filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Magische Momente 04

Klaus Kreimeier

Max et les ferrailleurs


 szene aus "das mächen und der kommissar" (foto: © studiocanal)


Ein Stundenhotel im Pariser Osten. Wieviel nimmst du, will er wissen. Soviel wie möglich, sagt sie und hantiert vor einem Spiegel flüchtig mit dem Lippenstift: Tausend, wenn du willst. Jedenfalls nicht unter hundert. Sie zieht ihren schwarzen Lackmantel aus. Er blättert, achtlos beinahe, drei Geldscheine auf den Tisch. Kurz fliegt ein Staunen über ihr Gesicht, schleicht in ihre Stimme: Danke schön! Sie dreht ihm jetzt den Rücken zu, greift über die Schulter, um sich ihr Kleid aufzuknöpfen, und erwartet, dass seine Hand der ihren zu Hilfe eilt. Aber er beobachtet sie nur. Nicht nötig, sagt er. Du brauchst dich nicht auszuziehen.

Wir, die Zuschauer, wissen, dass Michel Piccoli kein Freier ist, sondern Max, ein Kriminalkommissar, der die schöne Hure Lili (Romy Schneider) in eine Falle locken will, um eine Bande kleiner Diebe zu einem großen Banküberfall zu animieren. Lili notiert in diesem Moment nur, dass dieser Kunde den üblichen Service offenbar verschmäht. Ein fragender, halb irritierter, halb belustigter Blick über die Schulter: Ja, willst du denn nichts von mir? Piccoli, im eleganten dunklen Dreiteiler, stoisch, unergründlich, lakonisch: Nein.

In "Max et les ferrailleurs" (Das Mädchen und der Kommissar, 1971) beginnt nun, an den feinen Fäden des Regisseurs Claude Sautet, ein wunderbarer pas de deux, der zwischen Beobachten und Belauern, Abwägen und nüchterner Berechnung oszilliert. Gesponnen aus Reden und Schweigen, Intelligenz, Misstrauen, Neugier und Interesse. Lili ist perplex, kämpft um Sachlichkeit: Was machen wir aber dann? Er: Nichts. Mal zusammensitzen (Max hat sich hingesetzt). Sie blickt ihn an, will dann wissen: Hast du irgendwas? - Nein, warum? Sie lächelt unsicher, denkt nach, gibt zu, dass sie die Situation nicht versteht und streckt sich, im durchaus erfolgreichen Bemühen um Nonchalance, in ihrem rosa Samtkleid auf dem knallroten Sofa aus. Also machen wir gar nichts? Sie mustert ihn, ihre Augen werden schmal, sie entschließt sich, zu rauchen.

Kurze Fragen, kurze Antworten, lange Pausen. Ein Wortwechsel als Balanceakt, dem das Nichtausgesprochene eine schwebende Unwägbarkeit verleiht. Man taxiert einander, aus ganz unterschiedlichen Beweggründen. Max zelebriert Undurchdringlichkeit, zündet sich eine Zigarette an, wartet und lächelt. Lili ist auf der Hut, ununterbrochen arbeitet ihr Verstand, ihre Gedanken spazieren auf einem dünnen Seil. Wie heißt du eigentlich, fragt er, und sie gesteht, dass sie Lili heißt, dabei zuckt sie mit den Schultern, als wolle sie sagen: So ist es nun einmal. Und nimmt jetzt ihn ins Verhör: Dein Name? Max behauptet, er heiße Felix. Lili erlaubt sich, ein Lächeln anzudeuten. Und was macht er beruflich, der Felix? Sanfter Spott zischt in ihrer Frage mit. Max schweigt, lässt sie raten. Sie flattert zum Spiegel, kämmt sich die Haare, schlägt vor: Anwalt? Juwelier? Milchmann? Polizist? Abgeordneter? Bankier? Aus dem gegenseitigen Belauern ist nun ein Spiel filigraner Sympathien geworden. Ja, sagt Max, er sei Bankier. Dann bist du also reich? - Es geht. - Prima, sagt Lili.

Das Spiel kann weitergehen. Gut wird es nicht enden.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: ray Filmmagazin

Hier geht's zu allen "Magischen Momenten"

Artikel teilen:          
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

Die andere Seite der Hoffnung

(FI 2017; Aki Kaurismäki)
Phönix mit gebrochenen Flügeln von Wolfgang Nierlin

Die versunkene Stadt Z

(US 2016; James Gray)
Obsessive Suche nach dem Unbekannten von Wolfgang Nierlin

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)
Surfen im Gaza-Streifen von Jürgen Kiontke

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
kinostart: 23.03.2017

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)
Die Aufrüstung der Polizei von Jürgen Kiontke

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
auf dvd:aktuelldemnächst
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin

kurzkritiken

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)

Surfen im Gaza-Streifen

von Jürgen Kiontke

The Purge: Election Year

(USA / F 2016; James DeMonaco)

Black Power versus Nationalwahn im Wahljahr

von Drehli Robnik

America's Sweethearts

(USA 2001; Joe Roth)

Satire als Flaschenkorken

von Marit Hofmann

ältere filme

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

Die Zärtlichkeit der Wölfe

(BRD 1973; Ulli Lommel)

Einer von uns

von Nicolai Bühnemann

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)

Nepper, Schlepper, Kinderfänger

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #35

Le Mystère des roches de Kador

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #34

Le Chat (Die Katze)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #33

Frankenstein

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...