filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

An der Wand die Fuchsmaske

Christoph Haas

Nicolas Wouters′ und Mikael Ross′ Graphic Novel "Totem"

All diese Coming-of-Age-Geschichten - mit besonders großer Neugierde schlägt man sie nicht mehr auf. Vor einigen Jahren waren sie ein attraktiver Gegenentwurf zu den diversen Genrestoffen, die in der Welt der Comics nach wie vor dominieren. Inzwischen sind sie fast selbst zu einem Genre geworden, mit oft standardisierten Inhalten und Wendungen. Die autobiografische Nabelschauerei, die sie mitunter betreiben, kann einem schon mal auf die Nerven gehen.

Aber dann gibt es immer wieder die herrlichen Ausnahmefälle, die zeigen, was möglich ist, wenn sich große Talente der Sache annehmen. Im letzten Jahr war dies "Ein Sommer am See" von Mariko und Jillian Tamaki; nun ist es "Totem", entstanden in einer Zusammenarbeit des belgischen Szenaristen Nicolas Wouters mit dem in Berlin lebenden Zeichner Mikael Ross.

Die Graphic Novel beginnt mit Bildern von einem unheimlichen Spiel. Der zwölfjährige Louis simuliert einen Chirurgen, der seinem drei Jahre jüngeren Bruder Thomas einen Plüsch-Godzilla aus dem Magen operiert. Pürierte Tomaten dienen als Blut, zwei kaputte Bügeleisen als Defibrillator. Als alles vorbei ist und aufgeräumt werden soll, bricht Thomas plötzlich zusammen. Woran er leidet, erfährt man nie; bald darauf jedoch kämpft er im Krankenhaus mit dem Tod.

Die Eltern schicken Louis in ein Pfadfinderlager in die Ardennen, nahe der französischen Grenze. Von Sommer keine Spur, es regnet dauernd in Strömen. In der Gruppe herrscht zudem eine Atmosphäre, die weniger an die Ideale von Robert Baden-Powell als an den "Herrn der Fliegen" denken lässt. Die Stärkeren drangsalieren, sowohl in physischer wie in psychischer Hinsicht, die Schwächeren, und die unbarmherzigen Prüfungen, die den Jungen von ihren Anführern, einem Bruder-Schwester-Paar, auferlegt werden, leiten einen Prozess der Verrohung und Enthemmung ein, der zum Rückfall in archaisch-tribalistische Verhaltensmuster führt.

So begibt sich der Comic schließlich in ein Zwischenreich, in dem Traum und Wirklichkeit, Fantastisches und Reales nicht mehr deutlich voneinander zu trennen sind. Louis trifft nicht nur auf seinen Bruder, sondern auch auf einen Leo­parden, der aus dem Zoo ausgebrochen ist. Selbst zum Fuchs geworden, durchstreift er an dessen Seite die Wälder und findet Unterschlupf in einem der Bunker der Maginot-Linie, deren Trümmer auf Gewaltzusammenhänge verweisen, von denen sich hier ein spätes, gespenstisches Echo vernehmen lässt.

Das große, fast quadratische Format des Bandes steht im Kontrast zu den überwiegend kleinen Panelgrößen. Trotz der betörenden Aquarell- und Buntstiftkombinationen ergibt sich kaum je der Eindruck einer majestätischen Natur; die Figuren wirken im Draußen wie eingesperrt. Sehr groß ist die Sicherheit, mit der Mikael Ross auswählt, was er wann und wie abbildet. Dies gilt vor allem bei ersten Auftritten, etwa wenn eine hübsche, ganz in Schwarz gekleidete Frau im Camp auftaucht oder wenn der Leopard auf einem riesigen umgestürzten Baumstamm steht und dem vor Schrecken starren Louis tiefgründig, forschend in die Augen blickt.

