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Der Staat gegen Fritz Bauer

(Deutschland 2015; Regie: Lars Kraume)

Ein hessischer Held der Pflicht als Nazijäger und Bundes-Moses

foto: © alamode
Geheimtreffen, ominöse Wortwechsel, Drohgesten und Drohbriefe - ein Holocaust-Justizdrama als Politkrimi zu Einsätzen von Cool Jazz-Trompeten: So inszeniert Lars Kraume ("Die kommenden Tage", 2010) die Tätigkeit und die leidvollen Erfahrungen des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer in den späten 1950ern bei der Fahndung nach dem - wie sich herausstellt: in Argentinien - untergetauchten Organisator des Holocaust Adolf Eichmann.

"Der Staat gegen Fritz Bauer": Der in dieser Umkehrung einer Gerichtsformel (so als wäre der Staatsanwalt eines Kapitalverbrechens angeklagt) gemeinte Staat ist - zunächst einmal - die Bundesrepublik. Deren Alltag ist geschichtslos, ihre Ämter sind durchsetzt mit ehemaligen Nazifunktionären, die gegen den Nachforscher und Aufdecker in Sachen NS-Verbrechen konspirieren. Der als Jude und Sozialdemokrat 1933 vom NS-Regime verfolgte Bauer initiierte später die Frankfurter Auschwitzprozesse von 1964 mit. "Meine eigene Behörde ist Feindesland," sagt Bauer. Ein leichtes Ziel für feindselige Attacken bietet da die - damals mit Strafe bedrohte - Homosexualität Bauers wie auch des einzigen unter den jungen Staatsanwälten, der sich mit ihm verbündet.

Hatte der themenähnliche Vorjahrsfilm "Im Labyrinth des Schweigens" (mit Gert Voss in einer Nebenrolle als Fritz Bauer) in seinen Justiz- und Medien-Drama-Plot die Erzählung einer langjährigen Ehekrise eingearbeitet, so gewinnt nun der Fritz Bauer-Film melodramatische Momente aus einem Drama des Verzichts: Schwule Liebe muss nicht nur geheim-, sondern ganz unterbleiben - erst um der Ehe willen, dann um das hehre Ziel der juridischen Wahrheitsfindung und Strafverfolgung nicht zu gefährden.

Nicht nur aufgrund der Verbindung des Themas institutioneller Homophobie und schwuler Selbstverleugnungserfahrung mit einem anderen, mit Rassenhass assoziierten Problemthema in einem 1950er Setting erinnert "Der Staat gegen Fritz Bauer" mitunter an Todd Haynes' White Racism- und In the Closet-Melodram "Far From Heaven". Was den beiden Filmen darüber hinaus gemeinsam ist, das ist der Gestus, etwas in der Geschichte spät, nachträglich zu seinem Recht kommen zu lassen: Wurde "Far From Heaven" 2002 als ein Film gesehen und verstanden, der weniger in den 1950er Jahren spielt bzw. aus der Gegenwart in diese zurückführt als dass er einen 1950er Hollywood-Film (auf den Spuren zumal von Douglas Sirk) emuliert, den es so damals nicht geben hätte können - späte Gerechtigkeit also für damals marginalisierte schwule und schwarze bzw. interracial Erfahrungen -, so haftet auch dem Fritz Bauer-Film etwas von diesem setting it right in retrospect an. Schon klar, das allfällige kinobildliche Gegenüber in der Vergangenheit ist im Fall des 1950er-Bilduniversums der BRD von anderem Format als Sirks Imitation of Life, und Lars Kaume ist nicht Todd Haynes (was andererseits, über das offensichtliche Faktum hinaus, so viel auch nicht besagt), aber: Mitunter mutet "Der Staat gegen Fritz Bauer" so an, als ginge es darum, in ein aufgestautes Repertoire an 1950er (Film-)Bildern einzudringen, Einrichtungen - Institutionen, Mobilar, Situationen - nachzustellen, zu reenacten. Der Eindruck rührt wohl von dem Gespür her, mit dem hier etwa Raumgefühle von Wohnungen, Büros und Autorückbänken oder von Positionierungen tadellos gekleideter Körper zueinander plastisch gemacht sind, schließlich auch der Sound und Look eines HR-Fernseh-Diskussionssendungsauftritts von Bauer ("Heute Abend Kellerclub": Bauers 1964 absolviertes Tischgespräch mit kritischen jungen Deutschen, online leicht einsehbar, ist im Drehbuch um ein paar Jahre zurück, in die Zeit der Eichmann-Fahndung, verlegt); so zeichnet sich eben der Gestus eines rückwirkenden Eingreifens, eines hier Umakzentuierens, dort Neuausrichtens von Bildbeständen ab, die von der Wirtschaftswunderzeit geblieben sind. (Wobei dazugesagt sei: In Österreich ist Fritz Bauer eine weitgehend unbekannte Größe, soll heißen: Er hat in dem Durchreise-Alpenland nicht den Status einer moralischen Autorität, wie ihn die deutsche public history Bauer in Teilen einräumt. Dafür kennt - um bei prägenden Autoritäten der Wirtschaftswunderjahre zu bleiben - in Deutschland ja praktisch niemand einen Peter Alexander oder Peter Kraus.)

