filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Lukas Schmutzer

Denken wie Film

Was sind unmögliche Lektüren? Im Gespräch mit Katharina Müller sagt Michael Haneke an einer Stelle: "Den Großteil der filmwissenschaftlichen Sachen, die ich über mich gelesen habe, hab ich nach kürzester Zeit aufgehört zu lesen, weil ich nicht weiß, wovon die reden. Jedenfalls nicht von meinen Filmen." Hat Haneke Recht, öffnet sich zwischen dem Werk und den Werkzeugen der Rezeption eine Kluft: Anstatt den Film abzutasten, würde ein verblasstes Bild desselben in einen Theoriekomplex eingegliedert, der nach einer ganz anderen Logik funktioniert als das Werk selbst.

"Unmögliche Lektüren" von Matthias Wannhoff trägt den Untertitel "Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes". Diese Rolle wird, grob gesagt, in sich wiederholenden Versuchsanordnungen untersucht, an denen drei Parteien partizipieren: (1) Jeweils ein Film Michael Hanekes ("Benny′s Video", "Funny Games" und "Caché"), (2) die Hermeneutik und (3) die medienmaterialistische Theorie in der Tradition von Friedrich Kittler und Wolfgang Ernst, bzw. in der Untersuchung von "Funny Games" auch das Denken von Vilém Flusser.

Betrachtet man diesen Lageplan im Kontext der Haneke′schen Äußerung, ergeben sich schon im Vorhinein Fragen: Braucht es die Medientheorie, um die innere Logik eines Films zu erfassen? Was wäre der Gewinn, wenn man Koinzidenzen aufzeigt? Lernt daraus die Medientheorie? Lernt daraus der Film? Kann mehr als ein Leistungsnachweis erfolgen, im Sinne von: Das lässt sich mit Kittler ausgezeichnet erklären, lesen sie ihn!? Oder könnte diese Begegnung etwas für die Kittler′sche Theorie bringen, im Sinne von: Hanekes Filme erschüttern die Theorie an diesem Punkt, das muss man nochmal überdenken?

Kittlers Medientheorie hat zur Grundlage, dass es Medien sind, die unsere Lage bestimmen, und damit das, was gesagt, gedacht, geschrieben werden kann. Ein in diesem Sinne medientheoretisches Unterfangen würde auf keine inhaltiche Interpretation hinauslaufen, sondern auf das Klären der Frage, inwiefern das Medium "Film" erst bestimmte Aspekte der Werke Hanekes ermöglicht, die so z.B. in Schrift oder Fotografie allein nicht möglich wären. Diese Frage steht nicht im Mittelpunt von "Unmögliche Lektüren", sondern ein paradox anmutendes Unternehmen: "Vielmehr gilt es, technikzentrierte Theoriebildung und ästhetische Praxis als gleichberechtigte Orte der medientheoretischen Reflexion aufzufassen, die beide auf ihre Weise über Medientechnik nachdenken - mit der Besonderheit allerdings, dass diese Weisen in einem auffälligen Ähnlichkeitsverhältnis zueinander stehen." (10) Es geht also darum, die Filme auf Inhaltsebene als Medientheorie zu lesen. Schon die Einleitung thematisiert dieses Problem, dass hier eine Theorie aus etwas sprechen soll, wo die zugrunde liegende Perspektive eigentlich das Rauschen der Medien hören will. Das Schlusskapitel versucht dem Problem beizukommen, indem es zeigt, wie die Art und Weise, in der in Hanekes Filme Störungen auftreten, Erkenntnis gestiftet wird - aber, ließe sich einer solchen conclusio erwidern, sind dann Hanekes Filme tatsächlich Medientheorie, oder erzwingen sie vielmehr gewisse Reflexionen, in der Art und Weise, wie sie Medien inszenieren?

Eine solche Fragestellung hält sich "Unmögliche Lektüren" auf Distanz. Sie klingt z.B. in Äußerungen an, die Haneke selbst im Rahmen von Interviews getätigt hat, und die die vorliegende Studie bezichtigt, einen "blinden Fleck" (14) zu haben. Die Filme Hanekes sollen quasi gegen die Interpretation ihres Schöpfers verteidigt werden: "Nicht nur methodisch, sondern bereits sachlich gilt daher, dass die Eigeninterpretationen Hanekes - aus medientheoretischer Perspektive - ihrerseits ausgeklammert werden müssen, um überhaupt so etwas wie interpretatorisches Neuland betreten zu können." (14) Wie Wannhoff in diesem Zusammenhang zeigt, stehen Hanekes Äußerungen in der Tradition der Kritischen Theorie, zu der Kittler - es sei hier mit eigentlich verfälschender Zurückhaltung ausgedrückt - ein distanziertes Verhältnis pflegte.
(Was die Studie in diesem Zusammenhang anmerken hätte können, aber ihrer weiteren Argumentation auch nicht in die Quere kommt, wäre, dass sich gefühlt genauso viele Stellen finden lassen, in denen Haneke betont, er wolle die Zuschauer lieber mit ihrer Interpretation alleine lassen - "I don't want to impose my own views beyond what I have already committed to film.")

