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Der Weiße mit dem Schwarzbrot

(Deutschland 2006; Regie: Jonas Grosch)

Flucht aus Leidenschaft

foto: © mmm
Jonas Groschs Dokumentation gebührt in der Aufarbeitung der RAF ein Sonderplatz. Sie beschreibt eine Geschichte des Widerstands mit feiner Ironie und einen Erkenntnisprozess ohne falsche Reue. Muss man erwähnen, dass der Film ohne öffentliche Gelder entstanden ist? Der Weiße ist Christof Wackernagel, Exterrorist, Dramaturg, Schauspieler, hoffnungsloser Idealist, Entwicklungshelfer wider Willen. Das Schwarzbrot heißt Madou Coulibaly und ist ein Freund Wackernagels, der ... nein, stop. Das Schwarzbrot kommt aus Bayern, weil Wackernagel in Mali, wo er seit einigen Jahren lebt, das Brot aus seiner Heimat vermisste. Sonst vermisst er Deutschland überhaupt nicht. Denn Wackernagel hat Zugang zum World Wide Web. Aus der Distanz bekommt er einen viel besseren Blick auf dieses bescheuerte Land mit seinen alten Grabenkämpfen und die Widersprüche, in die man zwangsläufig noch immer verstrickt ist. Er erzählt von einem ehemaligen Mitstreiter, der dreißig Jahre später lieber "Friedenssoldaten" in den Sudan schickt, als ein paar Millionen für eine Friedenskarawane durch die Bürgerkriegsregion auszugeben (wenn jemand wisse, wie paradox die Vorstellung eines Friedenssoldaten sei, dann ja wohl er selbst, ereifert sich Wackernagel), und von dem "Bullen", der sich für seine vorzeitige Entlassung einsetzte, weil ein Verbrechen aus Idealismus nicht mit einem aus Habgier zu vergleichen sei.  

Wackernagel lebt in Mali, weil er in Deutschland sein Leben lang als der Exterrorist bekannt sein wird. Aber auch das Leben in Mali ist nicht einfach als privilegiertes Weißbrot. Wackernagel spürt, dass er erneut in Widersprüchen gefangen ist, einer kulturellen Differenz, die ihn manchmal in den Wahnsinn treibt. Wie die Sache mit seiner Nachbarin, die er einmal zum Essen eingeladen hat und die nun denkt, er würde sie heiraten. In Mali werde ein Weißer automatisch zum Missionar, weil jeder meint, den armen Negern helfen zu müssen. Am Ende sei es doch bloß blanker Egoismus. So redet Wackernagel - und muss dabei manchmal über seine eigene Naivität lachen. Die Lehren aus seiner kurzen Zeit als aktiver Widerstandskämpfer (nach nur zwei Monaten wurde er gefasst) sind inzwischen im sozialen Engagement aufgegangen. Für die Kinder veranstaltet er "Plastikspiele", um den Müllbergen im Dorf beizukommen, eine Art Sozialkundeunterricht. Aber es wird wohl immer so sein, dass die Kinder den Scheiß ihrer Eltern wegräumen müssen. Volker Schlöndorff hat über "Der Weiße mit dem Schwarzbrot" gesagt, es sei der einzige RAF-Film, aus dem ein Mensch spreche. Man könnte auch sagen: der gesunde Menschenverstand.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 06/2008

Andreas Busche



Der Weiße mit dem Schwarzbrot
OT: Der Weiße mit dem Schwarzbrot
Deutschland 2006 - 73 min.
Regie: Jonas Grosch - Drehbuch: Jonas Grosch - Produktion: Jonas Grosch - Kamera: Miriam Tröscher - Schnitt: Antje Lass - Musik: Madou Coulibaly - Verleih: MMM - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: (Mitwirkende) Christof Wackernagel
Kinostart (D): 12.06.2008

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1003074/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2008/der_weisse_mit_dem_schwarzbrot/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/19862/DER-WEIssE-MIT-DEM-SCHWARZBROT/Kritik/

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