Angewandte Filmkritik #31-40

von Jürgen Kiontke

Angewandte Filmkritik #36: Kassengift
Eine aktuelle Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Produktionen mit kleinen, mittleren und großen Budgets durchschnittlich besser zu vermarkten sind, wenn eine Frau die zentrale Figur ist. Auch Filme, die den sogenannten Bechdel-Test bestanden, schnitten besser ab. Das bedeutet, dass in einem Film mindestens zwei Frauen vorkommen, die sich wenigstens einmal miteinander über ein anderes Thema unterhalten als einen Mann.

Wieso gibt es dann andere Filme; die, wo Frauen nix zu kamellen haben – wir leben doch schließlich im Kapitalismus? Eine befreundete Filmkritikerin, die in einer von diesen bescheuerten Textagenturen, die die Preise kaputt machen, am Fließband Filmartikel für ein Millionenpublikum produziert, sagt: Blockbuster werden grundsätzlich von Männern rezensiert. „Da hast du als Frau keine Chance.“

Toxische Männlichkeit, mal ganz klassisch – als Kassengift. Es sieht so aus, als würde das große Männerkino ausschließlich auf große Filmkritiker treffen.

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Angewandte Filmkritik #35: Spiegel
Der Fall Claas Relotius hat den Spiegel und den erfundenen Journalismus ganz schön in die Bredouille gebracht. Reicht es, Reportagen mit abgeschriebenem und ausgedachtem Zeug aufzufüllen?

Vor langer Zeit hatte ich eine Weile die Gelegenheit, beim Spiegel, wenn auch nur online, Filmkritiken unterzubringen. Bereits beim zweiten Text bekam ich einen erbosten Anruf von Online-Chef: Ich hätte meinen Artikel aus dem Internet kopiert. Beim Vergleich meiner Version mit dem der Redaktion vorliegenden Werk stellte sich heraus, da stimmte außer der ersten Zeile nichts überein. Zudem: Ich hatte damals noch gar keinen Internetzugang. Den Text hatte ich gefaxt.

Kurze Zeit später ein weiterer Anruf. Die Redakteurin – sie befinde sich gerade in der Kündigungszeit – sei für die Kopie verantwortlich. Warum sie das getan hatte, konnte man mir nicht sagen. Das Gespräch beendete Online-Chef mit der Bemerkung: „Wir schreiben doch alle ab, auf die ein oder andere Weise.“ Ich antwortete: „Sie vielleicht, ich nicht.“

Kannten die sowas damals schon von sich selbst? Immerhin: Offensichtlich tat es die so gerühmte Dokumentationsabteilung des Spiegel damals noch, sonst wär Artikel durchgerutscht. Veröffentlich wurde der Text dann allerdings nie. Aber irgendwie hatte die mediale Spitzenkraft ja auch wieder recht: Filmkritik ist Text. Text, der aus Bildern gewonnen wird, die wiederum aus einem Text generiert wurden, dem Drehbuch. Im besseren Fall ist dies eine Übersetzungs-, im schlechteren Falle eine Kopierarbeit.
Für mich hatte es sich dort bald ausgeschrieben. Die nächste Redakteurin fand meine Arbeit bald zu schlecht übersetzt bzw. kopiert. Möge sie auch heute noch erfolgreich redigieren – auf die ein oder andere Weise.

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Angewandte Filmkritik #34: Hotel Auschwitz
Mit Filmtiteln ist es so eine Sache. „Hotel Auschwitz“ heißt der erste Film von Cornelius Schwalm. „Sensationell“ soll er sein, das Werk „desavouiert eine Theatertruppe, die im Angesicht des ehemals größten Vernichtungslagers der Welt an sich selbst scheitert“. So „schmerzvoll, berührend, warm, absurd, tragisch, unerträglich heiter, radikal und mutig“ sei dieser Film, „dass er allen ans Herz gelegt werden muss“, teilt mir der Verleih mit. Und das ganz ohne Filmförderung, ist man stolz. Das lässt einen etwas verstört zurück, aber soll er auch bestimmt, ist dies doch „eine sehr schwarze Tragikomödie, bei der einem das Lachen im Halse stecken bleibt“ (Radio 1 nach der Premiere).

Ja, das stimmt. Er wurde zum Teil sogar auf dem Gelände der Gedenkstätte gedreht. Ein Highlight sicherlich die Sexszene im Birkenwäldchen. Sie: „Ich möchte deinen Schwanz halten.“ Nur zu. Eine deutsche Komödie, die in Auschwitz gedreht wird, mit einer deutschen Fickszene auf dem Areal. Anschließend wird gegrillt. Ohne Zweifel geht das nicht. „Danke, Danke, ich kann nach Auschwitz nicht gleich ein Würstchen essen.“ Aber noch mal Sex geht: „Dann sollten wir vielleicht mal Stellung beziehen!“

Das Geschehen wird untermalt mit dieser typisch ironischen Klaviermusik, wie sie nur der deutsche Spaßfilm kennt. Schön geklimpert, ihr lustigen Filmemacher.

