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Carol

(Großbritannien / USA 2015; Regie: Todd Haynes)

Schmerzlicher Befreiungsschlag

foto: © dcm filmdistribution
Während Zuggeräusche zu hören sind, bewegt sich die Kamera des Bildgestalters Ed Lachman aus dem Untergrund einer Bahnhofsstation zum Obergeschoss eines vornehmen New Yorker Restaurants. Vorweihnachtliche Dunkelheit und Kälte, beschlagene Fenster, in denen sich undeutlich graue Fassaden spiegeln, gedämpfte Farben und mattes Licht kennzeichnen den poetischen Realismus von Todd Haynes' neuem Film "Carol". Seine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Patricia Highsmith, der 1952 zunächst unter dem Titel "The Price of Salt" und unter dem Pseudonym Claire Morgan erschien, weil es darin um die leidenschaftliche Liebe zweier Frauen geht, charakterisiert durch diese Atmosphäre den repressiven Zeitgeist der amerikanischen Gesellschaft in den 1950er Jahren, als unter McCarthy Andersdenkende wegen sogenannter "unamerikanischer Umtriebe" verfolgt wurden. Manchmal erscheinen die Figuren wie eingeschlossen in ihren Räumen und zugleich unterdrückt in ihren Gefühlen,- wären da nicht die langen, intensiven Blicke, in denen ein grenzüberschreitendes Begehren lodert.

Diese Blicke gehören der distinguierten Titelheldin Carol Aird (Cate Blanchett), die sich von ihrem reichen Ehemann Harge (Kyle Chandler) scheiden lassen will und um das Sorgerecht für ihre kleine Tochter Rindy kämpft, sowie der jungen Verkäuferin Therese Belivet (Rooney Mara), die Ambitionen als Fotografin hegt. Standes- und Altersunterschiede fallen jedoch kaum ins Gewicht, als die beiden in der Spielzeugabteilung von "Frankenberg′s" beim Kauf einer Eisenbahn füreinander entflammen. Gegenüber ihrer sowohl emanzipierten als auch bald intimen Komplizenschaft sehen die Männer, zu denen sich unter anderen noch Thereses langweiliger Freund Richard Semco (Jake Lacy) gesellt, ziemlich alt und einfältig aus, als seien sie - nicht nur moralisch - in der Zeit stehen geblieben. Ihr geordneter Konservativismus wird von Haynes mit der nicht berechnenden Kraft einer Liebe konfrontiert, die allein ihrer inneren Natur folgt, wie Carol einmal sagt.

Von der leitmotivischen Zug-Metapher grundiert, verbindet sich das intensive Melodram mit dem nachdenklichen Roadmovie: Carol und Therese brechen aus und auf Richtung Westen. Dieser schmerzliche Befreiungsschlag, der die Entdeckung einer tiefen Liebe mit weiblicher Selbsterkundung verbindet, bleibt jedoch nicht ohne Rückschläge. Der ebenso eifersüchtige wie besitzergreifende, vor allem aber um seine gesellschaftliche Stellung besorgte Harge setzt einen Privatdetektiv auf die beiden an, um sie auszuspionieren, was zu schlimmen Verwerfungen führt.

Einfühlsam, subtil und völlig unspektakulär erzählt Todd Haynes in einer langen Erinnerungsschleife von der Kraft eines Begehrens, das stärker ist als die beengenden Konventionen einer homophoben Gesellschaft. Das Ende, aus wechselnder Perspektive erzählt, wird dabei zu einem doppelten Anfang, der auf träumerische Weise die Erinnerung in Gang setzt, um eine "emotionale Wahrheit" zu erkunden.

Eine symbolische Geste, mehrmals wiederkehrend und in wechselnden Konstellationen variiert, zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Gleich zu Beginn, wenn wir noch nicht wissen, dass die Erzählung fast am Ende ist, legt Carol für einen Augenblick sanft ihre Hand auf Thereses Schulter. In der Abschiedsgeste liegen ein Vertrauen und ein Liebesversprechen, von dem nur die beiden Frauen wissen. In dieser Berührung schwingt aber zugleich die Erinnerung an den Anfang ihrer Verbindung mit. Behutsam folgt Todd Haynes den zärtlichen Spuren zaghafter, fast verstohlener Berührungen, die schließlich in körperlicher Ergriffenheit und sexueller Ekstase münden. Irgendwann früher berührt auch einmal Richard Thereses Schulter, um sie unbeholfen zu beschwichtigen, zu überreden oder am Weggehen zu hindern. Doch Therese, die manchmal an Audrey Hepburn erinnert, aber nur scheinbar zerbrechlich wirkt, hat sich längst entschieden und ist dabei, sich mit ihrer ganzen, eigensinnigen Jugend zu entziehen.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (8/10)


Carol
Großbritannien / USA 2015 - 118 min.
Regie: Todd Haynes - Drehbuch: Phyllis Nagy - Produktion: Elizabeth Karlsen, Tessa Ross, Christine Vachon, Stephen Woolley - Kamera: Edward Lachmann - Schnitt: Affonso Gonçalves - Musik: Carter Burwell - Verleih: DCM Filmdistribution - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Cate Blanchett, Rooney Mara, Kyle Chandler, Sarah Paulson, Cory Michael Smith, Jake Lacy, Carrie Brownstein, John Magaro, Jayne Houdyshell, Kevin Crowley, Nathaniel Grauwelman, William Willet, Blanca Camacho, Dennis Craig Hensley, Trent Rowland, Nik Pajic, Sadie Heim, Kk Heim, Amy Warner, Michael Haney
Kinostart (D): 17.12.2015
DVD-Start (D): 22.04.2016
Blu-ray-Start (D): 22.04.2016

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2402927/

Details zur DVD / Blu-ray:
Bild: 1,78:1 (anamorph / 16:9) - Sprache: Deutsch, Englisch (DD 5.1) - Untertitel: Deutsch - FSK: ab 12 Jahren - Verleih: Universum

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