliner Ensemble. Sich dort abkapselte, rauchte, soff und ausgiebig kokste. Und wenn bei Heiner Müller noch die Tauben auf Berlin schissen, so ist es bei Brasch das Kokain, das auf die Stadt herabfällt: „Das schneit, Kinder, das schneit / die Horizonte werden weit, / der Schnee, so schönes Kokain / fällt nieder auf die Stadt Berlin“ (aus dem Gedicht „Der schnelle Schnee – Lied der Kokainintellektuellen“). Brasch arbeitete da an seinem Brunke-Mammutprojekt (später dann: „Mädchenmörder Brunke“, Roman bei Suhrkamp), für das sich zehntausende Manuskriptseiten auf dem Fußboden ansammelten und stapelten.

„Brasch – Das Wünschen und das Fürchten“ ist überwiegend chronologisch, entlang der Biographie des Schriftstellers arrangiert, der Lyriker, Dramatiker und Filmemacher zugleich war. Es werden etliche Dokumente, Ausschnitte und Spielfilmsequenzen von Christoph Rüter zu einem Mosaik montiert, das die Involviertheit des Künstlers in die verschiedenen Kunst-Bereiche portraitiert. Seine berühmte Nestbeschmutzer-Rede bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises in Anwesenheit von Franz-Josef Strauß ist im Film ebenso zu bewundern wie Sequenzen mit Brasch aus Hanns Zischlers Dokumentarfilm „Ich gehe in ein anders Blau“ über Rolf Dieter Brinkmann. Außerdem gibt es etliche Ausschnitte aus den Langfilmen „Engel aus Eisen“, „Domino“ und „Der Passagier“ (mit Tony Curtis) sowie aus den Theaterstücken „Lieber Georg“, „Rotter“ und „Liebe Macht Tod“. Aus der deutsch-deutschen Theater- und Literaturszene ist er nicht wegzudenken, auch wenn er nie die Popularität der ganz großen Namen erlangte. Gegen Ende finden sich dann verstärkt aufwühlende Handkameraaufnahmen, die Brasch in seiner Wohnung von sich selbst gemacht hatte, vor den Spiegeln und den vollgekritzelten Wänden, nach den Herzinfarkten und von der Krankheit gezeichnet. Sie zeigen ihn als fragile Person, die gleichwohl keineswegs kraftlos ist, sondern voller Energie zu stecken scheint. Aber eben die Kraft desjenigen, der auf der Suche ist, der seinen Platz nicht finden kann und sich an den politischen wie gesellschaftlichen Zuständen reibt.

Christoph Rüter gelingt ein intimes Portrait seines Freundes Thomas Brasch, das nie sentimental wird oder gar gekünstelt wirkt. Eine liebevolle und spannende Hommage zugleich, die von einer klaren Offenheit ist und in ihrem weiteren Horizont die Rolle der Schriftsteller und Intellektuellen in der Zeit vor und nach dem großen Umbruch der Wiedervereinigung darstellt. Eine Hommage, die bisweilen nicht nur melancholisch ist, sondern manchmal auch schmerzt. Wie Brasch im Interview mehrfach sagt: es ist die Wunde, die ihn interessiert, der Riss, der durch den Menschen geht.

Benotung des Films :

Michael Schleeh
Brasch – Das Wünschen und das Fürchten
(Brasch – Das Wünschen und das Fürchten)
Deutschland 2011 - 92 min.
Regie: Christoph Rüter - Drehbuch: Christoph Rüter - Produktion: Gerd Haag - Kamera: Renee Kirschey, Patrick Popow, Christoph Rüter - Schnitt: Rune Schweitzer - Verleih: Neue Visionen - Besetzung: Thomas Brasch
Kinostart (D): 03.11.2011

DVD-Starttermin (D): 22.06.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1885208/
Link zum Verleih: http://www.neuevisionen.de/shopping/product_info.php/brasch-dvd-p-300?S=qvinehqe