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Studio H&S - Walter Heynowski und Gerhard Scheumann: Filme 1964-1989

(Deutsche Demokratische Republik 1964; Regie: Walter Heynowski, Gerhard Scheumann)

Das Unsichtbare hinter den Dingen

foto: © absolut medien
Ja, ich gebs zu, ich hab auch zuerst gedacht: das ist ja filmhistorisch sicherlich wertvoll, jetzt durch eine DVD-Werkausgabe eine Lücke zu schließen. Die Filme der DDR-Dokumentaristen Walter Heynowski und Gerhard Scheumann (Studio H&S) waren, dem Kalten Krieg geschuldet, in der BRD kaum bekannt, und sie sind, fürchte ich, heute nahezu unbekannt. Jetzt also eine Box mit fünf DVDs: Filme 1964-1989. Zu meiner großen Überraschung sind die Filme nicht nur was für historisch interessierte Lückenschließer, sondern etwas für alle, die erleben wollen, wie man Filme als Waffe benutzen kann, um hinter das dokumentierte Abbild zu kommen, nämlich zur Wahrheit hinter den Dingen. Weniger nebulös ausgedrückt: Heynowski und Scheumann machen in ihren Filmen das Unsichtbare sichtbar. Ihre Methode: die Dinge, die sie vor ihrer Kamera haben, vor allem aber die Menschen sprechen zu lassen.

Ergebnis: "Der lachende Mann", Major Müller, Kongo-Müller (gedreht 1965) redet sich um Kopf & Kragen. Die Massaker der Einheit, die er befehligte, das Kommando 52, kommentierte er, wie immer lächelnd, mit Sätzen wie "Gefangene haben wir nicht gemacht". Die Kamera fängt das Eiserne Kreuz an seiner Brust ein, das Hakenkreuz inklusive. - Ja, dem Schlächter vom Kongo fällt niemand ins Wort, aber er wird eingebettet in Aufnahmen seiner Einheit, die mordet, Hütten abbrennt und halt geschäftig ist. Hinterher sitzen die Soldaten beisammen und unterhalten sich darüber, dass sie doch eigentlich Mörder sind. Die Soldaten lächeln nicht. Sie sind nicht zynisch. Sie machen ihre Arbeit.

"Der lachende Mann" macht mich wütend- Vor fünfzig Jahren gedreht, und ich werde heute wütend. Was ist zu tun? Was kann ich tun? - Wieder falsch: was hätte ich tun können? Wie war die Wirkung des Films in der BRD der sechziger, siebziger Jahre? Antwort: Filme von H&S unterlagen dem bundesdeutschen Verbringungsverbotsgesetz. Hatte 1966 jemand privat von der Leipziger Messe einen solchen Film in die BRD gebracht, bekam er Besuch von der Kriminalpolizei. Das Gesetz galt für alle Filme aus dem Osten. Über eine eventuelle Freigabe entschied ein anonymes Gremium, getarnt als Verwaltungsakt des Bundesamtes für gewerbliche Wirtschaft.

Das Besondere an den Filmen von H&S, gesehen von Augen, die von Westdokumentarfilmen deformiert sind: es gibt keinen begleitenden Off-Kommentar. Auch dienen die Bilder nicht dazu, die Meinung des unsichtbaren Sprechers zu illustrieren und zu bestätigen. Unterhalten werden wir auch nicht. Und mit dem, was sichtbar wird, müssen wir selbst fertig werden. Mit anderen Worten: werd aktiv, Genosse! Äh, Zuschauer, wollt ich sagen.

Damit sind wir bei den Kalten-Kriegs-Einwänden gegen die H&S-Filme. Kommunistische Agitation! Unfairer und moralisch anstößiger Journalismus! War dem Kongo-Müller klar gewesen, dass er es mit einem DDR-Team zu tun hatte? Das Vorgespräch hatte der westdeutsche Kameramann Peter Hellmich geführt (mit dem H&S nebenbei gesagt eine Offene Handelsgesellschaft gebildet hatten). - War der Major etwa unter Alkohol gesetzt worden? - (Er war es, mit dem letzten Westgeld der Filmemacher, wie im Kassetteninterview zu hören ist.) - Also Verstoß gegen die journalistische Lehre? - Und ob! Sagte ich es nicht schon: H&S-Filme sind eine Waffe, die Wahrheit zu Gesicht zu bekommen.

