The Dead don’t hurt

(USA/MX 2023; Regie: Viggo Mortensen)

Einschneidende Grenzverschiebungen

Ein mittelalterlicher Ritter in schwerer Rüstung reitet allein durch einen Wald. Die schwerkranke Vivienne Le Coudy (Vicky Krieps) phantasiert dieses Bild im Fiebertraum auf ihrem Sterbebett. Später erfahren wir durch einen Rückblick in ihre Kindheit, dass ihr Vater einst die Familie verlassen hat, um in den Krieg zu ziehen, und dass ihre Mutter der kleinen Vivienne die Geschichte der mutigen und starken Jeanne d’Arc vorlas. Mit ihr wird sich die selbstbewusste und für ihre Zeit ungewöhnlich unabhängige Frau zeitlebens identifizieren. Um bei sich selbst anzukommen, hat Vivienne auf unkonventionelle Art und gegen gesellschaftliche Erwartungen immer wieder Grenzen verschoben. Als der trauernde Kriegsveteran Holger Olsen (Viggo Mortensen) seine Lebensgefährtin beerdigt, ist das eine einschneidende Veränderung und der Aufbruch in ein neues Leben. Er quittiert seinen Dienst als schweigsamer Sheriff einer korrupten Westernstadt und bricht zusammen mit seinem kleinen Stiefsohn Vincent (Atlas Green) auf Richtung Westen und bis ans Meer.

Das sind die groben Eckdaten einer tragischen Liebesgeschichte, die der Schauspieler und vielseitige Künstler Viggo Mortensen in seiner zweiten Regiearbeit „The dead don’t hurt“ ziemlich verschachtelt und nicht linear erzählt. Vor allem der Anfang des ambitionierten, vielfach Genreversatzstücke aufrufenden Spätwesterns fordert mit seinen räumlichen und zeitlichen Sprüngen sowie einer elliptischen Erzählweise die volle Aufmerksamkeit des Zuschauers. Denn parallel und im Wechsel zu Viviennes Geschichte zeichnet Mortensen das wenig schmeichelhafte Porträt einer korrupten amerikanischen Kleinstadt Mitte des 19. Jahrhunderts, die der berechnende Bürgermeister und ein skrupelloser Großgrundbesitzer unter sich aufteilen. Eine besonders unwürdige Rolle spielt dabei dessen brutaler Sohn Weston Jeffries (Solly McLeod), ein gesetz- und gewissenloser Machtmensch, der seine Umgebung mit Gewalt terrorisiert und dabei über Leichen geht. Als an seiner Stelle ein Unschuldiger in einer absurden Gerichtsverhandlung zum Tode verurteilt wird, klagt eine unerschrockene Bürgerin: „Macht bedeutet nicht Recht.“

Viggo Mortensen thematisiert hier einmal mehr den nach wie vor aktuellen Konflikt zwischen gesetzlicher Ordnung und Machtmissbrauch, zwischen Zivilisation und Anarchie. Willkür und Gewalt dringen schließlich auch in jene friedliche und kultivierte Idylle ein, die sich die beiden Seelenverwandten Vivienne und Olsen abseits der Stadt auf einem kargen Stück Land geschaffen haben. Denn dann folgt der schreibende Zimmermann dem Aufruf, auf Seiten der Unionisten am Sezessionskrieg teilzunehmen. Er bricht auf und lässt seine Frau allein und schutzlos zurück. Damit wiederholt er nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch diejenige von Viviennes Vater. Insofern handelt Viggo Mortensens ruhig und langsam erzählter, immer wieder beeindruckend fotografierter „feministischer Western“ in seiner archaischen Motivik auch von Männern, die aufbrechen müssen, um das Recht zu verteidigen; und von Heimkehrern, denen vergeben wird und die durch ihre Rache hindurch eine schmerzliche Bewusstseinsveränderung erfahren.

The Dead don't hurt
USA/Mexiko 2023 - 129 min.
Regie: Viggo Mortensen - Drehbuch: Viggo Mortensen - Produktion: Viggo Mortensen - Bildgestaltung: Marcel Zyskind - Montage: Peder Pedersen - Musik: Viggo Mortensen - Verleih: Alamode - Besetzung: Vicky Krieps, Viggo Mortensen, Solly McLeod, Danny Huston, Garret Dillahunt, Colin Morgan
Kinostart (D): 08.08.2024

DVD-Starttermin (D): 21.11.2024

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt22773644/
Foto: © Alamode