Ich – Einfach unverbesserlich

(USA 2010; Regie: Pierre Coffin, Chris Renaud )

Macht ein geklauter Mond glücklich?

Lediglich der deutsche Titel für Despicable Me, das abscheuliche Ich, führt in die Irre; sonst erreicht der Film sein Ziel und hat sein FBW-Prädikat Besonders wertvoll allemal verdient. Er unterhält Erwachsene und Kinder gleichermaßen (wobei sich der Erwachsene allerdings nicht an der infantilen Handlungslogik stören darf), erzählt mit computeranimierten Figuren eine herzerwärmende Geschichte und setzt diesen emotionalen Raum wohlüberlegt und wohltuend in den 3-D-Raum um. Dass der Egoist Gru unverbesserlich sei, widerlegt die Handlung gerade, zeichnet vielmehr die Geschichte einer moralischen Besserung von der Verächtlichkeit und Verachtung zur sozialen Achtsamkeit nach, übrigens recht eng an die in Amerika ja sehr populäre Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens angelehnt.

Spielarten des Bösen

Aus dem 19. Jahrhundert und aus dem kindlichen Bewusstsein ist auch die Vorstellung vom Bösen genommen, das wie eine Qualität sui generis verstanden wird, in der man, wiederum, gut oder schlecht sein kann. So gibt es hier einen Wettstreit: Wer ist der bessere, tüchtigere Böse? Wer ist origineller diabolisch, stört also den Gang der Dinge und die Ordnung der Natur? Dieses naiv-naturhafte Böse kennt nur in Ansätzen die Niedertracht des Menschen gegen seinesgleichen. Der Film dosiert das Böse, um die kindlichen Zuschauer nicht zu erschrecken. Dass Gru den störenden Hund des Nachbarn beseitigt hat, wird nur berichtet, nicht gezeigt. Harmlos ist auch, wie sich der Unhold mit einem panzerähnlich-monströsen Fahrzeug mit Turbinenantrieb rücksichtslos eine Parklücke verschafft. Sein Haus ist mit dekorativen Schreckensattributen ausgestattet, ähnlich einer Geisterbahn. Im Flur hängt ein Morgenstern, das Sofa hat die Form eines Drachens, und der Hund scheint nur aus bissig-gefräßigem Maul zu bestehen.

Die Ursache der Bosheit wollen indes auch schon Kinder erklärt bekommen, und da zögert der Film nicht, regelmäßig eine missgünstige Mutter zu zitieren. Gru ist also böse geworden, weil sie ihm nie etwas zugetraut und ihn nie in seinen jeweiligen Leistungen bestätigt hat. Genau genommen wird hier das Schlechte mit dem Bösen verwechselt. Gru hätte auch einfach ein Nichtsnutz werden oder bleiben können, anstatt den Ehrgeiz, der größte Schurke zu werden, zu entwickeln. Der Film stellt sich Grus Therapie quasi psychoanalytisch als Konfrontation mit diesem pathologischen Aspekt seiner Mutterbindung vor, und weil die Mutter noch lebt, kann Gru sein Trauma real aufarbeiten und sich mit der Umwelt aussöhnen. Dickens brauchte dafür noch einen Geist, der den Misanthropen Scrooge in einer Zeitreise mit seiner Kindheit und seiner möglichen Zukunft konfrontiert und so die Charakterdeformation beseitigt.

Im Film geht, wie bei Dickens, die Aufforderung zur emotional affirmativen Entfaltung und sozialen Integration von Kindern aus. Diese Kinder brauchen natürlich einen Entbehrungsaspekt, für dessen Überwindung Gru dann zuständig werden kann. Die drei Mädchen werden als Sklaven eines Waisenhauses von wahrhaft Dickens’scher Tristesse gezeichnet, müssen mit Bettelei Geld verdienen und werden bei Verfehlungen in einen Schämkarton gesteckt. Intelligenterweise zeichnet der Film die Waisenhausleiterin Miss Hattie nicht als märchenartige dürre Hexe, sondern mit sehr weiblichen Rundungen als vermeintlich mütterliche Figur. Hinter dieser äußeren Weichheit die emotionale Härte der Frau zu erkennen, ist eine der Aufgaben des kindlichen Zuschauers.

