Ulli Lommel (1944-2017)

Die mehreren Leben des Ulli L.
von Christian Keßler

Zuerst bin ich etwas vorsichtig gewesen, als es die Runde machte, aber mittlerweile ist es traurige Gewissheit: Ulli Lommel ist nicht mehr. Wie sehr viele andere Filmfreunde meiner Generation lernte ich ihn am Beginn eines seiner neuen Leben kennen, mit dem Horrorfilm „The Boogey Man“, der Anfang der 80er abräumte. Da ich damals noch ein Guppy war, konnte ich ihn nur auf Video schauen und war natürlich viel zu jung dafür. Die Jugendschützer wären entsetzt gewesen. An der Verkommenheit meines späteren Werdegangs trifft den Film aber keine Schuld. Weder wurde ich ein fieser Serienmörder noch peitschte mich eine Neigung zu schlimmen Fesselspielen. Lediglich eine Fixierung auf Spiegel ließ sich zeitweise feststellen, aber das liegt nun auch schon lange zurück, zum Glück. Später dann lernte ich auch Ullis erstes Leben kennen, oder eines seiner ersten Leben, man muss da sehr vorsichtig sein.

Tatsächlich war er schon im Rennen, bevor er in den Fassbinder-Sachen auftauchte, etwa als deutsche Stimme von Robin, dem jungen Kollegen von Batman. Die Stimme bekam aber einen Körper, als er fester Bestandteil des Fassbinder-Ensembles wurde, gleich in dessen erstem Langfilm, „Liebe ist kälter als der Tod“, der immer noch einer meiner Lieblinge des vielbesungenen Regisseurs ist. Schlaksig, gutaussehend und auf sympathische Weise verpeilt wirkend spazierte er durch die sehr spezielle Fassbinder-Welt, an der Seite von Kurt Raab, Margit Carstensen, Hanna Schygulla und den anderen, die diese Welt teilten. Er blieb ihr lange Jahre treu, von einigen Seitensprüngen abgesehen, etwa Robert van Ackerens „Harlis“ oder Daniel Schmids „Schatten der Engel“. Dann endete dieses Leben, und es begann ein neues.

Den Trailer aus „The Blank Generation“ habe ich verlinkt, weil er mir sehr passend scheint. Man sieht einen immer noch jungen Mann, der Ende der 70er Jahre in den USA eintrudelt, um dort mal zu sehen. Warhol winkt, die ganzen Popgrößen jener Tage sind nicht weit weg. Man sieht Ulli, wie er am CBGBs steht. Das kann ich mir sehr gut vorstellen, da ich selber mal die Ehre hatte, im Berliner S.O.36 aufzutreten, für mich vormals ein mythischer Ort, wo einige meiner Helden wohnten, verewigt durch Auftritte aus einer anderen Zeit. Ulli war jetzt ganz nah an Hollywood dran. Als erstes machte er einige Exploitation-Filme, etwa den bereits erwähnten „The Boogey Man“, der meinen Jugendhimmel besternte. Aber auch andere Sachen, wie den morbiden Psychothriller „Olivia – Im Blutrausch des Wahnsinns“, den Hexenfilm „The Devonsville Terror“ oder den durchgeknallten „Cocaine Cowboys“. Erfahrung als Regisseur hatte er bereits während seiner Fassbinder-Zeit gesammelt. Zusammen mit anderen Bestandteilen dieser Familie machte er etwa den exzellenten „Die Zärtlichkeit der Wölfe“, der die nächtliche Betätigung des Hannoveraner Serienmörders Fritz Haarmann zum Thema hatte. Als ziemlich gut habe ich auch das selten gesehene Polizistendrama „Wachtmeister Rahn“ in Erinnerung, das auf Video unter dem Schnullibulli-Titel „Ein Mann dreht durch“ herauskam. Ansonsten waren seine Frühwerke schwer aufzutreiben. Ich biss mir da die Zähne aus.

Ulli stand also am Flughafen, in Deutschland bekannt durch die Fassbinder-Sachen, in Hollywood völlig unbekannt. Er bastelte und bastelte, blieb aber immer am Ball. Die Filme, die er drehte, blieben immer Low-Budget, flogen unter dem Radar meistens durch. Als die Zeit anbrach, in der Video als preisgünstiges Produktionsmittel in Mode kam, ratterte seine Fabrik weiter. Unzählige No-Budget-Filme waren das Ergebnis, vergleichbar etwa mit Jess Franco, der bekanntlich auch nicht stillhalten konnte. Wenn man einmal angefangen hat, Filme zu drehen, dann muss man das auch weiterhin tun, vergleichbar mit dem berühmten Körschgen-Diktum: „Solange man lebt, soll man rauchen!“ Eine gewisse Popularität erlangte der unglaublich bizarre „Daniel der Zauberer“, was am hohen Bekanntheitsgrad des Dschungelbewohners Daniel Küblböck lag. Der Film bekam ziemlich viel Presse, und manch einer erwartete wohl einen der typischen deutschen Promi-Filme, eine weitere halbseidene Reise in den Glamour. Tja, nicht so. Ich weiß nicht, inwieweit das so gewollt gewesen ist, aber sehr viel subversiver geht es nicht. Ich wäre beim ersten Betrachten des Filmes fast geplatzt vor Freude. So oute ich mich an dieser Stelle mal als „Daniel der Zauberer“-Fan!

Vor ein paar Tagen endete also das vorerst letzte Leben des Ulli Lommel. Am Künstlerleben angenehm ist ja wohl, dass man niemals ganz verschwindet. Auch ferne Generationen werden von den garstigen Einflüssen des Boogey Man wohlig verwirrt werden und sich dann durch das Gesamtwerk dieses seltsamen, aber mir sehr ans Herz gewachsenen Zeitgenossen hindurchwühlen. Die Fahrt ist manchmal ruckelig, manchmal aber auch erfreulich, den Blick freigebend auf manch schönen Streckenabschnitt, wie das Leben eben so ist. Es wird niemanden überraschen, aber solche wilden Einzelkämpfer wie Ulli Lommel liegen mir irgendwie mehr am Herzen als jene, die mitten in der prallen Frucht Hollywood sitzen, Fruchtfleisch schlemmen und die Kerne nach außen spucken. Wenn die sterben, finde ich das auch nicht schön, aber ich fühle mich ihnen nicht so nahe, wie das bei diesem merkwürdigen Mann aus Zielenzig der Fall war.

Foto: © Studiocanal

Ein Kommentar zu “Ulli Lommel (1944-2017)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.