Was sagen die Kollegen? Der Film sei als Kommentar „zur auch unter Intellektuellen verbreiteten recht verlogenen Gedenkkultur und den immer noch vorherrschenden Ressentiments vieler Deutscher, Relativierung des Holocausts inbegriffen“, urteilt der Freitag. Allein man mag es nicht recht glauben. Eher, dass hier der Wahnsinn grassiert.

Wie verhieß noch die Ankündigung? „Großartige Schauspieler, fantastische Dialoge, verstörender Humor warten auf euch.“ Können sie. Am besten mindestens tausend Jahre.

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Angewandte Filmkritik #33: Brasilien
In Brasilien wurde gewählt. Ein Kino-Gespräch auf der Straße.

Jürgen, es ist ein horror movie, was wir da in Brasilien sehen. Ich weiß gar nicht, wie so jemand wie Bolsonaro als Präsident kandidieren konnte. Der Mann sollte im Gefängnis sitzen. Wir müssen die extreme Rechte stoppen.

Wir sind die Lunge der Welt, wir haben jede Menge Rohstoffe. Jetzt musste einer gefunden werden, mit dem man sie billigst ausbeuten kann. Das Ministerium für Umwelt fusioniert mit Ministerium für Landwirtschaft. Jegliche Industrie soll privatisiert werden und der Amazonas gleich mit.

Auch für die Kunst wird es ein schwieriges Pflaster. Kinoprojekten wurden alle Zuschüsse gestrichen. Es gibt eine schwarze Liste mit 700 Künstlern; das sind all die, die den Gegenkandidaten öffentlich unterstützt haben. Es wird eine Hexenjagd veranstaltet. Ich selbst bin ein walking target.

Wenn es so läuft, wie es immer läuft, sind nicht nur wir gefickt, die ganze Welt ist gefickt. Boykottiert Brasilien! Niemand sollte mehr brasilianische Produkte kaufen.

Regisseur Karim Aïnouz („Zentralflughafen THF“, D/FR/BRA 2018) wurde nach einer Rede in Rio de Janeiro von Freunden des neuen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro in einem Video diffamiert.

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Angewandte Filmkritik #32: Climax
„Ein Jahr #metoo: Was hat es bewirkt?“, fragte man sich unlängst zum Jahrestag der Debatte um sexuelle Belästigung in der Film- und Medienbranche.

Dieser Tage auf der Leinwand nicht viel, wenn man sich zum Beispiel Gaspar Noés bescheuerten neuen Film „Climax“, anschaut, der u.a. eine sehr lange Szene enthält, in der sich zwei Tänzer darüber das Maul zerreißen, wie sie ihre Ensemble-Kolleginnen, mal richtig anal ranzunehmen gedenken. Zu Nikolaus, wenn der Film startet, erwartet das Publikum ganz großes Kino im Kino. Ob es besonders perfide ist, dass die beiden Schwarze sind, mag dahingestellt sein, es ist nicht die einzige Krassheit im Stiefel.

Für die Mitarbeiter*innen hinter und vor der Kamera gibt es folgendes zu vermelden: Die neue überbetriebliche Vertrauensstelle „Themis“ gegen sexuelle Belästigung und Gewalt berät Betroffene der Filmindustrie, vermittelt zwischen belästigter Person und Arbeitgeber und setzt sich für Prävention und Aufklärung in den Branchen Film, Fernsehen, Theater und Orchester ein. 17 Organisationen, unter anderen die Gewerkschaft Verdi und der Regieverband, agieren als Trägerinnen und sollen für die Finanzierung sorgen. Namenspatin ist die griechische Göttin Themis, die für Gerechtigkeit, Ordnung und Philosophie zuständig ist.

Arbeitgeber Noé sollte sich zu Noël vielleicht mal mit Themis in Verbindung setzen.

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Angewandte Filmkritik #31: Golzow
Stockdunkel draußen, ab ins Kino. Ein besonderes Kino: „In der ersten Folge der beliebten DDR-Kinoserie ‚Die Kinder von Golzow‘ wurde schon gleich am Anfang geflunkert“, erzählt der Mann im Golzower Kinomuseum.

Die Dokumentationsstelle für die Langzeitbeobachtung der Menschen in dem kleinen brandenburgischen Ort ist in der alten Turnhalle untergebracht. In die Eintrittskarte sehr akkurat ein Filmschnipsel integriert.

Zum Besuch bekommt man die ersten zehn Minuten der wichtigsten Dokumentationsfilmreihe der DDR gezeigt, von der es über 200 Kilometer Film gibt. Die Szene aus dem Jahr 1961, wie die Schulkinder alle aus dem Fenster schauen und lachen, weil sie dort eine Katze sehen, sei ein Fake, sagt er. „Mit der Katze hat es nicht geklappt. Der Regisseur hat dann eine Taube dorthin gesetzt!“ Das erzählt er mir kurz passend zum 100. Geburtstag der Oktoberrevolution.

Basierte also alles auf Lügen? Zusammenbruch kein Wunder? Es ließe sich argumentieren: Erstens sind im Sozialismus alle Tiere gleich, zweitens wurde hier ganz modern mit Fake Animals gearbeitet. Im Westen fanden sie das naturgemäß gut. Auf der Berlinale 1982 gab es für einen Teil der „Kinder von Golzow“ den Preis der internationalen Filmkritiker. Gut gemacht, Kolleg*innen!

Foto: © United Artists