Doch wie arbeitet "Unmögliche Lektüren" konkret mit den Filmen? Die grundlegende Strategie besteht darin, anhand präziser Beobachtungen die zentralen Konflikte der Filme nicht etwa auf die Konfrontation verschiedener sozialer Klassen o.ä., sondern auf das Agieren von Medientechniken zurückzuführen. Dabei werden die untersuchten Filme zunächst gegen verschiedene Hermeneutiker ausgespielt - da Hanekes Filme das Scheitern von Kommunikation zum Ausdruck bringen, ist dies nachvollziehbar.

Die Untersuchung von "Benny′s Video" demonstriert dann eindrucksvoll, welche Wege medientheoretische Reflexionen der Rezeption eröffnen können: Es wird gezeigt, dass die Hauptfigur des Films (und aufgrund der Montage auch der Zuschauer), genau dort zur Reflexion über gewaltvolles Handeln gezwungen wird, wo die Gewalt nicht mehr durch die Medientechnik aufgezeichnet wird.

In "Funny Games" wird eine "Krise der Linearität" im Sinne Flussers festgestellt, die von Medien ausgeht - etwa dadurch, dass ein Mörder die Handlung des Films per Fernbedienung zurückspulen und verändern kann. Ob eine solche Krise prinzipiell von Medien verantwortet sei, wie an dieser Stelle behauptet, müsste allerdings weit ausführlicher diskutiert werden, als dies im Rahmen der Untersuchung geschieht (nicht erst das als Beleg herbeizitierte "Pulp Fiction" hat in sich verwickelte Handlungsstränge). Gerade bei "Funny Games" scheint mir diese These aber besonders problematisch: Schickt dieser Film nicht eine Familie ins Verderben, und dies mit einer sonst ungesehenen Linearität, in deren Dienste verschiedene Medien stehen?

"Caché" schließlich zeige die Unfähigkeit eines Hermeneutikers, mit anonymen Videos umzugehen, die ihm zugeschickt werden. Die medientheoretischen Überlegungen, die hier getätigt werden, unterscheiden die Videos von einem herkömmlichen Drohbrief und weisen darauf hin, wie das entsprechende Medium eine Autorlosigkeit erzwinge. Ähnlich wie bei "Funny Games" fragt sich aber, ob hier nicht mit mehr Nachdruck differenziert werden müsste - auch wenn die Videobilder ohne "Autor" sein mögen, beraubt man den Film um viele seiner Ebenen, wenn nicht ausreichend berücksichtigt wird, dass die Videokamera zuweilen gehalten worden ist. Damit kann "Unmögliche Lektüren" zwar auf Blindstellen hindeuten, läuft aber Gefahr, noch einmal so viele zu schaffen, wie im Rahmen der Untersuchungen aufgedeckt werden sollten.

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes. Kulturverlag Kadmos, 2. Aufl., Berlin 2015. 176 Seiten. 22,50 Euro

Artikel teilen:          
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 18.05.2017

National Bird

(USA 2016; Sonia Kennebeck)
Sind so viele Drohnen... von Jürgen Kiontke

Nocturama

(BE/DE/FR 2016; Bertrand Bonello)
Terror als surrealistische Geste von Ulrich Kriest

Nocturama

(FR/DE/BE 2016; Bertrand Bonello)
Krankheit zum Tode von Wolfgang Nierlin
kinostart: 11.05.2017

Das Ende ist erst der Anfang

(BE/FR 2015; Bouli Lanners)
Gegen die Angst immer geradeaus von Wolfgang Nierlin

Rückkehr nach Montauk

(DE, FR, IE 2017; Volker Schlöndorff)
Tier mit wechselnden Standpunkten von Wolfgang Nierlin
kinostart: 04.05.2017

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Black Lives Matter, White Lies Splatter von Drehli Robnik

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Kollektiver Albtraum der amerikanischen Zivilgesellschaft von Nicolai Bühnemann

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
The Horror, the horror von Marit Hofmann

Victoria - Männer & andere Missgeschicke

(FR 2016; Justine Triet)
Selten innerer Frieden von Wolfgang Nierlin
kinostart: 27.04.2017

Der traumhafte Weg

(DE 2016; Angela Schanelec)
Trost durch Schönheit von Wolfgang Nierlin

Die Schlösser aus Sand

(FR 2015; Olivier Jahan)
Lauter Abschiede und ein Neubeginn von Wolfgang Nierlin

Guardians of the Galaxy Vol. 2

(USA 2017; James Gunn)
Daddy Issues im Familien-Business von David Auer
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik

The Founder

(USA 2016; John Lee Hancock)
Von San Bernardino um die Welt mit dem (Nicht-)Gründer Kleptokapitalisten-Kroc von Nicolai Bühnemann
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann

Tiger Girl

(DE 2016; Jakob Lass)
Destruktive Selbstfindung von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
dvd/bluray-start: 19.05.2017

Humanoid

(USA 2016; Joey Curtis)
Endlose Schlachten im ewigen Eis von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 19.05.2017

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)
Afrikabilder von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/D 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Fehlgeleitete Besessenheit im Partyparadies von Nicolai Bühnemann

Spring Awakening

(GR 2015; Constantine Giannaris)
Fotoalbum der Rebellion von Nicolai Bühnemann

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt

kurzkritiken

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)

Surfen im Gaza-Streifen

von Jürgen Kiontke

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)

Gerührt und verführt zur Gleichheit

von Drehli Robnik

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)

Die Aufrüstung der Polizei

von Jürgen Kiontke

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #36

Taxi Driver

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-15

von Jürgen Kiontke

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?