Meisterhaft ist der doppelte Schluss von "Totem". Auf eine herzzerreißende Szene zwischen den Brüdern, die den Anfang variiert, folgt ein versöhnender Moment, der eine an den Ereignissen gereifte Gemeinschaft von Freunden zeigt. An der Wand aber hängt, von einem Hund misstrauisch angeknurrt, die Fuchsmaske, die Louis im Wald getragen hat - ein Zeichen dafür, dass sich die Abgründe, von denen dieser Comic erzählt, immer nur temporär schließen können.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: taz

Nicolas Wouters (Text), Mikael Ross (Zeichnungen): "Totem". Deutsch von Claudia Sandberg. Avant-Verlag, Berlin 2016. 128 Seiten. 29,95 Euro


Seite aus "Totem" (© Avant Verlag)



Artikel teilen:          
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 23.02.2017

A Cure for Wellness

(USA, D 2017; Gore Verbinski)
Gore dreht auf - und Aale zittern von Drehli Robnik

Boston

(USA 2016; Peter Berg)
Armes Amerika! Tod, Cops, Trost, Lob, Stolz - Boston (eine rechtspopulistische Actionperle) von Drehli Robnik
kinostart: 16.02.2017

Elle

(FR, DE, BE 2016; Paul Verhoeven)
Angstlust von Wolfgang Nierlin
kinostart: 09.02.2017

Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe

(USA 2017; James Foley)
Shades of Verwertung von Jürgen Kiontke

The LEGO Batman Movie

(USA/DK 2017; Chris McKay)
Zusammen ist man weniger allein, oder: Brothers in Crime von David Auer
kinostart: 02.02.2017

The Salesman

(IR, FR 2016; Asghar Farhadi)
Der schuldige Mensch von Wolfgang Nierlin
kinostart: 26.01.2017

Hacksaw Ridge - Die Entscheidung

(USA/AUS 2016; Mel Gibson)
Im rechten Licht gesehen von Drehli Robnik

Resident Evil 6: The Final Chapter

(F/D/CA/AUS 2016; Paul W.S. Anderson)
Erkenntnisschock im Horrorschlock: In der Zombienormalität ist Geist Minorität von David Auer
kinostart: 19.01.2017

Die Hölle - Inferno

(AT/D 2016; Stefan Ruzowitzky)
Relativ böse, absolut fremd von Drehli Robnik

Personal Shopper

(F 2016; Olivier Assayas)
Gespenstische Welt von Nicolai Bühnemann

Where to, Miss?

(D 2015; Manuela Bastian)
Selbstbestimmte Autofahrt von Jürgen Kiontke
kinostart: 12.01.2017

La La Land

(USA 2016; Damien Chazelle)
Morgen soll wie gestern sein von Ricardo Brunn

Wild Plants

(DE/CH 2016; Nicolas Humbert)
Widerstand aus der Nische von Wolfgang Nierlin
kinostart: 05.01.2017

Passengers

(USA 2016; Morten Tyldum)
Was ist faul an Bord? von Drehli Robnik

Terror in der Oper

(IT 1987; Dario Argento)
Das überwältigte Auge von Ricardo Brunn
auf dvd:aktuelldemnächst

kurzkritik

The Purge: Election Year

(USA / F 2016; James DeMonaco)

Black Power versus Nationalwahn im Wahljahr

von Drehli Robnik

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

9 Songs

(GB 2004; Michael Winterbottom)

Sex. Sex. Sex.

von Dietrich Kuhlbrodt

ältere filme

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

Abwärts

(BRD 1984; Carl Schenkel)

Die Steckengebliebenen

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comic

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

Glücklich, was sonst?

Maria und Miguel Gallardos illustrierte Erzählung "Maria und ich" korrigiert viele Klischees über Kinder mit Autismus

von Sven Jachmann

An der Wand die Fuchsmaske

Nicolas Wouters′ und Mikael Ross′ Graphic Novel "Totem"

von Christoph Haas

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-12

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

festival

Berlinale 2015 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

Berlinale 2014 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn