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Süt - Milk

(Türkei / Frankreich / Deutschland 2008; Regie: Semih Kaplanoglu)

Wege in die Selbstständigkeit

foto: © piffl medien
In Semih Kaplanoglus Filmen ist die zeitliche Dauer der Einstellungen das Leben selbst. Man kann, wenn man möchte, in ihnen wohnen. Im meditativen Fluss der Bilder sind existentielle Fragen gespeichert: Die Dinge gewinnen eine Aura, aus dem Schweigen der Figuren dringt das Sein. Damit verbunden ist die Erfahrung des Raums, seine sinnliche Ausdehnung. In der Totale erzeugen die Beziehungen zwischen Vorder- und Hintergrund immer wieder eine dialektische Spannung: Natur und Zivilisation, Tradition und Moderne, Stadt und Land treten in einen Dialog.
   
Kaplanoglus filmische Ästhetik und visuelle Poesie ähneln darin derjenigen seiner Generationskollegen Nuri Bilge Ceylan und Zeki Demirkubuz, zwei weiteren herausragenden Vertretern des zeitgenössischen türkischen Autorenfilms. Während jedoch bei aller Verwandtschaft Ceylans Arbeiten zunehmend artifizieller wirken und Demirkubuz′ "Geschichten der Finsternis" den Neorealismus erneuern, begeben sich Kaplanoglus Filme auf den schmalen Grat zwischen der Wirklichkeit und ihrer symbolischen Überhöhung. "Wir sehen die Welt nicht nur mit unseren Augen, sondern auch mit unseren Träumen", hat der 1963 in Izmir geborene Regisseur dazu gesagt.

Sein Film "Süt - Milch", nach "Yumurta - Ei" der zweite Teil der sogenannten "Yusuf-Trilogie", beginnt mit einem Ritual. Ein alter Schlangenbeschwörer kritzelt Beschwörungsformeln auf einen kleinen Zettel, den er dann in einem Kessel mit dampfender Milch versenkt. Darüber hängt kopfüber eine junge Frau, die den Dampf einatmet und unter Husten allmählich eine kleine Schlange hervor würgt. Kaplanoglu hat sein Symbol aus der Lebenswirklichkeit gewonnen. Eine andere, größere und dunklere Schlange dringt in das Haus des etwa 20-jährigen Yusuf (Melih Selcuk) und seiner Mutter Zehra (Basak Köklükaya) und symbolisiert insofern die sich zuspitzende Krise einer Mutter-Sohn-Beziehung. Die Reinheit und Unschuld dieser in der türkischen Gesellschaft symbiotischen Beziehung erfährt in "Süt" eine entscheidende Störung und kulminiert in einem doppelten Ablösungsprozess.
   
Yusufs Weg in die Selbständigkeit schwankt zwischen Neigung und Pflicht, Freiheit und Notwendigkeit. In einem Vorort der Provinzstadt Tire im Hinterland der ägäischen Küste hilft er auf dem kleinen Hof der Mutter, indem er sich um die Kühe kümmert, Milch und Käse verkauft. Aber eigentlich fühlt sich der verschlossene Außenseiter mit dem intensiven Blick zum Dichter berufen. An der Wand seines Zimmers hängen Portraits von Rimbaud und Dostojewski; gerade hat eine Literaturzeitschrift eines seiner Gedichte veröffentlicht, was Yusuf mit heimlichem Stolz erfüllt und seine künstlerische Berufung zu bestätigen scheint. Doch dem jungen Dichter fehlt der soziale Rückhalt: Für seine Mutter ist er ein Träumer und ein trunksüchtiger Professor fällt als Vaterersatz und literarischer Mentor aus. Allein die Studentin Semra, die Yusuf nach seiner Musterung in Izmir kennenlernt, und ein Dichterfreund, der im Bergbau arbeiten muss, können als gleichgesinnte Seelenverwandte gelten. Doch diese bleiben seinem Alltag zu entfernt.

Als schließlich seine attraktive Mutter Zehra eine Beziehung zum örtlichen Stationsvorsteher eingeht, erfährt Yusufs labiles Gleichgewicht eine entscheidende Störung, seine Perspektive verengt sich und wird allmählich von Dunkelheit und Resignation eingehüllt. Semih Kaplanoglu spiegelt die Krise dieses Erwachsenwerdens am Eindringen der Moderne in die traditionelle Gesellschaft, ablesbar an der Vorort-Architektur, der Landnahme durch die Großindustrie, dem Zurückdrängen der bäuerlichen Kultur und einer damit einhergehenden veränderten Arbeitswelt, die das Individuum verschluckt, was die Kamera im sehr intimen Blick auf Yusufs Dichterfreund zeigt. Einmal bringt der Sohn wie zur Versöhnung einen großen Fisch mit nach Hause. Doch die Realität verwandelt sich in einen Traum, in dem die Mutter mit einem geheimnisvollen Lächeln auf den Lippen einen Truthahn rupft.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (10/10)


Süt - Milk
OT: Süt
Türkei / Frankreich / Deutschland 2008 - 102 min.
Regie: Semih Kaplanoglu - Drehbuch: Semih Kaplanoglu, Orcun Köksal - Produktion: Semih Kaplanoglu, Bettina Brokemper, Johannes Rexin, Guillaume De Seille - Kamera: Özgür Eken - Schnitt: Francois Quiqueré - Verleih: Piffl Medien - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Melih Selçuk, Basak Köklükaya, Riza Akin, Saadet Isil Aksoy, Tülin Özen, Alev Uçarer, Serif Erol, Tansu Biçer, Orçun Köksal
Kinostart (D): 14.01.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1284591/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2010/suet_milk/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/21173/Sa%BCT-MILK/Kritik/

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