filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Cousin Cousine

(Frankreich 1975; Regie: Jean-Charles Tacchella)

Nonkonformistische Liebesutopie

foto: © best entertainment
"Heiraten ist eine ernsthafte Sache", heißt es irgendwann zu Beginn von Jean-Charles Tacchellas humorvoller Familien- und Gesellschaftssatire "Cousin Cousine", die strukturiert wird durch zwei Hochzeiten, eine Beerdigung und die Feier des Weihnachtsfestes im häuslichen Rahmen. Dass es bei diesen Zusammenkünften dann mehr oder weniger ausgelassen und wüst zugeht, liegt nicht unbedingt an den Kindern, die mit solchen Sätzen von ihren Erziehern gemaßregelt werden. Vielmehr sind es die Erwachsenen selbst, die über die Stränge schlagen, indem sie sich betrügen und betrinken, belügen und befummeln, prügeln oder einfach nur ihren nackten Hintern zeigen. Die Doppelmoral, die hier witzig und prägnant entlarvt wird, besitzt bei Tacchella allerdings nichts Schweres oder gar Anklagendes. Der Blick des 1925 geborenen französischen Regisseurs auf seine Figuren ist trotz aller Trockenheit und Verknappung stets milde und liebevoll. Dazu passt die ebenso dynamische wie pointierte Erzählweise des Films, seine federleichte Atmosphäre, in die sich unterschwellig auch Anarchisches mischt.

Denn "Cousin Cousine" ist vor allem eine ziemlich unkonventionelle Liebeskomödie, die der langjährige Filmkritiker aus dem Umfeld von André Bazin und vielbeschäftigte Drehbuchautor Jean-Charles Tacchella - nach seinem späten Regiedebüt mit dem Film "Reise in die große Tartarei" (1973) - im Jahre 1975 als seinen zweiten Spielfilm realisieren konnte; und der zumindest in seinem Heimatland und in den USA ein großer Publikumserfolg war. So begegnen sich bei besagter Hochzeit der Tanzlehrer Ludovic (Victor Lanoux), der alle drei Jahre den Beruf wechselt, weil man "das Leben wie ein Abenteuer ansehen" müsse, und die unglücklich verheiratete Sekretärin Marthe (Marie-Christine Barrault). Deren Mann Pascal (Guy Marchand) ist ein notorischer Schürzenjäger, der parallel mehrere Affären unterhält und es bei der ausschweifenden Familienfeier gleich noch mit Ludovics depressiver, sich entlang Schlafkuren hangelnder Frau Karine (Marie-France Pisier) treibt. Aus herzlicher Zuneigung, innerer Verbundenheit und ein bisschen aus Rache werden die schöne Marthe und der freigeistige Ludovic ein Liebespaar, das zunächst bewusst auf Sex verzichtet, um sich abzuheben und umso offener ihr freundschaftlich-platonisches Verhältnis zu zelebrieren.

Das verschworene, ganz und gar "öffentliche" Paar trifft sich zum Plaudern und Naschen, Schwimmen und Tanzen, schwänzt dafür schon mal die Arbeit und erregt damit immer gezielter das Misstrauen und die Eifersucht der jeweiligen Ehepartner; daneben aber auch die mühsam unterdrückte Empörung der Verwandtschaft, deren Mitglieder - um mit einem Bild des Filmes zu sprechen - wie Fische an der Angel zappeln. Deren satirische Überzeichnung wiederum steht im Kontrast zu der natürlichen, sehr sachlichen Selbstverständlichkeit, mit der die Protagonisten agieren. In Abänderung ihres Paktes verabreden diese sich schließlich doch noch für ein langes Liebeswochenende im Hotel, das Tacchella als unkonventionelle, grenzüberschreitende Feier der Lust und Freiheit inszeniert. Die Liebenden werden dabei zum idealen Paar, das sich im phantasievollen Liebesspiel an der Gewöhnlichkeit der anderen rächt und seine (vielleicht) utopische Wahrheit gegen die Konventionen einer verlogenen Gesellschaft setzt.

