Attack the Block

(GB 2011; Regie: Joe Carnish)

Riot City

Es dauert keine fünf Minuten, bis die Invasion der Außerirdischen beginnt. Allerdings vorerst im recht überschaubaren Ausmaß, ist es doch zunächst nur ein einziges Alien, das da im Londoner Ghetto einschlägt, mitten in den Überfall einer fünfköpfigen, fast ausnahmslos schwarzen Jugendgang, die gerade eine Krankenschwester (Jodie Whittaker) beim nächtlichen Heimweg ausraubt. Mit dem bissigen Eindringling – ein schwarzhaariges, augenloses Scheusal mit gewaltigen Zähnen und von recht hundeähnlicher Gestalt – wird die Gruppe, nicht ohne Stolz, behände fertig und zum Witz dieses Debütfilms des englischen Komikers Joe Cornish zählt bereits, dass niemanden die Existenz eines Aliens so recht erschüttert: Segen einer popkulturellen Sozialisation, ganz sicher, womöglich aber ist man einfach nur vom Staat bereits genügend Schweinereien gewohnt, denen auch ein kleinwüchsiger Werwolf aus dem All nichts Schwerwiegendes mehr hinzufügen kann. Die Euphorie jedoch ist trotzdem groß: Für die Trophäe sollte sich die Klatschpresse finanziell nicht lumpen lassen und ansonsten gibt es schließlich noch Ebay. Also beschließt Anführer Moses (John Boyega) die Überreste am vermutlich sichersten Ort des Viertels unterzubringen, nämlich auf der Indoor-Marihuana-Plantage eines stadtbekannten Drogenhändlers mit Allmachtsattitüde, dem Panic Room des gesamten Blocks.

Statt die anschließende Invasionsgeschichte mit kuriosen Erklärungen zu unterfüttern – denn natürlich folgen ganze Horden noch weitaus größerer Ungetüme, die den Tod ihrer kleinen Vorhut rächen wollen -, bleibt der Film stets bei seinen Figuren, ihren Ritualen, ihrer Sprache (von der sich schwer sagen lässt, wieviel von ihr es in die deutsche Synchronisation geschafft hat, „Alter, Lan“-Idiome jedenfalls sucht man erfreulicherweise vergeblich), ihren Gesten und Codes und all ihren dem Alltag entnommenen Strategien der Krisenbewältigung in diesem hermetischen Block, den die Kamera nie verlässt. Die Polizei, die von der Invasion herzlich wenig bemerkt, ist da bloß eine weitere Gefahr. Überhaupt: Grundsätzlich sind es all die Stigmata einer vermeintlichen Underclass-Kultur, gegen die „Attack the Block“ die Möglichkeiten der Persiflage in Stellung bringt. Einen didaktischen Anstrich besitzt das nicht. Schauplatz und einige Laiendarsteller bürgen für Nähe zum „Milieu“, die Crew hinter der Kamera garantiert für geistreicheren Witz, der keineswegs in naiver Sozialromantik dümpelt (mit Edgar Wright, Regisseur von „Shaun of the Dead“ oder „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ und enger Freund von Joe Cornish, ist unter den Produzenten denn auch eines der interessanteren Aushängeschilder des gegenwärtigen Popculture-Nerdism-Humors vertreten und Nick Frost, den schmierigen Couch-Potatoe Ed aus „Shaun of the Dead“, hat er als vom Typus nur unwesentlich veränderten Drogendealer gleich mitgebracht), sondern sich ganz auf die Muster der Erwartungen einschießt.

Die Fallhöhe entsteht aus der Vermengung von realem Vorurteil und fiktivem Genregesetz: Natürlich setzt man sich gegen die Alienbrut zur Wehr, dann jedoch mit dem Samuraischwert oder den Feuerwerkskörpern aus dem Jugendzimmer; natürlich wird man später in der Not mit der zuvor überfallenen Krankenschwester, die sich als Nachbarin herausstellt, zusammen arbeiten, muss dann aber auch auf beiden Seiten realisieren, dass die sozialen Grenzen kleiner als ein Fingerhut sind und natürlich spiegelt sich in den angriffslustigen Aliens der subalterne Status der Gang, was aber noch lange nicht mit einem heroischen Ausgang nach der Schlacht quittiert wird – für einen spritzigen Culture Clash gibt das Setting nichts her, dafür bleibt es eine Spur zu hart nah dran am Elend, verpackt in einen kernigen und ziemlich lustigen Genrefilm, der einiges mehr bereit hält, als er vielleicht zunächst verspricht.

Benotung des Films :

Sven Jachmann
Attack the Block
(Attack the Block)
Großbritannien 2011 - 87 min.
Regie: Joe Carnish - Drehbuch: Joe Carnish - Produktion: Nira Park, James Wilson - Bildgestaltung: Thomas Townend - Montage: Jonathan Amos - Musik: Steve Price - Verleih: Wild Bunch - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Jodie Whittaker, Luke Treadaway, Nick Frost, John Boyega, Alex Esmail, Franz Drameh, Leeon Jones, Simon Howard, Jumayn Hunter
Kinostart (D): 22.09.2011

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1478964/