filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Amador und Marcelas Rosen

(Spanien 2010; Regie: Fernando León de Aranoa)

Magische Frömmigkeit

foto: © alamode
Das sozialrealistische Setting des Films "Amador und Marcelas Rosen" erscheint auf den ersten Blick klischeehaft; andererseits bleibt Fernando León de Aranoa nach seinen Arbeiten "Montags in der Sonne" und "Princesas" seinem ausgeprägten Interesse für soziale Probleme treu, was ihn mit seinen Kollegen Ken Loach und Robert Guédiguian verbindet. Mit der introvertierten Perspektive seiner Protagonistin Marcela (Magaly Solier, bekannt aus dem Berlinale-Gewinner "Eine Perle Ewigkeit") erzählt der spanische Regisseur auf verhaltene, mitunter etwas langatmige Weise die Geschichte einer weiblichen Selbstfindung unter prekären Lebensumständen. Marcelas einsame Eigensinnigkeit ähnelt darin jenem leicht kitschigen Bild einer allein auf ödem Grund sprießenden Blume, das den Film eröffnet und eine "Rosen-Metaphorik" in Gang setzt, die den Film fortan durchzieht. Deren Bedeutung kreist um den Zusammenhang von Leben, Liebe und Tod.

Anfangs will Marcela aus Verhältnissen ausbrechen, die ihren Traum von einem besseren Leben nicht erfüllen. Ihrem Freund Nelson (Pietro Sibille), der mit seiner bolivianischen Einwanderer-Clique und "aufgefrischten" Rosen an der Peripherie Madrids einen illegalen Blumenhandel betreibt, schreibt sie einen Abschiedsbrief. Doch dann wird sie ohnmächtig, entdeckt ihre Schwangerschaft und muss wieder zurück. Sie zerreißt den Brief, verwahrt die Schnipsel in einer kleinen Blechdose mit Habseligkeiten und verschweigt ihren Zustand, da der achtlose Nelson in anderen Kategorien von der Zukunft denkt. Schließlich findet sie Arbeit und ein bescheidenes Einkommen als Betreuerin des alten, bettlägerigen Amador (Celso Bugallo), der von seiner gestressten Familie vernachlässigt wird. Amador legt ein schwieriges Puzzle, das aus Wolken besteht, die sich auf der Meeresoberfläche spiegeln. Einmal vergleicht er das Leben mit einem Puzzle, dessen individuell verschiedene Teile jeder selbst für sich richtig zusammensetzen muss.

Ein anderes Mal deutet er seinen baldigen Tod an und bittet Marcela, seinen Platz für ihr Kind freizuhalten. Der Tausch von Leben und Tod im vorgestellten Kreislauf von Sterben und Wiedergeburt, aber auch Marcelas fast magische Frömmigkeit grundieren den Film und setzen ein Gegengewicht zur sozialen Überlebensnot. Rituelle Arbeits- und Handlungsabläufe bestimmen auch Marcelas Alltag. Fernando León de Aranoa verleiht diesem eine ebenso skurrile wie schwarzhumorige Note, als Amador stirbt und Marcela unter Schuldgefühlen ihren Dienst mit der Leiche fortsetzt, um weiterhin das nötige Geld für sich und ihr Kind zu verdienen. "Es geht darum, wie das Leben und der Tod dazu gezwungen sind zu koexistieren", sagt der Filmemacher dazu. Immer wieder wird Marcela nach dem Namen des Kindes gefragt; und wiederholt verlangen Menschen, den Bauch der Schwangeren berühren zu dürfen, als ginge es darum, einen identifizierbaren Kontakt zum Leben herzustellen. Doch erst am Ende dieses poetischen Films, wenn alle Puzzles zusammengesetzt sind, huscht nach der Namensfrage ein wissendes, aber verschwiegenes Lächeln über Marcelas stilles Gesicht.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (6/10)


Amador und Marcelas Rosen
OT: Amador
Spanien 2010 - 110 min.
Regie: Fernando León de Aranoa - Drehbuch: Fernando León de Aranoa - Produktion: Fernando León de Aranoa, Jaume Roures - Kamera: Ramiro Civita - Schnitt: Nacho Ruiz Capillas - Musik: Lucio Godoy - Verleih: Alamode - FSK: ab 6 Jahre - Besetzung: Magaly Solier, Celso Bugallo, Pietro Sibille, Sonia Almarcha, Juan Alberto de Burgos, Fanny de Castro, Antonio Duran Morris, Eleazar Ortiz
Kinostart (D): 07.06.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1477171/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2012/amador_und_marcelas_rosen/links.htm

