filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Die Schlangenpriesterin

(USA 1944; Regie: Robert Siodmak)

Campy Eye-Candy

foto: © ostalgica
Robert Siodmaks zweiter Film für die Universal ist die leider etwas in Vergessenheit geratene Abenteuerromanze "Cobra Woman" bzw. "Die Schlangenpriesterin". Siodmak selbst soll gesagt haben, der Film sei ein unterhaltsames Späßchen, und, nun, das ist er auch. Er wartet mit einem wunderbar hanebüchenen Plot auf und nimmt sich dabei zugleich völlig ernst. Und dann schlappt immer wieder ein quäkender Schimpanse durch das Bild, der Sidekick von Lon Chaney übrigens. Sensation auf Sensation wird aufgefahren, Exotik en masse.

Tiefdekolletierte Damen mit langen Beinen in prunkvollen Gemächern, die mit hauchdünnen Gewändern kaum ihre Reize zu verhüllen imstande sind, treffen auf Männer in kurzen Röcken mit viel Muskeln und breiten Brustkörben. Ihre Lanzen sind schön und handbemalt, eine Mischung aus tödlicher Waffe und den Hirten-Wanderstäben der Heiligen Drei Könige.

Die Kulissen sind offenkundig aus Pappmaschee, doch das stört keineswegs bei den atemberaubenden Tiefblicken, die einem in Täler gegönnt werden oder in Burggräben, bei den breiten Panoramen auf Städte am Horizont. Die dichtbewaldete Urwaldinsel ist ein Dschungel, wie auch der eigentliche Plot selbst, der sich um zwei Zwillingsschwestern windet, die eine bösen, die andere guten Charakters. Doppelgängermotiv und Spiegelsequenz gleich am Anfang.

Sexbombe María Montez schwingt sich rotbelippt durch den Film, dass man das Atmen vergisst. Nun, kein Wunder, steht es dem Helden zu, die Entführte zu retten und wieder von der Barbareninsel heim ins zivilisiert englisch sprechende Reich zu holen, auch wenn sie eigentlich die Hohepriesterin eines ganzen Volkes ist, dem sie als Erstgeborene rechtmäßig vorstehen darf. Es ist ihr auch egal, dass die Queen, also ihre Mutter, gemeuchelt wird, wenn da so ein Korsar sie zu befreien gewillt ist und mit auf seine Segeljolle nimmt. Aber man soll nicht spotten, der Film ist ein wilder Ritt und macht Spaß und fühlt sich ein wenig wie ein irre gelaufener Shaw Brothers-Kostümfilm an. Und so oft gibt es das im Westen in dieser Form nun auch wieder nicht.

Für Robert Siodmaks Reputation hat der Film wenig gebracht, wie man sich denken kann - man erinnert sich lieber an seine stilbildenden Film noirs. Zu Unrecht. Im schönsten Technicolor erstrahlt er nun wieder, auf Blu-ray gemastert und veröffentlicht von der Firma Ostalgica. Ohne Beschädigungen lässt er sich genießen, mit zwar ordentlich Bildrauschen bisweilen in den hellen Flächen, aber sonst kann man wenig meckern. An der sonstigen Umsetzung allerdings hapert es. Die englische Originaltonspur etwa ist doppelt so laut gemischt wie die deutsche, jedoch weniger gelungene Synchronisation. Untertitel gibt es keine, wenn man sich für den Originalton entscheidet. Drückt man allerdings auf die UT-Taste der Fernbedienung, schwebt mysteriöserweise ein Kinovorhang auf das "Kino-Originalformat" 4:3 herab und deckt die Balken links und rechts des Bildes ab. Es liegt noch eine 16:9-Fassung vor, allerdings muss man dann auf Bildinhalte verzichten. Das Bonusmaterial ist wenig erquicklich, vor allem findet man es im Menü erst mal nicht. Es ist unter "Einstellungen" subsumiert, dort, wo man die Sprachfassung anwählen kann. Dieses Menü reagiert zudem nur mit großer Verzögerung, sodass die Bedienung erst etwas geübt werden muss. Da kann man nun neben dem Originaltrailer des Films noch eine ganze Reihe Trailer anschauen, die die sonstigen Veröffentlichungen von Ostalgica bewerben. Eine animierte Schrifttafelsequenz Marke Rob Roy (= brennendes Pergament in schlecht lesbarer, mittelalterlich abstrakt geschwungener sowie grob verpixelter Schrift) informiert anekdotisch über Leben und Werk Siodmaks und schaltet auf Blatt 2 um, bevor man die Chance hatte, richtig fertig zu lesen. Naja. Dann findet sich noch ein Kurzfilm mit dem Titel "Nachrichten" auf der DVD, der mir von Siodmak gar nicht bekannt war. Kann er auch nicht, dieser ist von einem ganz anderen Regisseur und interessanterweise ein zeitgenössisches HIV-Drama. Was der da verloren hat, das weiß vermutlich nur das Orakel von der Cobrainsel. Die Blu-ray der Schlangenpriesterin ist eine schöne, aber durchaus merkwürdige Veröffentlichung, an der man vielleicht noch etwas hätte feilen können - und die eigentlich nur aufgrund des Bildes die Anschaffung rechtfertigt.

