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Geständnisse - Confessions of a Dangerous Mind

(USA 2002; Regie: George Clooney)

Tausche Würde gegen Kühlschrank

foto: © buena vista
In den amerikanischen Medien ist der Kalte Krieg heute schon nicht mehr als ein Treppenwitz der Geschichte. Für Chuck Barris war er das auch Anfang der Achtziger schon - genauso wie die ganze US-Unterhaltungsindustrie. Reagan war gerade an die Macht gekommen, als Barris bereits seine Memoiren schrieb: "Confessions of a Dangerous Mind". Außerhalb Amerikas wurde Barris kaum bekannt, aber die Folgen seiner Pionierarbeit, die er in den Sechzigern im US-Fernsehen geleistet hatte, sind bis heute spürbar. Zu seiner Hochphase galt er wahlweise als grandioser Prankster, Riesenarschloch oder Nemesis abendländischer Restkultur. Hätte man ihn damals gefragt, hätte er sich zwischen diesen drei Möglichkeiten wohl nur ungern entscheiden wollen - zu einfach wäre es gewesen, sich auf eine der Rollen festlegen zu lassen.  

Seine Game-Shows "The Dating Game", "The Newlywed Game", "The Gong Show" oder "The $1,98 Beauty Show" waren eine Art radikale Demokratisierungsattacke auf die Old Boy′s Club-Hierarchien des Fernsehens: Das Fernsehvolk drängte unerbittlich auf den Bildschirm. Letztlich war es ein Akt der Selbstentlarvung. Mit Barris lieferte das Massenmedium Fernsehen erstmals ein authentisches Bild seiner Gesellschaft: Dumm, hässlich und ohne Selbstachtung standen ihre Vertreter da auf der Bühne und nahmen kein Blatt vor den Mund. Und als sie erkannten, was sie da angerichtet hatten, begannen sie Barris kollektiv zu hassen.
 
Mit "Confessions of a Dangerous Mind" schlug Barris 1984 dann zurück. Aus dem Kellerloch, in das er sich fast drei Jahre zuvor zurückgezogen hatte, stieg der Mann, den die Fernsehnation zuletzt öffentlich ausgebuht hatte, als hochdekorierter US-Bürger. 33 Staatsfeinde hatte er laut seiner "unautorisierten Autobiografie" im Laufe der Siebziger umgelegt, alle im Auftrag der CIA. Die Agency kommentierte Barris Geständnis damals mit den Worten, dass er wohl etwas zu nah am Gong gestanden hatte. Barris erzählt bis heute in Interviews, dass er schon immer ein mittelmäßiger Arbeiter gewesen sei - als Showmaster wie als Spion.

Das wilde Leben Barris′ liefert reichlich Material für das Regie-Debüt von George Clooney. Seit der zusammen mit Steven Soderbergh in subversiver Mission in Hollywood unterwegs ist (gerade erst kam ihr "Solaris"-Remake in die Kinos), zieht es ihn zu den unkonventionellen Stoffen. Auch Drehbuch-Wunderkind Charlie Kaufman musste nur noch etwas an den Dialogen feilen, besser als Barris hätte es der Begründer des Gehirnkäfig-Kinos à la "Being John Malkovich" sich selbst nicht ausdenken können. Und beide, Clooney wie Kaufman, wollen sich auch - wie der Autor der Romanvorlage - keine Sekunde darauf festlegen lassen, ob Barris nun Prankster, Riesenarschloch oder Nemesis gewesen ist. In "Geständnisse" kommt jeder Charakterzug zu seinem Recht. Manchmal zeigt Clooney Barris auch als skrupellosen Manipulator, der die Mechanismen der Unterhaltungsindustrie meisterlich bedient. Und trotzdem bleibt der Visionär bis zum Ende ein armes Würstchen, den es vor allem ins Showbusiness verschlagen hat, damit er seinen kleinen Schwanz überall reinstecken kann. Ficken und gefickt werden ist das Motto der Showbranche und - so will es zumindest die Legende - von Barris′ Leben.  

