Angewandte Filmkritik #31-40

von Jürgen Kiontke

Angewandte Filmkritik #32: Climax
„Ein Jahr #metoo: Was hat es bewirkt?“, fragte man sich unlängst zum Jahrestag der Debatte um sexuelle Belästigung in der Film- und Medienbranche.

Dieser Tage auf der Leinwand nicht viel, wenn man sich zum Beispiel Gaspar Noés bescheuerten neuen Film „Climax“, anschaut, der u.a. eine sehr lange Szene enthält, in der sich zwei Tänzer darüber das Maul zerreißen, wie sie ihre Ensemble-Kolleginnen, mal richtig anal ranzunehmen gedenken. Zu Nikolaus, wenn der Film startet, erwartet das Publikum ganz großes Kino im Kino. Ob es besonders perfide ist, dass die beiden Schwarze sind, mag dahingestellt sein, es ist nicht die einzige Krassheit im Stiefel.

Für die Mitarbeiter*innen hinter und vor der Kamera gibt es folgendes zu vermelden: Die neue überbetriebliche Vertrauensstelle „Themis“ gegen sexuelle Belästigung und Gewalt berät Betroffene der Filmindustrie, vermittelt zwischen belästigter Person und Arbeitgeber und setzt sich für Prävention und Aufklärung in den Branchen Film, Fernsehen, Theater und Orchester ein. 17 Organisationen, unter anderen die Gewerkschaft Verdi und der Regieverband, agieren als Trägerinnen und sollen für die Finanzierung sorgen. Namenspatin ist die griechische Göttin Themis, die für Gerechtigkeit, Ordnung und Philosophie zuständig ist.

Arbeitgeber Noé sollte sich zu Noël vielleicht mal mit Themis in Verbindung setzen.

* * *

Angewandte Filmkritik #31: Golzow
Stockdunkel draußen, ab ins Kino. Ein besonderes Kino: „In der ersten Folge der beliebten DDR-Kinoserie ‚Die Kinder von Golzow‘ wurde schon gleich am Anfang geflunkert“, erzählt der Mann im Golzower Kinomuseum.

Die Dokumentationsstelle für die Langzeitbeobachtung der Menschen in dem kleinen brandenburgischen Ort ist in der alten Turnhalle untergebracht. In die Eintrittskarte sehr akkurat ein Filmschnipsel integriert.

Zum Besuch bekommt man die ersten zehn Minuten der wichtigsten Dokumentationsfilmreihe der DDR gezeigt, von der es über 200 Kilometer Film gibt. Die Szene aus dem Jahr 1961, wie die Schulkinder alle aus dem Fenster schauen und lachen, weil sie dort eine Katze sehen, sei ein Fake, sagt er. „Mit der Katze hat es nicht geklappt. Der Regisseur hat dann eine Taube dorthin gesetzt!“ Das erzählt er mir kurz passend zum 100. Geburtstag der Oktoberrevolution.

Basierte also alles auf Lügen? Zusammenbruch kein Wunder? Es ließe sich argumentieren: Erstens sind im Sozialismus alle Tiere gleich, zweitens wurde hier ganz modern mit Fake Animals gearbeitet. Im Westen fanden sie das naturgemäß gut. Auf der Berlinale 1982 gab es für einen Teil der „Kinder von Golzow“ den Preis der internationalen Filmkritiker. Gut gemacht, Kolleg*innen!

Foto: © United Artists