19. Internationales Filmfest Oldenburg 2012

von Carsten Happe


Im Vorfeld der 19. Ausgabe musste das Filmfest Oldenburg manche stürmische See durchqueren und erhebliche Einbußen in der Finanzierung hinnehmen. Dass dies der Programmqualität keinen Abbruch tat, bewiesen Festivalleiter Torsten Neumann und sein Team aufs Leidenschaftlichste.

Ein Walk of Fame in einer Stadt wie Oldenburg klingt zunächst wie eine reichlich aberwitzige Idee, zumal auch der Boulevard der Stars auf einem Mittelstreifen in Berlin nicht gänzlich frei von Peinlichkeiten daherkommt. Die Symbolkraft der Pflastersterne in Oldenburg ist allerdings immens, verkörpern die bislang sechs Geehrten (mit Ausnahme von Peter Lohmeyer) ein US-amerikanisches Independent-Kino, dem sich das Filmfest seit Anbeginn mit Enthusiasmus verschreibt; ein Independent-Kino, das sich vor allem in New York verortet und weniger in Los Angeles, und das ein stetig wachsendes, beziehungsreiches Geflecht repräsentiert, wie der diesjährige Festivaljahrgang aufs Schönste verdeutlicht: die Jurypräsidentin Mira Sorvino, Neuzugang auf dem Walk of Fame, spielt in Nancy Savocas „Union Square“ die Hauptrolle, Matthew Modine hat seinen Auftritt in Joseph Rezwins liebevollem Dokuportrait „Gazzara“ über den zu Beginn des Jahres verstorbenen Cassavetes-Darsteller Ben Gazzara, dem in der Festivalgeschichte Oldenburgs ebenso ein Tribute gewidmet wurde wie auch Nancy Savoca und dem Festival-Godfather Seymour Cassel, der in diesem Jahr nicht nur in zwei Filmen vertreten war, sondern ab dieser Ausgabe auch als Namenspate für den neuinstallierten Schauspielpreis fungiert.

Alles ist verbunden, nicht allein auf einer launigen „Six Degrees of Kevin Bacon“-Ebene, sondern vor allem durch einen gemeinsamen Independent-Spirit, der sich insbesondere durch die US-amerikanischen Beiträge zog. Mehrfach wurde in den Filmgesprächen angemerkt, dass Teile des jeweiligen Films in den Wohnungen des Produzenten oder Regisseurs entstanden seien, dass die Qualität des mobilen, digitalen Equipments teure Studiobauten verlustfrei ersetze. So auch bei Nancy Savocas hinreißender Familiendramödie „Union Square“, in der Mira Sorvino eine der besten Performances ihrer Karriere zeigt, oder auch beim Abschlussfilm „Lost Angeles“, der aktuellen Regiearbeit des Starkameramanns Phedon Papamichael, dem die diesjährige Retrospektive gewidmet war. Während „Lost Angeles“ noch ein wenig unentschieden durch die down and dirty-Seiten der Stadt mäanderte, überzeugte „California Solo“ von Marshall Lewy auf ganzer Linie. In der ländlichen Peripherie von L.A. versucht der ehemalige Britpop-Star Lachlan nach dem Ende der Musikkarriere sein Leben auf die Reihe zu bekommen und erkennt erst, als alles auf dem Spiel steht, dass ihn seine Soloexistenz nicht retten kann. Der Film besticht durch seinen relaxten Erzählstil und einer komplexen Hauptfigur, die dem schottischen Darsteller Robert Carlyle wahrlich auf den Leib geschrieben wurde.

Auch der irische Nachwuchsstar Saoirse Ronan scheint ihren bevorzugten Rollentypus gefunden zu haben und verkörpert nach dem Titelcharakter in „Wer ist Hanna?“ in Geoffrey Fletchers „Violet & Daisy“, dem Regiedebüt des Oscar-prämierten Drehbuchautors von „Precious“, bereits zum zweiten Mal eine jugendliche Killerin. Diesmal an der Seite von „Gilmore Girl“ Alexis Bledel und wesentlich ironischer als im erratischen „Hanna“, ist „Violet & Daisy“ ein Camp-Vergnügen, das an zu Unrecht vergessene Genreperlen wie Angela Robinsons „D.E.B.S.“ erinnert. Mit der grimmigen Rachephantasie „Girls Against Boys“ von Austin Chick hatte das Filmfest Oldenburg auch gleich ein dunkles Gegenstück im Angebot, das „Thelma & Louise“ gewissermaßen in die Rente ballerte. Frauenpower also allerorten, auch in der internationalen Jury, die erstmals rein weiblich besetzt war, und ihre German Independence Awards – ebenso wie das Publikum – verdientermaßen an den Regisseur Jan Ole Gerster und Hauptdarsteller Tom Schilling für den Eröffnungsfilm „Oh Boy“ vergaben. So viel Einigkeit ist selten, höchstens noch in dem Faktum, dass das Filmfest Oldenburg auch weiterhin unbedingt erhalten und unterstützt werden muss.

(Alle Bilder: © Internationales Filmfest Oldenburg 2012)