filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Death Proof

(USA 2007; Regie: Quentin Tarantino)

Male Trouble

foto: © senator / universum
Quentin Tarantino gehört zur ersten Videogeneration. Von der Ära der Grindhouse-Kinos, in denen man für ein paar Dollar einen ganzen Tag mit Double- und Triplefeatures aus Zombie-, Karate-, Blaxploitation-, Revenge- und Slasherfilmen verbringen konnte, hat er Anfang der Achtziger gerade noch die traurigen Ausläufer mitbekommen. Seitdem versucht er mit viel Hingabe, diese Zeit zu rekonstruieren. "Death Proof" ist nach "Kill Bill" Tarantinos zweite Hommage an das Kino seiner Jugend; das ist heute, im Gegensatz zu den Filmen von Roger Corman oder den Golan/Globus-Cousins, natürlich nur noch mit viel Geld zu realisieren. In Amerika lief "Death Proof" Anfang des Jahres zusammen mit "Planet Terror" von Tarantinos Checker-Kumpel Robert Rodriguez als dreieinhalbstündiges Doublefeature, drei Trailer von fiktiven B-Movies inklusive. Bei uns kommen beide Filme vorerst nur getrennt ins Kino, was die Idee des Projekts mehr oder weniger ad absurdum führt. Dafür ist "Death Proof" solo ganze 27 Minuten länger, womit Tarantino auch gegen ein ehernes Exploitation-Gesetz verstößt: Ein guter Film ist niemals länger als 80 Minuten.
 
Wenigstens passt die Geschichte noch auf einen Bierdeckel: Ein ehemaliger Stuntman (Actionfossil Kurt Russell) lockt junge Mädchen in sein Muscle Car, um sie in tödliche Unfälle zu verwickeln - bis er an die falschen gerät. Vorbild sind die Car-Crash-Movies der Siebziger, einer unschuldigen, vordigitalen Ära, in der Stuntmen (oder Stuntfrauen; die Neuseeländerin Zoe Bell spielt in "Death Proof" eine Hauptrolle) noch die Cowboys der Neuzeit waren. Tarantino zollt ihnen Respekt, macht aber auch Schluss mit den Machoallüren des Genres. Russell, reptilienartig gealtert, ist die Idealbesetzung als psychopathischer Schmierlappen mit MacGyver-Frisur. Selbstironie ist ihm nicht fremd. "Hast du Angst vor mir?", fragt er einmal ein Mädchen. "Nicht vor dir", entgegnet sie, "vor deinem Auto."  

Noch mehr als qualmende Reifen und spektakuläre Auffahrunfälle liebt Tarantino aber harte Mädchen mit schönen Füßen, die sie ihren männlichen Kontrahenten wenn nötig auch tief in den Arsch stecken. Es sind nicht unbedingt die altmodischen Verfolgungsjagden, der mitreißende Soundtrack (Warner Music) oder selbstreferentielle Gimmicks wie zerkratzte Filmkopien und Filmsprünge, die "Death Proof" so unterhaltsam machen, sondern der ureigene Tarantino-Touch: endloser Girls Talk über Sex, Drogen, Popkultur und das Leben in der amerikanischen Provinz. Man möchte diesen Mädchen stundenlang beim Quasseln zuhören - unterschätzen sollte man sie niemals. Tarantinos Vorstellung von Feminismus mag aus schlechten Siebziger-Jahre-Filmen geklaut sein; aber kann das gegen "Death Proof" sprechen?

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 08/2007

Andreas Busche



Death Proof
OT: Grindhouse - Death Proof
USA 2007 - 113 min.
Regie: Quentin Tarantino - Drehbuch: Quentin Tarantino - Produktion: Elizabeth Avellán, Robert Rodriguez, Erica Steinberg, Quentin Tarantino - Kamera: Quentin Tarantino - Schnitt: Sally Menke - Verleih: Senator / Universum - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Kurt Russell, Sydney Tamiia Poitier, Vanessa Ferlito, Jordan Ladd, Zoë Bell, Rosario Dawson, Tracie Thoms, Mary Elizabeth Winstead
Kinostart (D): 19.07.2007

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1028528/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2007/death_proof_todsicher/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/18714/DEATH-PROOF/Kritik/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 23.06.2017

Personal Shopper

(FR, DE 2016; Olivier Assayas)
Unsichtbare Präsenz von Wolfgang Nierlin

Pet

(USA/ES 2016; Carles Torrens)
Eingesperrt und an der Nase herumgeführt oder: die ewige Frage, wer wessen Haustier ist von Nicolai Bühnemann
dvd-start: 23.06.2017

Die Hände meiner Mutter

(DE 2016; Florian Eichinger)
Zum Sprechen finden von Wolfgang Nierlin
dvd-start: 26.05.2017

Dieses Sommergefühl

(F/D 2016; Mikhaël Hers)
Media vita in morte sumus von Ulrich Kriest

Dieses Sommergefühl

(FR, DE 2016; Mikhaël Hers)
Die Leere nach dem Tod von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 19.05.2017

Humanoid

(USA 2016; Joey Curtis)
Endlose Schlachten im ewigen Eis von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 19.05.2017

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)
Afrikabilder von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/D 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Fehlgeleitete Besessenheit im Partyparadies von Nicolai Bühnemann

Spring Awakening

(GR 2015; Constantine Giannaris)
Fotoalbum der Rebellion von Nicolai Bühnemann

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke

kurzkritiken

America's Sweethearts

(USA 2001; Joe Roth)

Satire als Flaschenkorken

von Marit Hofmann

Blair Witch

(USA 2016; Adam Wingard)

The Seventeen Year Witch

von Drehli Robnik

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

Mauerpark

(D 2011; Dennis Karsten)

Berlin, du bist so wunderbar

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Das Kino Matías Pinieros

Shakespeares Frauen zwischen Buenos Aires und New York

von Nicolai Bühnemann

Gewinnspiel

2 DVDs von "Die Hände meiner Mutter" zu gewinnen

Die "Children of the Corn"-Reihe

Von christlichem Fundamentalismus zu Gottes Rache

von Nicolai Bühnemann

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #38

Ma l′amor mio non muore (Aber meine Liebe stirbt nicht)

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-16

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?