Eine andere besteht darin, die verschiedenen Charaktere oder generationellen Ausprägungen des Bösen zu erkennen. Gru hat zwei Konkurrenten. Dies ist zunächst der jugendliche Victor, der sich zur Unterstreichung seiner strategischen Potenz Vector nennt und als agiler Nerd mit Brille gezeichnet ist. Er haust in einem modernen, volldigitalen und waffenstarrenden Bau und erweckt mit seiner orangefarbenen Corporate Identity einen trügerisch freundlichen und aufgeklärten Eindruck. Die Kinder durchlöchern jedoch respektlos diese Attitüde, nennen das 'Outfit' einen Schlafanzug und fragen, als Vector darin einen Gymnastikanzug prätendiert, nach der tatsächlich ausgeübten Gymnastik, die bei einem Nerd natürlich nicht stattfindet. Zwar nimmt ihnen Vector im Gegensatz zu Gru ihre Bettelware, Cookies, ab, doch durchschauen sie allmählich, dass Gru langfristig die bessere Wahl ist, und später sieht man, dass Vector seinen Arbeitsplatz von einem Hai bewachen lässt – eine der Anspielungen auf James-Bond-Filme.

Das institutionalisierte Böse verkörpert der Bankier Perkins, dessen 'Bank des Bösen' vormals Lehman Bros. hieß. Er ist physiognomisch mit dezenten Teufelsattributen ausgestattet. Der Finanzier Grus wird im selben Maße zu seinem Gegner, als Gru zum moralisch besseren Menschen wird. Dann wird auch offenbart, dass Perkins Vectors Vater ist, sich die Bosheit also vererbt hat, während diejenige Grus erworben ist. Grus Emanzipation muss auch eine finanzielle sein. Er muss von bösem Geld unabhängig werden und schafft dies, indem er seine Mitarbeiter zu Miteigentümern macht. Sie spenden Geld, um den Mondflug zu finanzieren. Das ist einerseits eine sehr amerikanische, basisdemokratische, karitative Vorstellung, andererseits aber auch die Rückkehr zu den Wurzeln des Kapitalismus, denn damit wird nichts anderes als eine Aktiengesellschaft als Anteilseignerschaft beschrieben.

Unterstützt wird Gru in seinen bösen Projekten von Dr. Nefario, dem Typus des 'verrückten Wissenschaftlers'. Dessen Schwäche ist hier die Schwerhörigkeit, so dass er beispielsweise Cookie als Boogie hört und versehentlich Boogie-Woogie tanzende Roboter baut. Als Charakter ist Nefario zwar nicht böse, aber seine naturwissenschaftlich motivierte Neutralität erweist sich als unmenschlicher denn Grus intentionale, aber wandelbare Bosheit. Nefario sorgt dafür, dass Gru die Kinder ins Waisenhaus zurückbringt, sobald er, Nefario, das Mondprojekt gefährdet sieht.

Die bösen Projekte

Die 'bösen' Projekte sind, wie erwähnt, nicht moralisch böse, sondern naturhaft-diabolisch. Vectors auslösender Coup ist der Diebstahl der ägyptischen Pyramiden, statt derer ein vorwitziger amerikanischer Tourist eine aufgeblasene Attrappe besteigt – und die Luft herauslässt. Ein böses Werkzeug ist Vectors Piranha-Gewehr, das einem Wasserdruckgewehr ähnelt, jedoch mit einem lebenden Piranha umständlich bestückt werden muss. Grus Projekt ist der Diebstahl des Mondes und zuvor der Diebstahl der dafür nötigen Verkleinerungsmaschine (von den technologisch führenden Chinesen!). Das Verschwinden des Mondes bedeutet die Störung der natürlichen Ordnung der Zeiten und Gezeiten, ähnlich wie im romantischen Märchen der Verlust des Schattens oder des Spiegelbildes einen bösen Menschen charakterisiert. Gru verändert auch die Dimensionalität, wenn er mit seinem Schrumpfstrahler den Mond so verkleinert, dass er auf seine Hand passt und transportabel wird. Dieser Eingriff findet seine Grenzen jedoch in der Natur selbst, gelingt nur temporär, ähnlich wie in Zeitreisegeschichten die temporär veränderte Vergangenheit stets wieder korrigiert werden muss, um die Gegenwart möglich zu machen und integer zu halten, und ähnlich wie in Dr. Jekyll und Mr. Hyde das pharmazeutisch gesteuerte Spiel mit der moralischen Ambivalenz nicht aufrecht erhalten werden kann, sondern in Eindeutigkeit beendet werden muss.