Allerdings: Der ausgeprägte Sinn für Ausstattung, für Masken und Metaphorik, also für Übertragungen in Raum und Zeit (und von Räumen und Zeiten), den "Der Staat gegen Fritz Bauer" an den Tag legt, weist noch in eine andere Richtung, in der geschichtspolitische Fragen rund ums Recht relevant werden. Geht es um Gerechtigkeit oder um eine neue Küche, fragt Bauer im Film (zweimal mit in etwa dieser Entgegensetzungs-Formulierung), und sein Handlungsspielraum im feindlichen Inland ist so eng wie die Zimmer und Hemdkrägen der Leute. Bauer lebt in the closet, ein wenig wie Eichmann - ein deplatzierter Vergleich, den der Film allerdings mit Analogisierungen selbst nahelegt, zumal mit dem vignettenhaften Parallelplot rund um Eichmanns argentinischen Alltag und die (für den flüchtigen SS-Mörder) "verhängnisvolle" Romanze eines Eichmann-Sohnes mit einer für die "Gegenseite" agierenden jungen Frau (etwas Ähnliches gibt es auch rund um den jungen Mann an Bauers Seite), und generell darüber, dass die einzigen einem breiteren Publikum bekannten Gesichter unter den Filmfiguren, eben die von Bauer und vor allem Eichmann, mit demselben maskenbildnerischen und schauspielerischen Lookalike-Aufwand in Szene gesetzt sind. Beide, Bauer und Eichmann, treten in dem Film "in Maske" auf, als Doppelgänger ihrer selbst. (Wieder: Der Wiener erkennt Bauer kaum und Eichmann nur ein wenig, aber auch nicht sehr - und warum auch; der banal-böse Mann stammte ja aus Linz, das ist schon fast Deutschland und geht uns hier nix an.)