"Geständnisse" ist so delirant, wie es Barris′ Vorlage möglich macht. Und Clooney ist schlau genug, sich mit seinem Film tief in die Niederungen der Spekulation zu begeben. Zwischen den nicht einmal um eine äußere Kohärenz bemühten Eindrücken aus Barris′ Fernsehkarriere tauchen immer wieder die "Talking Heads" ehemaliger Kollegen wie "American Bandstand"-Erfinder Dick Clarke und Gene Gene The Dancing Machine aus der "Gong Show" auf. Clooneys kleines "Rashomon" der Fernsehkultur sucht nicht den Schuldigen, sondern lediglich den Deppen der Nation. Aber dann besitzt der Film nicht einmal den Anstand, das arme Schwein am Ende - nach dem Vorbild seiner eigenen Show - auszugongen. Die Schlussworte muss da erst ein altersweiser Barris sprechen: "Ich habe eine Idee für eine neue Gameshow, sie heißt "The Old Game". Du hast drei alte Typen auf der Bühne mit geladener Knarre. Sie blicken auf ihr Leben zurück. Gewinner ist, wer sich nicht sein Gehirn wegbläst. Er gewinnt einen Kühlschrank."  

Sam Rockwell bringt genug Ausdruckslosigkeit in seine Rolle als Chuck Barris ein, dass sich der Film nur langsam aus seinem stoischen Erzählfluss löst. Dafür arbeiten Clooney und sein Kameramann Newton Thomas Sigel visuell im roten Bereich. Der Einsatz verschiedener Linsen, Farbfilter, exzessiver Schnitte und qualitativ schwankendem Filmmaterial rückt Barris′ Lebensgeschichte in die surrealen Dimensionen einer größenwahnsinnigen Erweckungsphantasie. Irgendwann lässt er sich in einem mittelmäßigen Restaurant einfach für den CIA-Außendienst anheuern. "Das Profil stimmt", heißt es. "Betrachte es einfach als Hobby. Etwas zum Entspannen. Du bist ein Mordsenthusiast." Jesus ist in seinem Alter bereits tot gewesen und wiederauferstanden.  

Für den Zynismus der Gameshow-Kultur schien der Kalte Krieg eine angemessene Metapher zu sein. In seinem Buch erzählt Barris, wie die CIA die Flugreisen der Gewinnerpaare seiner "Dating Game"-Show dazu benutzte, ihn als Begleiter an seine Einsatzorte zu befördern. So kippt auch der Film schließlich von den ausgelassenen Gameshow-Sauereien der Sechziger in eine Spionage-Farce. Das Agenten-Personal zwischen Helsinki und Ostberlin (u. a. Julia Roberts, Rutger Hauer) besitzt ebenfalls Treppenwitz-Charakter, fügt sich aber bruchlos in den katatonische Aktionismus der Geschichte.  

So einen Film hat es aus Hollywood noch nie gegeben. Barris hatte das Fernsehen mit seinen eigenen Mitteln geschlagen und mit seinen populistischen Gameshows kalkuliertes Anti-Fernsehen geschaffen: ohne Stil, ohne Inhalt, ohne Würde. Clooney geht jetzt den umgekehrten Weg, um zu einem ähnlichen Ergebnis zu kommen. "Geständnisse" spielt mit populären Versatzstücken, um einen überbudgetierten Experimentalfilm mit A-Besetzung zu realisieren. Über den Stil lässt sich vielleicht noch streiten, über den Inhalt, seine Polemik, nicht. Vor 40 Jahren war es immerhin noch die Aussicht auf einen Kühlschrank gewesen, die das Publikum dazu trieb, sich vor der ganzen Fernsehnation zum Affen zu machen. Heutzutage ist es nur noch die pervertierte Sehnsucht, selbst aktiver Teil dieser TV-Öffentlichkeit zu sein, die die Menschen ihre Würde vergessen lässt. Barris mag ein Zyniker sein. Aber dass es einmal so schlimm kommen würde, hätte er sich wahrscheinlich auch nicht träumen lassen.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 05/2003

Andreas Busche



Geständnisse - Confessions of a Dangerous Mind
OT: Confessions of a Dangerous Mind
USA 2002 - 113 min.
Regie: George Clooney - Drehbuch: Charlie Kaufman - Produktion: Andrew Lazar - Kamera: Newton Thomas Sigel - Schnitt: Stephen Mirrione - Musik: Alex Wurman, Joe Rangel - Verleih: Buena Vista - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: George Clooney - Darsteller: Sam Rockwell, Drew Barrymore, George Clooney, Maggie Gyllenhall, Rutger Hauer, Julia Roberts
Kinostart (D): 24.04.2003

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0270288/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2003/gestaendnisse_confessions_of_a_dangerous_mind/links.htm

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