Michael Schleeh

Benotung des Films: (6/10)
Benotung der Blu-ray: (4/10)


Die Schlangenpriesterin
OT: Cobra Woman
USA 1944 - 71 min.
Regie: Robert Siodmak - Drehbuch: Gene Lewis, Richard Brooks - Produktion: George Wagner - Kamera: W. Howard Greene, George Robinson - Schnitt: Charles Maynard - Musik: Edward Ward - Verleih: Ostalgica - Besetzung: Maria Montez, Jon Hall, Sabu, Edgar Barrier, Mary Nash, Lois Collier, Samuel S. Hinds, Moroni Olsen, Lon Chaney Jr., Paulita Arvizu, Vivian Austin, John Bagni
TV-Premiere: 21.12.1977
Blu-ray-Start (D): 04.10.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0036716/

Details zur Blu-ray:
Bild: 1,33:1 (1080p) - Sprache: Deutsch, Englisch (PCM 2.0 Mono) - Untertitel: keine - Extras: Hauptfilm im Vorhangmodus und 16:9, Kurzfilm "Nachrichten", Texttafeln, Trailer - FSK: ab 12 Jahren - Verleih: Ostalgica

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 1

Manfred Polak (zur Homepage) schrieb am 13.10.2013 um 15:47 Uhr :

Was Du über den Film schreibst, gilt eigentlich für das ganze Montez/Hall-Ticket, also ihre sechs gemeinsamen knallbunten Filme aus den 40er Jahren. Sabu oder Turhan Bey waren auch meistens dabei. Gelegentlich kommen sie ja auch noch im Fernsehen, zuletzt ALI BABA UND DIE VIERZIG RÄUBER, und sie lohnen jederzeit das Ansehen.

Interessant, dass Siodmak zwei Jahre vor <a href="http://whoknowspresents.blogspot.de/2012/11/randnotizen-zu-zwillingsschwestern-und.html">THE DARK MIRROR</a> schon mal das Motiv der guten/bösen Zwillingsschwester durchspielte, nur am anderen Ende der Düsterkeitsskala.





Einträge: 1   Seite: 1 (von 1)
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

Die andere Seite der Hoffnung

(FI 2017; Aki Kaurismäki)
Phönix mit gebrochenen Flügeln von Wolfgang Nierlin

Die versunkene Stadt Z

(US 2016; James Gray)
Obsessive Suche nach dem Unbekannten von Wolfgang Nierlin

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)
Surfen im Gaza-Streifen von Jürgen Kiontke

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
kinostart: 23.03.2017

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)
Die Aufrüstung der Polizei von Jürgen Kiontke

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
kinostart: 02.03.2017

Certain Women

(US 2016; Kelly Reichardt)
Äußere Ferne, innere Verlassenheit von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Marx mag´s brav (und ist doch Projektprankster) von Drehli Robnik

Der junge Karl Marx

(FR, DE,BE 2016; Raoul Peck)
Glück des Aufbegehrens von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Was macht der Finger in der Webmaschine? von Jürgen Kiontke

Logan

(USA 2017; James Mangold)
Alte Männer danken ab - Re-/Generationswechsel im Popkultur-Refugium von David Auer
auf dvd:aktuelldemnächst
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin

kurzkritiken

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)

Gerührt und verführt zur Gleichheit

von Drehli Robnik

Blair Witch

(USA 2016; Adam Wingard)

The Seventeen Year Witch

von Drehli Robnik

America's Sweethearts

(USA 2001; Joe Roth)

Satire als Flaschenkorken

von Marit Hofmann

ältere filme

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

Die Zärtlichkeit der Wölfe

(BRD 1973; Ulli Lommel)

Einer von uns

von Nicolai Bühnemann

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)

Nepper, Schlepper, Kinderfänger

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #34

Le Chat (Die Katze)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #33

Frankenstein

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #32

Abre los ojos (Öffne die Augen)

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...