Mindestens doppelt, jedenfalls mehrdeutig (ein Masken-Konzept) ist hier auch der filmtitelgebende "Staat", der eben "gegen Fritz Bauer" ist - und umgekehrt: Fritz Bauer ist, handelt, steht "gegen den Staat", als Staatsanwalt wohlgemerkt. In welchem Sinn gilt das, in welchem metaphorisierten Sinn von Staat? (Das Wort selbst ist ja schon Metapher, als "Zustand", status, der alles wird und alles will.) Der gemeinte Staat ist auch eine bestimmte Logik des Staats, die sich als Staatslogik schlechthin gibt, geläufig unter dem Namen Staatsräson: Die pflanzt sich zunehmend gegen Bauer auf; eben nicht nur die Staatsräson der nachnazistisch administrierten Bundesrepublik, sondern auch jene Staatsräson, deretwegen der vom Mossad in Argentinien gefasste Mörder in Israel vor Gericht kommt - und nicht, wie Bauer es vorhat, an die BRD ausgeliefert wird, wo ein Prozess gegen Eichmann diverse Alt-Nazis in Ämtern auffliegen, Geschichts- und Schuldbewusstsein anstoßen und so nicht weniger als einen Selbstreinigungsprozess von Staat und Gesellschaft initiieren könnte. (So insinuiert es der Film.) Staatsräson verhindert dieses aufklärerische Vorhaben, und ihr entgegen steht Bauer als eine Art kantianischer Bundes-Moses (siehe zumal die starke In-die-Kamera-Schlusseinstellung: ein wachsam-strenger Blick als regulative Idee), ein Mann des Gesetzes, nicht der ausgespielten Macht. (Es weht immer nur ein hessischer Hauch von Fritz-Power, excuse the Kalauer.) Er setzt verfassungspatriotisches Pflicht- und Machtbegrenzungsethos und gar noch (in der Fernsehdiskussionsszene und auch in Verschwörerdialogen von Stauffenberg′schem Pathos, von wegen sein Land verraten, um es zu retten) die Sorge darum, wie die Deutschen auf ihr Land so richtig stolz sein können, kurz: Er setzt hehre Werte und Sinn für Pflicht und "Grenzen" (jaja) nicht nur gegen die Antisemiten in den Ämtern, sondern auch gegen die Geo- und Realpolitik im Kalten Krieg. Deren Formel lautet quasi "CIA stützt CDU", oder: Die Amis wollen keinen westdeutschen Gerichts- und Naziskandal, der Adenauer stürzen und die NATO destabilisieren würde. Und schließlich setzt Bauer seine Gesinnung auch - impliziert durch die Szenen in Israel und die antiamerikanische Volte gegen Ende - als eine Alternative zu dem sich nicht begrenzen wollenden, sondern zumal im (Todes-)Urteil über Eichmann seine souveräne Gewalt bekundenden jüdischen "Macht-Staat". In dieser Hinsicht ist Bauer ein enger geschichtsfilmbildlicher Verwandter der 2012 per Margarethe von Trotta-Film als israelkritische jüdische Moralistin eingedeutschten Hannah Arendt, auch sie Masken-Double ihrer selbst - mit Hang zum Glimmstengel. (Wobei: Dass ein Moses ohne Mossad nicht auskommt, dass das Gesetz eine Macht braucht, die zugreift, wenn es darum geht, untergetauchten Nazis ihr Recht werden zu lassen, und dass das dann in einer öffentlichen Ressentiment-Optik als ein "unreines" Verhältnis zu ethischen Werten verurteilt wird  - das kennt mensch in Österreich vom Diskurs zur Evaluierung des Wiener Juristen und Nazijägers Simon Wiesenthal: Ihm wurde nach seinem Ableben vorgeworfen, mit dem israelischen Geheimdienst kooperiert zu haben. So als wäre es besser gewesen, wenn Wiesenthal es bei der Strafverfolgung von Mördern bei Wunschdenken oder ineffektivem Handeln belassen hätte.)

Ein enthaltsamer Held - der sich außer Rauchen und einem Weinbrand wenig gönnt, keine Liebe zumal - ist Bauer, aber doch was für einer. Zwischen Fratzen (Sebastian Blomberg als Konspirant), Krätzen (Paulus Manker als Informant) und Ronald Zehrfeld, verlockt, aber diesmal ganz ohne Locken, macht Burghart Klaußner große Figur in der Titelrolle - mit hessisch-heiserem kurzatmigem Knurren, das aus Zigarrenqualm und schlohweißer Mähne rund um ein wackelndes Haupt dringt. Der Hang zum Habitus im Reenactment-Bild schwingt sich auf zu einem Heroismus der Pflicht: Noch wenn Bauer schlurft, waltet Strenge.

Hier gibt es eine weitere Kritik zu "Der Staat gegen Fritz Bauer".

Hier finden Sie ein Interview mit Regisseur Lars Kraume.

Drehli Robnik

Benotung des Films: (7/10)


Der Staat gegen Fritz Bauer
Deutschland 2015 - 105 min.
Regie: Lars Kraume - Drehbuch: Olivier Guez, Lars Kraume - Produktion: Thomas Kufus - Kamera: Jens Harant - Schnitt: Barbara Gies - Musik: Christoph M. Kaiser, Julian Maas - Verleih: Alamode - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Burghart Klaußner, Ronald Zehrfeld, Robert Atzorn, Sebastian Blomberg, Stefan Gebelhoff, Cornelia Gröschel, Rüdiger Klink, Dani Levy, Bartosch Lewandowski, Paulus Manker, Michael Schenk, Götz Schubert, Gabriele Schulze, Jörg Schüttauf, Pierre Shrady
Kinostart (D): 01.10.2015
DVD-Start (D): 11.03.2016
Blu-ray-Start (D): 11.03.2016

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt4193400/
Link zum Verleih: http://www.alamodefilm.de/kino/detail/der-staat-gegen-fritz-bauer.html

Details zur DVD / Blu-ray:
Bild: 2,35:1 (anamorph / 16:9) - Sprache: Deutsch (DD 5.1) - Untertitel: keine - Extras: Making of, geschnittene Szenen, Trailer - FSK: ab 12 Jahren - Verleih: Alamode

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