filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Paterson

(USA 2016; Regie: Jim Jarmusch)

Alles wie immer

foto: © weltkino filmverleih
Wie eine Insel der Zweisamkeit wirkt das kleine, schnucklige Einfamilienhäuschen mit der rosa Eingangstür. Hier wohnen Paterson (Adam Driver) und Laura (Golshifteh Farahani), ein auf selbstverständliche Weise verliebtes Paar, zusammen mit ihrem trägen und ziemlich störrischen Hund Marvin, einer englischen Bulldogge. Wenn frühmorgens Sonnenlicht in warmen Streifen auf die noch schlafenden Körper fällt, wähnt man die Helden von Jim Jarmuschs neuem Film "Paterson" in einer heilen, guten Welt. Tatsächlich ist diese, betrachtet man die Wohnungseinrichtung, bis in den letzten Winkel schwarzweiß gemustert. Vielleicht ziehen sich Gegensätze an. Jedenfalls ist Laura, die ihren kreativen Gestaltungsfuror auch auf Stoffe und Backwaren überträgt, die Tätige und Aktive. Immer motiviert, arbeitet sie an der Verwirklichung ihrer Träume. Dagegen wirkt Paterson, der seinen Mitmenschen stets aufmerksam und höflich begegnet, geradezu passiv. Als Busfahrer lauscht er den Geschichten seiner Fahrgäste. Tatsächlich ist Paterson aber ein stiller Dichter, der sein poetisches Licht unter den Scheffel stellt.

Die kleinen, unscheinbaren Dinge des Alltags sind der Stoff, aus dem Paterson seine wie hingetupft wirkenden Prosagedichte formt (die in Wirklichkeit Ron Padgett geschrieben hat). In ihnen kann eine Schachtel blauer Zündhölzer ("Ohio Blue Tip Matches") zum Anlass für ein Liebesgedicht werden. Diese und andere schreibt Paterson, der William Carlos Williams und Frank O′Hara verehrt, von Hand in ein Notizbuch. Morgens auf dem Weg zum Bus-Depot denkt er sich aus, was er vor Schichtbeginn, in der Mittagspause bei den großen Wasserfällen des Passaic River oder am Abend in seinem kleinen Kellerbüro dann aufschreibt. Einmal trifft er ein dichtendes Mädchen, das ihm ein selbst geschriebenes Poem vorträgt. Doch Paterson verschweigt sein eigenes künstlerisches Schaffen, von dem Laura meint, er müsse es öffentlich machen. Im Gegensatz zu Laura, lebt Paterson, ein Anhänger der analogen Welt, nach innen.

"Wenn man versucht, etwas zu verändern, macht man es nur noch schlimmer", heißt es einmal in Jarmuschs ebenso bezauberndem wie melancholischem Film. Klar gegliedert nach den sieben Tagen der Woche und nur mit minimalen, fast gänzlich undramatischen Verschiebungen und Variationen arbeitend, feiert der amerikanische Regisseur mit seinem typisch lakonischen Humor sowohl die Langsamkeit des Seins als auch die tägliche Wiederholung von Ritualen. Zu diesen gehört Patersons Abendspaziergang mit Hund und der damit verbundene Besuch einer Bar, wo er auf einen Schach spielenden Barkeeper namens "Doc" (Barry Shabaka Henley) und ein unglückliches Paar trifft: "Ohne Liebe hat nichts mehr Sinn", klagt Everett (William Jackson Harper). Die große Welt spiegelt sich in der kleinen, die wie der Titelheld von Jim Jarmuschs wie beiläufig erzähltem, aber tiefsinnigem Film Paterson heißt und in New Jersey liegt. "Alles wie immer", sagt Paterson meistens, wenn er, dessen Liebesglück sich in Begegnungen mit Zwillingskindern spiegelt, Auskunft über sein Wohlbefinden gibt. Und doch wird sein inneres Gleichgewicht am Ende der Woche empfindlich erschüttert.

Hier gibt es eine weitere Kritik zu "Paterson".

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (9/10)


Paterson
USA 2016 - 113 min.
Regie: Jim Jarmusch - Drehbuch: Jim Jarmusch - Produktion: Joshua Astrachan, Carter Logan - Kamera: Frederick Elmes - Schnitt: Affonso Gonçalves - Musik: Sqürl - Verleih: Weltkino Filmverleih - Besetzung: Adam Driver, Golshifteh Farahani, Barry Shabaka Henley, Cliff Smith, Chasten Harmon, William Jackson Harper, Method Man, Masatoshi Nagase, Nellie
Kinostart (D): 17.11.2016

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt5247022/
Link zum Verleih: http://www.weltkino.de/film/kino/paterson

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
kinostart: 23.03.2017

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
kinostart: 02.03.2017

Certain Women

(US 2016; Kelly Reichardt)
Äußere Ferne, innere Verlassenheit von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Marx mag´s brav (und ist doch Projektprankster) von Drehli Robnik

Der junge Karl Marx

(FR, DE,BE 2016; Raoul Peck)
Glück des Aufbegehrens von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Was macht der Finger in der Webmaschine? von Jürgen Kiontke

Logan

(USA 2017; James Mangold)
Alte Männer danken ab - Re-/Generationswechsel im Popkultur-Refugium von David Auer
kinostart: 23.02.2017

A Cure for Wellness

(USA, D 2017; Gore Verbinski)
Gore dreht auf - und Aale zittern von Drehli Robnik

Boston

(USA 2016; Peter Berg)
Armes Amerika! Tod, Cops, Trost, Lob, Stolz - Boston (eine rechtspopulistische Actionperle) von Drehli Robnik

Hitlers Hollywood

(DE 2016; Rüdiger Suchsland)
Ästhetik der Verführung von Wolfgang Nierlin
kinostart: 16.02.2017

Elle

(FR, DE, BE 2016; Paul Verhoeven)
Angstlust von Wolfgang Nierlin

Elle

(FR, D, BE 2016; Paul Verhoeven)
Katzen, Menschen, Vergewaltigungen von Nicolai Bühnemann

T2 Trainspotting

(GB 2017; Danny Boyle)
Booooooooooy von Ricardo Brunn
kinostart: 09.02.2017

Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe

(USA 2017; James Foley)
Shades of Verwertung von Jürgen Kiontke

The LEGO Batman Movie

(USA/DK 2017; Chris McKay)
Zusammen ist man weniger allein, oder: Brothers in Crime von David Auer
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.01.2017

The Lady in the Car with Glasses and a Gun

(F/B 2015; Joann Sfar)
Edel-Retro von Bernd Kronsbein

kurzkritiken

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

America's Sweethearts

(USA 2001; Joe Roth)

Satire als Flaschenkorken

von Marit Hofmann

Girl on the Train

(USA 2016; Tate Taylor)

Wer hat schon heute noch einen Gärtner?

von Drehli Robnik

ältere filme

King Kong

(USA, NZ 2005; Peter Jackson)

König - Dame - Turm

von Drehli Robnik

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-13

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...

Ricardo Brunn schrieb am 28.2.2017 zu La La Land

Ja, das mit den Sternen ist immer so eine Sache. Ich versuche im Text häufig nur einzelne Aspekte aufzugreifen, die die Sterneanzahl darunter dann nicht zwingend reflektiert. Manchmal ist der Film insgesamt nicht ge...