Angewandte Filmkritik #21-30

von Jürgen Kiontke

Angewandte Filmkritik #23: Berlinale
Filmkritiker beim Filmfestival: Sätze, die bleiben.

„Eines ist auch klar: ohne unabhängigen und eben durchaus auch investigativen Journalismus gibt es keinen (produktiven) Skandal.“

„Bis die alles im Schrank eingeräumt hat, ist der Film zu Ende.“

„Film transportiert nicht nur Bilder, sondern kann entlegenes Material miteinander verschränken.“

„Die Beschreibung klingt nach einem neuen Bildschirmschoner.“

„Ob es ein schöner Tod wäre, im brennenden Kino zu sterben?“ – „Aber bestimmt nicht bei einem Berlinale-Film.“

„Dieser Film dient ausschließlich der Geldwäsche.“

„Nazif Mujic („Aus dem Leben eines Schrottsammlers“, 2013) wurde am Sonntag tot aufgefunden. Er hatte gesagt, dass er seinen Silbernen Bären für 4000 Euro verkaufen wolle, weil die Familie in Geldnot sei. Er starb verarmt.“

„Humor unterbricht Routinen, legt Sensibilitäten offen und erzeugt Brüche. Wie können Komödien davon profitieren?“

„Das enthält einige MeToo-Fallen.“

„Das könnte auch das Programm von 2012 sein, merken würde das keiner.“

„Im nächsten Leben möchte ich etwas anderes sein.“

„Hier sind sogar die Spielfilme Dokumentarfilme.“

„Es ist nicht zu fassen: Der Stuttgarter Verein für Bewegungsspiele entlässt mit Hannes Wolf einen der begabtesten, innovativsten Trainer.“

„Mein Vater stirbt an Krebs – und wir sind als nächste dran.“

„Brexit. Trump. Und jetzt die Verkündung des Berlinale-Hauptpreises.“

„Die Entscheidung der Jury war mutig und zukunftsweisend. Den Besuch dieses kunstvollen Kinofilms sollte sich jeder erwachsene Zuschauer zutrauen.“

„Und Afrin? – Jaja, auch.“

„Sehr schön, Prost.“

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Angewandte Filmkritik #22: Berlinale-Schlaf
Viele Filmkritiker sind schon etwas älter – oft 70 aufwärts, sprechen sie fünf Sprachen und haben drei Filmfestivals gegründet. Da ist Schlaf so ein Ding.

Der Berlinale-Wettbewerb gilt Filmprofis seit jeher als etwas, sagen wir, langatmig. Durchaus gab es schon Vorführungen, bei denen ungefähr 40 Prozent der Anwesenden ein Nickerchen gemacht haben dürften. Die Gründe: Alter oder Party am Abend. Oder beides.
Ein mir sehr gut bekannter Kritiker etwas älteren Jahrgangs ließ sich mal quicklebendig neben mich fallen und musste alsbald feststellen, dass seine Nachbarin den Film verschlief. „Unglaublich“, schimpfte er, „man kann doch im Kino nicht schlafen!“
Beim nächsten Film pennte er selbst fünf Minuten ein. Beim übernächsten schlief er gleich ganz durch. Beim Aufwachen japste er: „Ich fühle mich großartig, das mache ich jetzt immer!“ Das hielt er mit erstaunlicher Konsequenz durch. Und mit Professionalität: Seine Rezensionen der verschlafenen Filme lasen sich recht interessant. Film spricht Körper und Geist gleichermaßen an. Aber braucht man beides, um „Transformers“ zu schauen?

Ich hatte während der Berlinale mal eine Diskussion mit einem Filmkritiker, der der Meinung war, Filmmusik sei Mist, sie lenke von den Bildern ab. Das mag stimmen. Aber sie übertönt das Schnarchen.

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Angewandte Filmkritik #21: „Berlin, I love You“.
Bei der Wahl zum diesjährigen „FairFilm Award“ landete Til Schweigers oben genannte Berlin-Hommage (Kinostart 22. November 2018) auf dem letzten Platz. Ausgezeichnet werden faire Arbeitsbedingungen am Set durch die Bundesvereinigung „Die Filmschaffenden“. Ausgewählt werden die Produktionen durch Umfragen bei Branchenbeschäftigten. Motto: „Arbeit ist viel Lebenszeit – und die sollten wir alle gemeinsam ebenso anregend wie rücksichts- und freudvoll gestalten.“ Geachtet wird auf Kriterien wie Honorar, Gleichberechtigung, Arbeitsklima und Nachhaltigkeit. Am rücksichts- und freudvollsten präsentierten sich dieses Jahr die Produktion „Der Vorname“ (18. Oktober 2018) und die Serie „Rentnercops“.

Foto: © United Artists