Nevrland

(AT 2019; Regie: Gregor Schmidinger)

Verstörender Seelentrip

Ein junger Mann mit nacktem Oberkörper läuft durch einen Wald, bis er plötzlich einen Felsvorsprung erreicht und springt. Weil dieser Sprung in Zeitlupe aufgenommen ist, wirkt das, als falle der Läufer ins Leere. Dann taucht er ein in die Tiefe des Wassers, vielleicht in die Tiefe seiner selbst. Denn auf seiner Brust wird ein großes, rotes Feuermal sichtbar; wie man später erfährt, hat er dieses von seiner Mutter geerbt, die das Kind und die Familie früh verlassen hat. Jetzt ist der stille, introvertierte Junge 17 Jahre alt und hat seine Reifeprüfung abgelegt. Jakob (Simon Frühwirth) lebt zusammen mit seinem schweigsamen Vater (Josef Hader) und seinem kranken Opa (Wolfgang Hübsch) in einer grauen, tristen Wohnung von Wien. Im merkwürdigen Beziehungsdreieck dieser mehr oder weniger gleichgültig nebeneinanderher lebenden Männer, vertritt der sensible Junge die Mutter und kümmert sich um den Großvater. Nachts klickt sich der einsame Jakob dann im Internet durch die Pornoseiten der schwulen Community.

Von Anfang an konzentriert sich Gregor Schmidinger in seinem Langfilmdebüt „Nevrland“ sehr intim auf seinen jugendlichen Helden. Dabei folgt er der feinen symbolischen Spur einer Geschichte, deren äußere Koordinaten immer unsicherer werden, sich schließlich aufzulösen scheinen. Als Jakob, der später Kosmologie studieren möchte, seinen Ferienjob in einem Schlachthaus aufnimmt, wird er von augenblickshaften Flashs und Visionen heimgesucht. Jakob fällt, verliert das Bewusstsein. Einmal beschreibt er diesen Zustand als „ein schwarzes Loch in meiner Brust.“

In der Folge leidet Jakob immer häufiger unter Panikattacken, deren Ursache eine Angststörung ist. Gleichzeitig lernt er in einem Internet-Chat den 26-jährigen Künstler Kristjan (Paul Forman) kennen. Doch ob es sich dabei um Traum oder Wirklichkeit handelt, wird schon bald fraglich. Denn Schmidinger verwischt konsequent die Grenze zwischen innerer und äußerer Realität. Bald scheint es, als ob sich Jakob auf einem verstörenden Seelentrip ins dunkle, von Lichtblitzen durchzuckte Innere einer in sich verschlungenen Endlosschleife befände. Gregor Schmidinger übersetzt diese alptraumhafte Reise in die Innenwelt seines Protagonisten wiederum in die zirkuläre Struktur seines Films.

Im Gespräch über die Unsterblichkeit der Seele in der Kunst sagt Kristjan einmal zu Jakob, man müsse Kunst nicht unbedingt verstehen, sondern erleben. Diesem Credo folgt auch Schmidinger in „Nevrland“. Um den beängstigenden Psycho-Horror und das extreme Chaos im Kopf seines Helden erfahrbar zu machen, zwingt er die Zuschauer in eine visuell-akustische Reizüberflutung und unterzieht sie damit einem regelrechten Angriff auf die Sinne. „Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“, zitiert der junge österreichische Regisseur eingangs aus Friedrich Nietzsches „Zarathustra“. In der Konfrontation mit den Traumata seiner Kindheit führt schließlich auch Jakobs Kreisbewegung im unsicheren Schwebezustand der Jugend ins Helle, Offene.

Nevrland
Österreich 2019 - 90 min.
Regie: Gregor Schmidinger - Drehbuch: Gregor Schmidinger - Produktion: Ulrich Gehmacher - Bildgestaltung: Jo Molitoris - Montage: Gerd Berner - Verleih: Salzgeber - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Simon Frühwirth, Paul Forman, Josef Hader, Wolfgang Hübsch, Anton Noori, Markus Schleinzer, Nico Greinecker, Max Meyr, Dr. Peter Machacek, Carl Achleitner, Milena Nikolic
Kinostart (D): 17.10.2019

DVD-Starttermin (D): 17.01.2020

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt8974586/
Foto: © Salzgeber