Diese Dialektik von Wahrheit und Lüge, Freiheit und Gefangenschaft, die von den sympathischen, gesellschaftliche Schranken durchbrechenden Liebeshelden immer wieder transformiert wird, spiegelt sich schließlich auch im klassischen, fast quadratischen 4:3-Bildformat, das der cinephile, filmsprachlich versierte Tacchella für seine ebenso subversive wie charmante Komödie gewählt hat. Vierzig Jahre nach ihrer Entstehung wird diese dem deutschsprachigen Publikum nun endlich auf einer DVD zugänglich gemacht, die sich durch eine hervorragende Bildqualität auszeichnet. Anderen Filmen des großen Regisseurs, die teilweise Mitte der 1980er Jahre im Fernsehen erstaufgeführt wurden, wird diese Ehre  hierzulande leider wohl nicht zuteil werden.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (8/10)
Benotung der DVD: (8/10)


Cousin Cousine
Frankreich 1975 - 95 min.
Regie: Jean-Charles Tacchella - Drehbuch: Jean-Charles Tacchella, Danièle Thompson - Produktion: Daniel Toscan du Plantier - Kamera: Eric Faucherre, Georges Lendi, Michel Thiriet - Schnitt: Marie-Aimée Debril, Agnès Guillemot - Verleih: Best Entertainment - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Marie-Christine Barrault, Victor Lanoux, Marie-France Pisier, Guy Marchand, Ginette Garcin, Sybil Maas, Pierre Plessis, Catherine Verlor, Hubert Gignoux, Françoise Caillaud, Véronique Dancier
Kinostart (D): 16.09.1977
DVD-Start (D): 03.04.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0072826/

Details zur DVD:
Bild: 1,37:1 - Sprache: Deutsch, Französisch (DD 2.0 Mono) - Untertitel: keine - Extras: Trailer - FSK: ab 16 Jahren - Verleih: Best Entertainment

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 23.06.2017

Personal Shopper

(FR, DE 2016; Olivier Assayas)
Unsichtbare Präsenz von Wolfgang Nierlin

Pet

(USA/ES 2016; Carles Torrens)
Eingesperrt und an der Nase herumgeführt oder: die ewige Frage, wer wessen Haustier ist von Nicolai Bühnemann
dvd-start: 23.06.2017

Die Hände meiner Mutter

(DE 2016; Florian Eichinger)
Zum Sprechen finden von Wolfgang Nierlin
dvd-start: 26.05.2017

Dieses Sommergefühl

(F/D 2016; Mikhaël Hers)
Media vita in morte sumus von Ulrich Kriest

Dieses Sommergefühl

(FR, DE 2016; Mikhaël Hers)
Die Leere nach dem Tod von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 19.05.2017

Humanoid

(USA 2016; Joey Curtis)
Endlose Schlachten im ewigen Eis von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 19.05.2017

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)
Afrikabilder von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/D 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Fehlgeleitete Besessenheit im Partyparadies von Nicolai Bühnemann

Spring Awakening

(GR 2015; Constantine Giannaris)
Fotoalbum der Rebellion von Nicolai Bühnemann

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke

kurzkritiken

9 Songs

(GB 2004; Michael Winterbottom)

Sex. Sex. Sex.

von Dietrich Kuhlbrodt

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)

Die Aufrüstung der Polizei

von Jürgen Kiontke

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

Mauerpark

(D 2011; Dennis Karsten)

Berlin, du bist so wunderbar

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Das Kino Matías Pinieros

Shakespeares Frauen zwischen Buenos Aires und New York

von Nicolai Bühnemann

Gewinnspiel

2 DVDs von "Die Hände meiner Mutter" zu gewinnen

Die "Children of the Corn"-Reihe

Von christlichem Fundamentalismus zu Gottes Rache

von Nicolai Bühnemann

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #38

Ma l′amor mio non muore (Aber meine Liebe stirbt nicht)

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-16

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?