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 05.03.2015

Focus

(USA 2015; Glenn Ficarra, John Requa)
Diebe und Liebe von Nicolai Bühnemann

Pepe Mujica - Der Präsident

(D 2015; Heidi Specogna)
Oh, wie schön ist Uruguay! von Ulrich Kriest

Still Alice - Mein Leben ohne Gestern

(USA 2014; Richard Glatzer, Wash Westmoreland)
Die Kunst des Verlierens lernen von Wolfgang Nierlin
kinostart: 26.02.2015

Als wir träumten

(D 2015; Andreas Dresen)
Ekstasen der Jugend von Wolfgang Nierlin

American Sniper

(USA 2014; Clint Eastwood)
Bring The War Home! von Ulrich Kriest
kinostart: 19.02.2015

Altman

(KAN 2014; Ron Mann)
Meister der Ambivalenz von Ulrich Kriest

Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes

(GB / USA 2015; Tom Harper)
Gewissensgeister und Moormütter von Drehli Robnik

Von Menschen und Pferden

(IS / D 2013; Benedikt Erlingsson)
Zaumzeug und Liebesdinge von Carsten Moll
kinostart: 12.02.2015

Inherent Vice - Natürliche Mängel

(USA 2014; Paul Thomas Anderson)
California Über Alles! von Ulrich Kriest

Manolo und das Buch des Lebens

(USA 2014; Jorge Gutierrez)
Der schwere Fehler der komischen Entlastung von Carsten Moll
kinostart: 05.02.2015

Foxcatcher

(USA 2014; Bennett Miller)
Erfolgreiche Verlierer von Nicolai Bühnemann

The Interview

(USA 2014; Evan Goldberg, Seth Rogen)
Analität des Bösen von Marit Hofmann
kinostart: 29.01.2015

Birdman oder (Die unverhoffte Art der Ahnungslosigkeit)

(USA 2014; Alejandro González Iñárritu)
Highbrow meets Lowbrow von Tim Lindemann

Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

(USA 2014; Alejandro González Iñárritu)
Reale Schwerelosigkeit von Wolfgang Nierlin
kinostart: 22.01.2015

Fräulein Julie

(N/IR/GB/F 2014; Liv Ullmann)
Wie Schaum auf dem Wasser von Wolfgang Nierlin

Missverstanden

(I / F 2014; Asia Argento)
Kunterbunte Katastrophen von Tim Lindemann

Missverstanden

(I / F 2014; Asia Argento)
Ein dysfunktionaler Familienroman von Nicolai Bühnemann

Remedy

(USA 2013; Cheyenne Picardo)
Top, ziemlich weit unten von Carsten Moll

The Imitation Game

(GB / USA 2014; Morten Tyldum)
Kein Knopp von Dietrich Kuhlbrodt

The Imitation Game

(GB / USA 2014; Morten Tyldum)
Wettlauf gegen die Zeit von Wolfgang Nierlin

Wir sind jung. Wir sind stark.

(D 2014; Burhan Qurbani)
Einwandfrei verkuckt von Dietrich Kuhlbrodt

Wir sind jung. Wir sind stark.

(D 2014; Burhan Qurbani)
Brennende Langeweile von Ulrich Kriest
kinostart: 15.01.2015

Amour fou

(AT 2014; Jessica Hausner)
Wie Puppen in einem Marionettentheater von Wolfgang Nierlin

Streif - One Hell of a Ride

(AT 2014; Gerald Salmina)
Kulissen hinter Kulissen von Lukas Schmutzer

The Gambler

(USA 2014; Rupert Wyatt)
Das Glück als Glückssache von Nicolai Bühnemann

Top Girl oder la déformation professionnelle

(D 2014; Tatjana Turanskyj)
Zur Ökonomisierung des Intimen von Ulrich Kriest
auf dvd:aktuelldemnächst

bücher

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

Christian Keßler: Wurmparade auf dem Zombiehof

Er mag Müll

von Sven Jachmann

Alain Badiou: Kino. Gesammelte Schriften zum Film

Ein Kind der Film-Clubs und eine Waise der Idee der Revolution

von Ulrich Kriest

interviews

"Ohne Provokation geht die Welt nicht weiter"

Andreas Dresen im Gespräch über seinen Film "Als wir träumten"

von Wolfgang Nierlin

"Alle sind wunderschön angezogen"

Man muss kein Theaterfreund sein, um am Theater keinen Reinfall zu erleben - ein Gespräch mit Wenzel Storch

von Sven Jachmann

"Ich glaube fundamental an genau gestellte Fragen. Sie sind die eigentliche, tiefe Bedeutung des Erzählens, ja, von Kunst überhaupt."

Ein Gespräch mit Götz Spielmann aus Anlass seines neuen Films "Oktober November"

von Ulrich Kriest

texte

6 x Robert Altman

Ein Dossier anlässlich seines 90. Geburtstags

Die besten Filme von 2014

And the Winners are ...

Triumph für Peter Kern

Widerspenstig, radikal, unerhört

von Nicolai Bühnemann

festival

Berlinale 2015 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

Berlinale 2014 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn