„Drehbuchschreiben heißt ja in erster Linie nicht schreiben, sondern denken“

von Daniel Bickermann


Ein Gespräch mit Regisseur Dietrich Brüggemann anlässlich der DVD-Veröffentlichung von „Renn, wenn du kannst“.

Daniel Bickermann: Du bist jung, wohnst in Berlin, und trotzdem warst Du von Anfang an ganz weit entfernt von der sogenannten Berliner Schule um Schanelec, Petzold und vielleicht auch Hochhäusler? Warum war das nie Thema für Dich?
Dietrich Brüggemann: Die sind ja alle einige Jahre älter als ich. Die Berliner Schule hat eine Menge geleistet, indem sie den ganzen Quatsch, den man im Kino zu oft in Kauf nehmen muss, einfach weggelassen hat. Für mein Gefühl hat sie allerdings zu viel weggelassen. Aber wenn mich daran etwas wirklich stört, dann ist es der Umgang, den die Menschen in diesen Filmen miteinander pflegen. Der ist von einer so gekünstelten Realitätsferne, dass es mich oft graust. Diese Sorte Kino hat ihre Berechtigung, ich zolle den Beteiligten Respekt allein schon für die Leistung, so geschlossen aufzutreten, aber in meiner Generation gibt es eine Gruppe von Filmemachern, die flexibler und weniger kopflastig ans Kino herangehen. Das sind Leute wie Sven Taddicken, Max Erlenwein, Burhan Qurbani oder Christian Schwochow, da entsteht gerade etwas Neues, das noch keinen Namen hat.

Jetzt ist es ja generell schon problematisch, im Team Drehbücher zu schreiben, aber gemeinsam mit Deiner Schwester? Die auch noch Schauspielerin ist und sich so ihre eigenen Dialoge schreibt? Wie kriegt ihr das halbwegs reibungsfrei über die Bühne? Und warum funktioniert das so gut?
Drehbuchschreiben heißt ja in erster Linie nicht schreiben, sondern denken. Plausible Figuren entwerfen, Kausalketten stricken, Bögen bauen und nicht zuletzt: das Erdachte anderen vermitteln. Wenn man gut gemeinsam denken kann, dann reicht das eigentlich schon. Der Teil, den die meisten Leute unter „Schreiben“ verstehen, nämlich die sprachliche Ebene, der Sound, die Dialoge, ist der kleinste Teil. Den mache überwiegend ich, aber wir sind gerade dabei, diese Arbeitsteilung auch mal umzukehren.

Dein Erstling „Neun Szenen“ war ja formal sehr gewagt mit den teilweise zehn Minuten langen Takes. „Renn, wenn Du kannst“ ist dagegen sehr flüssig und elegant geschnitten. Denkst Du Postproduktion und Schnitt gleich mit, wenn Du einen Stoff entwickelst, oder war das nur bei „Neun Szenen“ so? Und wie lief dann die eigentliche Arbeit im Schneideraum?
Das Drehbuch zu „Neun Szenen“ schrieb sich gerade durch die formale Spielregel quasi von selbst. Ansonsten denke ich beim Schreiben nur insofern ans Schneiden, als der Film hier eine erste gedankliche Gestalt erhält, einen Tonfall, zu dem dann irgendwann auch die Montage dazukommen wird. Die Schnittarbeit an „Renn“ lief recht glatt, was aber auch damit zu tun hatte, dass die Geschichte sehr stringent in drei Tagen passiert. Man konnte fast keine Szene einfach woanders hinsetzen, ohne damit die Logik der Handlung zu zerhauen. Davon abgesehen bin ich immer dafür, nur dann zu schneiden, wenn man muss. „Renn“ ist im Schnittrhythmus eher langsam, was nicht so auffällt, da er überwiegend auf Tempo inszeniert ist.

Mal eine echte Regie-Frage: Bei Deinen Auflösungen fällt auf, dass sich die Figuren nur selten gegenüberstehen, sondern meist parallel zueinander oder hintereinander stehen, wenn sie miteinander reden. Kommt das noch von den „Neun Szenen“-Langtakes, oder magst Du einfach keine Schüsse und Gegenschüsse?
Zwei Menschen in einem Bild sind interessanter als einer allein. Das ist schon eine Frage der Ökonomie, man könnte auch sagen: Faulheit, aber der tiefere Grund ist, dass ich Filme dann am spannendsten finde, wenn sie es schaffen, all ihren Figuren gleichermaßen ins Gesicht, ins Herz und in die Seele zu gucken. Jeder Mensch hat seine eigene Wahrheit, und gute Filme schaffen es, diese Wahrheiten gleichberechtigt nebeneinanderzustellen, ohne sie zu werten oder einen künstlichen Filter darüberzulegen. Und das darf sich auch in der Bildgestaltung spiegeln.

