filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Nebel im August

(Deutschland/Österreich 2016; Regie: Kai Wessel)

Ein Denkmal

foto: © studiocanal
Der Film befasst sich mit dem Schicksal eines Zwölfjährigen, der 1944 in der bayerischen Anstalt Kaufbeuren-Irrsee ermordet wurde. Ernst Lossa wurde vergiftet. Grund: Er war Sohn eines fahrenden Händlers, eines Jenisch, und er war in der Hungeranstalt Kaufbeuren aufsässig. Er klaute Brot aus der Vorratskammer und versorgte Kinder, die verhungern sollten. Und er verbreitete unter seinesgleichen so etwas wie Hoffnung auf bessere Zeiten.
Der Ernst Lossa war ein Held. Und der Film setzt ihm ein Denkmal.

Dabei stellt Regisseur Kai Wessel sein Licht unter den Scheffel. Lossas Schicksal ist dokumentarisch ausführlich belegt. Im Film ist davon aber nicht die Rede. Wessels Absicht war vielmehr, "einen lebendigen Film" zu machen - und keinen dokumentarischen. Daher vermeidet er beispielsweise, die Anstalt beim Namen zu nennen. Geht diese Strategie auf? Ich meine: ja. Der junge Held, widerständig und fürsorgend zugleich, bleibt im Fokus. Er berührt. Und es ging mir nicht anders: ich litt und hoffte mit ihm.

"Nebel im August" ragt aus der Reihe der so genannten Euthanasie-Filme heraus. Er beschäftigt sich vorrangig nicht mit den bösen Tätern, auch nicht mit dem Rassenwahn der Nazis. Es fehlen in der detailgetreuen Ausstattung der Anstalten zum Beispiel Aufnahmen von Nazisymbolen wie Führerbild, Hakenkreuze, Parteiabzeichen pp. - Auch kommen Tätermotive nicht in den Vordergrund. Doch, ja, in einer großen Szene rühmt sich der Anstaltsleiter von Kaufbeuren-Irrsee als Erfinder der Hungerkost. Anstaltsessen reichlich, aber mit Suppen ohne Kalorien und Vitamine. Messungen ergeben, dass das Körpergewicht zuverlässig abnimmt. Das stößt im "Euthanasie"-Betrieb auf Zustimmung der Ärzteschaft. Besonders wenn vorrangig diejenigen getötet werden, die arbeitsunfähig oder -willig sind und den Anstalten keinen Nutzen und nichts als Kosten bringen.

Ergebnis: der Film, weit davon entfernt die Schuldigen zu fanatischen Nazis zu erklären, sieht die Schuldigen bei jenen, die ihre Entscheidungen nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip treffen. Und damit sind wir beim Heute angelangt. "Nebel im August" führt umstandslos in die sehr gegenwärtige Diskussion über - Beispiel! - die pränatale Diagnostik.

Exkurs: In der Generalakte der Hamburger Gesundheitsbehörde der frühen vierziger Jahre vermerkte der Behördenleiter persönlich, die Abtransporte der Hamburger Kinder aus den Alsterdorfer Anstalten durch die "Euthanasie"-Busse der Kanzlei des Führers sollen fortan vermieden werden. "Wir machen es billiger". Und so geschah es.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret

Dietrich Kuhlbrodt



Nebel im August
Deutschland/Österreich 2016 - 126 min.
Regie: Kai Wessel - Drehbuch: Holger Karsten Schmidt - Produktion: Ulrich Limmer - Kamera: Hagen Bogdanski - Schnitt: Tina Freitag - Musik: Martin Todsharow - Verleih: StudioCanal - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Sebastian Koch, David Bennent, Ivo Pietzcker, Fritzi Haberlandt, Franziska Singer, Jule Hermann
Kinostart (D): 29.09.2016
DVD-Start (D): 02.03.2017
Blu-ray-Start (D): 02.03.2017

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt4250566/
Link zum Verleih: http://www.studiocanal.de/dvd/nebel_im_august

Details zur DVD / Blu-ray:
Bild: 2,40:1 (anamorph) - Sprache: Deutsch (DD 5.1) - Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Hörfilmfassung für Blinde (DD 2.0 Stereo) - Extras: Interviews, Making of, Spiegel TV Beitrag: "Hitlers vergessene Opfer - Euthanasie im dritten Reich", Trailer - FSK: ab 12 Jahren - Verleih: StudioCanal

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 23.06.2017

Personal Shopper

(FR, DE 2016; Olivier Assayas)
Unsichtbare Präsenz von Wolfgang Nierlin

Pet

(USA/ES 2016; Carles Torrens)
Eingesperrt und an der Nase herumgeführt oder: die ewige Frage, wer wessen Haustier ist von Nicolai Bühnemann
dvd-start: 23.06.2017

Die Hände meiner Mutter

(DE 2016; Florian Eichinger)
Zum Sprechen finden von Wolfgang Nierlin
dvd-start: 26.05.2017

Dieses Sommergefühl

(F/D 2016; Mikhaël Hers)
Media vita in morte sumus von Ulrich Kriest

Dieses Sommergefühl

(FR, DE 2016; Mikhaël Hers)
Die Leere nach dem Tod von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 19.05.2017

Humanoid

(USA 2016; Joey Curtis)
Endlose Schlachten im ewigen Eis von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 19.05.2017

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)
Afrikabilder von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/D 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Fehlgeleitete Besessenheit im Partyparadies von Nicolai Bühnemann

Spring Awakening

(GR 2015; Constantine Giannaris)
Fotoalbum der Rebellion von Nicolai Bühnemann

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik

kurzkritiken

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)

Die Aufrüstung der Polizei

von Jürgen Kiontke

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)

Surfen im Gaza-Streifen

von Jürgen Kiontke

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

Mauerpark

(D 2011; Dennis Karsten)

Berlin, du bist so wunderbar

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Das Kino Matías Pinieros

Shakespeares Frauen zwischen Buenos Aires und New York

von Nicolai Bühnemann

Gewinnspiel

2 DVDs von "Die Hände meiner Mutter" zu gewinnen

Die "Children of the Corn"-Reihe

Von christlichem Fundamentalismus zu Gottes Rache

von Nicolai Bühnemann

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #38

Ma l′amor mio non muore (Aber meine Liebe stirbt nicht)

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-16

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?