Surrogates – Mein zweites Ich

(USA 2009; Regie: Jonathan Mostow)

Der letzte Pfadfinder

Die Zukunft bietet der Menschheit einige Annehmlichkeiten. Die bei weitem populärste Innovation sind sogenannte 'Surrogate', hochentwickelte, äußerlich nicht von echten Menschen unterscheidbare Avatare. Mit diesen gehen ihre Besitzer nahezu allen Alltagsverrichtungen nach, während der eigene Körper derweil im sicheren Zuhause dämmert. Als eine rätselhafte Mordserie an den Androiden den Tod des zugehörigen Menschen nach sich zieht, muss FBI-Agent Tom Greer (Bruce Willis) die Ermittlungen aufnehmen. Sie führen ihn zu einer ominösen Widerstandsgruppe und einer Verschwörung von ungeahnten Dimensionen.

James Camerons 'Avatar' (2009) hat es vorgemacht, auch in Mark Neveldines und Brian Taylors 'Gamer' (2009) war es Thema: Zukunftsvisionen über die Aufgabe des physischen Körpers und das utopische Versprechen, in einer virtuellen Hülle die Beschränkungen der Naturgesetze zu überwinden. Nach Camerons hymnischer Feier der Technik kritisiert Jonathan Mostow in 'Surrogates' nun das prometheische Streben. Schon in den ersten Minuten verkündet ein 'Prophet' (Ving Rahmes), wir seinen nicht dafür geschaffen, die Welt durch Maschinen zu erleben. Tatsächlich erweisen sich die technischen Helferlein bald als Gefahr für die Menschheit.

Oberflächlich entwirft 'Surrogates' eine böse Gegenwartsallegorie. Während wir heute bereits durchschnittlich mehr als vier Stunden täglich mit Fernsehen und Internet verbringen, da ist das Leben im Jahr 2017 fast gänzlich virtuell geworden. Selbst Kriege werden mittels Avataren geführt. Die Technikkritik läuft allerdings ins Leere. Letztlich leben Filme wie dieser gerade von den Möglichkeiten digitaler Spezialeffekte, die sie zugleich geschickt in die Dramaturgie einbinden und als ästhetisches Surplus ausstellen. Bis auf vereinzelte, mit galligem Humor vorgetragene Spitzen verzichtet 'Surrogates' dann auch zugunsten eines konventionellen Whodunit-Plots auf satirische Seitenhiebe und präsentiert am Computer bearbeitete Actionsequenzen als Schauwerte.

Thematisch geht die Comic-Verfilmung auf Nummer Sicher. Die Drehbuchautoren bedienen sich bei modernen Klassikern wie 'Blade Runner' (1982; Ridley Scott), 'The Terminator' (1984; James Cameron) und 'Twelve Monkeys' (1995; Terry Gilliam). Selbst Willis’ Figur ist ein Kompositum seiner vertrauten Leinwandimages. Wie einst in 'Die Hard' ('Stirb langsam'; 1987; John McTiernan) gibt der Star den menschlichen Helden in einer gefühlskalten Hypermoderne. Als lebender Anachronismus torkelt Greer durch die von Androiden bevölkerten Straßen, und doch kann gerade dieser 'letzte Pfadfinder' es mit den Gefahren der Hightech-Welt aufnehmen. Der altmodisch gewordene Körper ist trotz aller Fehler der Hybris perfekter Technisierung überlegen.

Leider werden viele reizvolle Ideen nicht konsequent zu Ende gedacht. Unklar bleibt etwa, warum die Verbrechensrate in der Zukunft gegen Null tendieren sollte, wenn sich doch die Menschen nicht geändert haben, sondern nur ihre Erscheinung. Wenn man sich jedoch nicht an Ungereimtheiten stört, unterhält 'Surrogates' als solider Science-Fiction-Thriller alter Schule. Die apokalyptischen Bilder im Finale entschädigen zudem für manche Durchhänger.

Dieser Text ist zuerst erschienen auf: www.br.de

Benotung des Films :

Harald Steinwender
Surrogates - Mein zweites Ich
(Surrogates)
USA 2009 - 88 min.
Regie: Jonathan Mostow - Drehbuch: John Brancato, Michael Ferris - Produktion: Max Handelman, David Hoberman, Todd Lieberman - Bildgestaltung: Oliver Wood - Montage: Kevin Stitt - Musik: Richard Marvin - Verleih: Disney - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Bruce Willis, Radha Mitchell, Rosamund Pike, Boris Kodjoe, James Francis Ginty, James Cromwell, Ving Rhames, Michael Cudlitz, Jack Noseworthy
Kinostart (D): 21.01.2010

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0986263/