Und braucht das eine besondere Art Schauspieler, z.B. welche mit Bühnenerfahrung?
Das braucht vor allem Schauspieler, die offen, interessiert und spielfreudig sind. Der eingangs erwähnte Christian Petzold sagte zu seinem letzten Film, er hätte sich gefreut, junge Schauspieler zu finden, die einfach mal eine Tür öffnen können, ohne dabei gleich „Ich hatte eine schwere Kindheit“ zu spielen. Dem kann man eigentlich nichts hinzufügen. Schlechte Schauspieler präsentieren einem ständig das Problem der Figur. Dadurch wurde übrigens die Besetzung unserer Rollstuhlrolle unglaublich schwierig. Robert war einer von vielleicht dreien, die diese Klippe ganz selbstverständlich umschiffen konnten.

Musik spielt in Deinen Filmen eine auffällige Rolle. Was kannst Du uns über den Soundtrack von „Renn, wenn du kannst“ erzählen?
Klassik steht im Film fast immer entweder für das emotional vergletscherte Bürgertum oder für Genie und Wahnsinn. Popmusik hat genau drei mögliche Stimmungen: Losrennen, traurig sein, Liebe machen. Und komponierte Filmmusik ist meist von niederschmetternder Einfallslosigkeit. Je mehr man von diesen Klischees vorgesetzt bekommt, desto mehr will man dagegen aufbegehren. Mit diesem Film haben wir versucht, uns dem Klassik- und dem Pop-Klischee zu widersetzen und etwas subtileres, vielschichtigeres, widersprüchlicheres zu erschaffen.

Für die DVD des Films hast Du eine ganze Reihe Extras aufgefahren, die im deutsche Film nicht selbstverständlich sind, vom Audiokommentar über Probeaufnahmen bis zu einem 30-minütigen Neuschnitt des Films aus Outtakes und abgebrochenen Takes. Welchen Stellenwert nimmt das Medium DVD gegenüber dem Kino für Dich ein?
Wir hatten so viele absurde Outtakes, dass es sich aufdrängte, daraus den Film einfach ein zweites Mal zu schneiden. Schon immer fand ich es schade, dass man beim Film so einen Aufwand treibt und am Ende doch nur das dreht, was man sich vorgenommen hat. Bei unserem aktuellen Film drehen wir daher von jeder Szene einen Extra-Take in Reimen. Das ist am Ende natürlich DVD-Bonusmaterial, andererseits aber auch jedes Mal eine kleine Meditation über die Szene selbst, da die Figuren sich hier in einer Direktheit entblößen, die man im eigentliche Film nur über Umwege herstellen kann. Generell mag ich den Gedanken, dass ein Werk nicht in Stein gemeißelt dasteht, sondern vom Publikum mit erschaffen wird – so wie ein Buch, zu dem ich beim Lesen meine eigenen Bilder habe. So wünscht man es sich eigentlich. Geht beim Film aber schlecht. Er steht bei der Premiere fertig im Raum und wird ab sofort gnadenlos altern. Also versucht man einerseits, ihn so zu gestalten, dass er in den Köpfen des Publikums etwas anregt, das sich dann verselbständigen kann. Und andererseits versuche ich, den Gedankenprozess, der hinter dem Film steht, offenzulegen. Man muss zeigen: Der Film ist nicht vom Himmel gefallen. Menschen haben ihn gemacht. Er hätte auch so oder so sein können. Diese oder jene Überlegungen standen dahinter. Ich finde das notwendig. DVD ist allein schon dadurch ein schönes Medium. Und Kino muss sowieso sein.

Willst Du uns von Deinen aktuellen und nächsten Projekten erzählen?
Wir drehen momentan den Ensemblefilm „Drei Zimmer Küche Bad“ über acht Freunde, die sich über ein Jahr immer wieder gegenseitig beim Umzug helfen. Zwischen Kisten, Möbeln und Kartons beginnen und enden so viele Geschichten, dass der Umzugsfilm eigentlich längst ein eigenes Genre sein müsste. Gerade hatte der Kurzfilm „One Shot“ Premiere, den ich letztes Jahr wutentbrannt über die sogenannte Integrationsdebatte ohne Geld mit ein paar Freunden gedreht habe. Für die nächsten Filme gibt es ein fertiges Drehbuch und allerhand Ideen. Ich hoffe, dass es so weitergeht.

Link zur Filmkritik zu „Renn, wenn du kannst„.

Foto: © Zorro Film