Etwas mulmig wird mir schon, wie ich hier auf die aktuelle Wirkung abstelle. Heynowski und Scheumann haben ihre Methode als die des dialektischen Dokumentarfilms bezeichnet. Das ist nachvollziehbar und gleichzeitig eine einwandfreie Absicherung gegenüber den politischen Instanzen in der DDR, die ihrem Studio ungewöhnliche Freiheiten eingeräumt hatten (Unabhängigkeit von der DEFA, weitgehend problemlose Westreisen) - bis zum fatalen IV. Kongress des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR 1982.

Im höchst willkommenen Bonus-Material der Kassetten findet sich ein lesenswerter Essay von Georg Seeßlen, der es unternimmt, die 26 Filme der DVD-Edition dialektisch vorzustellen und kritisch zu bewerten. Hinter der Wahrheit lauert das Grauen (Seeßlen). Im Fünf-Minuten-Film "400 CM3" von 1966 registriere ich in einem Krankenhaus übel verletzte und böse deformierte Menschen (Vietnamesen), dazwischen gebettete Bürger und Bürgerinnen (aus der DDR). Ein anspruchsvoller a capella Chor (Paul Dessau) verkündet Großartiges - oder Schreckliches. Die Einsicht kommt am Schluss. Blut spenden für Vietnam! Wirkung: Ich bin dabei! (2014: zu spät!)

Oder: 1971, sechs Minuten. "100". Jemand liegt am Boden. Die Zahlen laufen rückwärts. 99, 98. Liegestützen. Bei 48 ein Zusammenbruch. Weiter. Es ist zum Erbarmen. Warum? Der Jemand ist Soldat. Er hört penetrant die drei Worte: dog, pig, monkey. Ein US-soldier, der einen Vietnamesen Vietnamesen nennt, hat die Liegestützstrafe verdient. Denn korrekt handelt es sich wie gesagt um dogs, pigs, monkeys, so die Instruktion.

Gemeinsam ist diesen und den anderen Filmen, dass man selbst hinter die Wahrheit kommt, die hinter ihnen lauert. "Am Wassergraben" (1978). Das Massaker von My Lai. Zehn Jahre danach. Truppenführer Calley, Mörder der Frauen und Kinder, lebt als freier Mann, frei auch jeder Reue. - Ich denke an aktuelle Einsätze, Massaker, und ich bin kein Freund der Army geworden. Wieder die Wut im Bauch. Fuck you, US-Army!! Auch werd ich mir kein Bier vom lächelnden Vietnamesen in Washington zapfen lassen, wenn ich schlussendlich sehe, wie er als Chef der südvietnamesischen Polizei namens Ngoc Loan öffentlich einen vorgeführten Gefangenen erschießt. - Bilder ohne Kommentar!

Chile. "Der Krieg der Mumien", der Kapitalisten (1974, 90 Minuten). 1973 sind die jetzt neoliberalen Faschisten an der Macht. Zum Sieg von CIA und Kapitalisten hat auch Hamburg beigetragen. Im Freihafen sind zur Weiterverarbeitung in Hamburg große Flächen mit chilenischem Kupfer gestapelt und von den Behörden beschlagnahmt worden. Allende hatte die Kupferminen verstaatlicht. Enteignete US-Minen-Besitzer klagten. Die H&S-Kamera ist im Sitzungssaal des Hamburger Landgerichts. Wieder kein Kommentar. Die Rede wird den neoliberalen Verteidigern überlassen. Wurde der eine nicht danach CDU-Bürgermeister? In Santiago ist der Büroturm wieder mit den drei Stockwerke hohen Buchstaben verziert: ITT. Die Farbwerke Hoechst danken Pinochet. Der Kapitalismus hat gesiegt … - Vorerst, wie wir wissen, dank H&S und der geschichtlichen Wahrheit.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret 7/2014

Dietrich Kuhlbrodt

Benotung des Films: (8/10)
Benotung der DVD: (10/10)


Studio H&S - Walter Heynowski und Gerhard Scheumann: Filme 1964-1989
Deutsche Demokratische Republik 1964 - 845 min.
Regie: Walter Heynowski, Gerhard Scheumann - Verleih: absolut MEDIEN -
DVD-Start (D): 18.04.2014

Link zum Verleih: http://www.absolutmedien.de/main.php?view=film&id=1552

Details zur DVD:
Bild: 4:3 und 16:9 Letterbox - Sprache: Deutsch (DD 1.0 Mono) - Extras: Zeitzeugengespräch mit Walter Heynowski (62 Min.), 16-seitiges Booklet, Fotos und ein Essay von Georg Seeßlen als PDF-Datenteil - FSK: ohne Altersbeschränkung - Verleih: absolut MEDIEN

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