So schlägt auch gegen Gru die Natur zurück, der nur das Glück hat, den Mond zu diesem Zeitpunkt bereits an den raffinierteren Vector verloren zu haben. Mitsamt dem wachsenden und an seinen ursprünglichen Ort zurückkehrenden Mond landet auch Vector auf dem selbigen und ist damit nach Meinung des Films dort, wo er hingehört. Der Mond ist der Gegenwert, mit dem Gru die Freilassung der von Vector entführten Kinder bezahlt. Dieser Austausch des toten Stoffes/Kapitals gegen Humanität markiert den Sinnes- und Wertewandel des Protagonisten. Das bisherige materielle Ziel muss zugunsten einer postmateriellen Wertordnung aufgegeben werden. Man kennt dies auch aus Wagners Ring-Mythologie, wo der geraubte Naturschatz, das Rheingold, Zwietracht sät und erst mit der Rückgabe des Goldes am Ende Sühne geleistet wird.

Auf diesen Mythos bezieht sich der Film auch mit dem Arbeiterheer der Minions, die als modernisierte Nibelungen erscheinen. Es sind konservendosenartige Roboter mit einem oder zwei Augen, die nur eingeschränkt sprechen und denken können, aber von menschenähnlicher Emotionalität bestimmt sind. Sie treiben Schabernack und wirken auch durch Tolpatschigkeit komisch.

Animationsstil und Technik

Der graphische Stil des Films ist sehr gefällig. Die karikaturistischen Verzerrungen amüsieren, ohne die jeweilige Menschlichkeit der Figuren zu beeinträchtigen. Zunächst könnte man den Verzicht auf Detailnachbildung (von Haut, Haaren, Fell, Textilien/Texturen, Lichteffekten etc.) für einen Mangel halten, aber es zeigt sich, dass man diesen Realismus gar nicht braucht. Auch ein flächiges Gesicht wie das von Dr. Nefario evoziert genau den Charakter der Person, den die Handlung hier vorsieht. Statt Einzelheiten liefert der Film Charakteristik, und das ist viel wert.

Auch der Einsatz der 3-D-Technik gelingt sehr überzeugend. Einerseits hat man sie bereits nach wenigen Minuten vergessen, weil die Geschichte die Aufmerksamkeit bindet. Wo sie sich jedoch in Erinnerung bringt, sind es spektakuläre Momente, die sie auch wirklich brauchen. Bei der Achterbahnfahrt fehlt nur noch die Schwerkraft, um beim Zuschauer Schwindelgefühl hervorzurufen. Bei der Übergabe der Kinder von Vectors zu Grus Flugzeug, beide durch ein Seil verbunden, wird der darunter tausende von Metern tiefe Abgrund erst in 3-D spürbar, d.h. anschaulich. Die Situation ist auch eine existenzielle Urszene, denn es geht um das Urvertrauen des Kindes gegenüber dem neu als Vater auftretenden Gru und dessen Werben um das Vertrauen des Kindes. Einen burlesken Gebrauch von 3-D machen die Minions im Abspann, wenn sie die Raumtiefe nach vorne zum Zuschauer mit springenden Maßbändern, vorgeschobenen Leitern und ähnlichen Dingen ausreizen.

Benotung des Films :

Gerhard Bachleitner
Ich - Einfach unverbesserlich
(Despicable Me)
USA 2010 - 95 min.
Regie: Pierre Coffin, Chris Renaud - Drehbuch: Ken Daurio, Cinco Paul - Produktion: Chris Meledandri, Janet Healy, John Cohen - Schnitt: Pam Ziegenhagen, Gregoy Perler - Musik: Heitor Pereira - Verleih: Universal - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung:
Kinostart (D): 30.09.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1323594/
Link zum Verleih: NULL
Foto: © Universal