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Magische Momente 02

Klaus Kreimeier

L′homme de Rio


 szene aus "l′homme de rio" (foto: © mgm)


Dass Jean-Paul Belmondo unter tiefblauem Himmel über eine rote Sandfläche, die bis an den Horizont zu reichen scheint, um sein Leben rennt und sich auf ein turmhohes, wenn auch ziemlich instabiles Baugerüst flüchtet, ist damit zu erklären, dass ihm zwei Verfolger auf der Spur sind, die ihm an den Kragen  wollen und sich nun -  nachdem es ihnen nicht gelungen ist, ihn mittels Automobil am Boden zu zermalmen - auf eine halsbrecherische Kletterpartie begeben müssen, während der Verfolgte alle Wertgegenstände, die ihm beim Aufstieg in die Quere kommen - Bretter, Holzbohlen, Leitern, Schaufeln, Kisten, Eisenträger, Farbeimer, zerbeulte Blechfässer, platzende Zementsäcke - auf die Köpfe seiner Feinde regnen lässt. Ihm kommt zugute, dass ihn seine Flucht auf die Großbaustelle der Hauptstadt Brasilia geführt hat. An Baumaterialien besteht kein Mangel, zumal der Flüchtende die Bretter, über die er in schwindelerregender Höhe balanciert, nach Gebrauch sogleich als Geschoss gegen die Verfolger nutzt, um ihnen den Weg nach oben, sich selbst allerdings auch den nach unten abzuschneiden.

Es wäre übertrieben zu behaupten, Philippe de Broca sei ein Feinmechaniker der Kinematografie gewesen. In seinen Komödien verachtete er keineswegs die Knalleffekte, in seinen Abenteuerfilmen purzeln manche Unwahrscheinlichkeiten rasant durch- und übereinander. Mit "L′homme de Rio" ("Abenteuer in Rio", 1964), so behauptete er selbst, habe er einen Film gedreht, den er nur allzu gern als Kind gesehen hätte. Vermutlich trifft dies zu - über große Strecken sieht dieses Werk so aus, als sei es in der Augsburger Puppenkiste zusammengeschustert worden. Der Dialog scheint aus dem groben Holz gefertigt, mit dem Belmondo um sich schmeißt, und wenn de Broca die Handlung in eine Sackgasse gesteuert hat, hilft oft nur ein mehr oder minder geistreicher, in jedem Fall abrupter Schnitt.

Die knapp fünf Minuten jedoch, die Belmondo benötigt, um die Spitze des schwankenden Gerüsts zu erklimmen (und sich am Ende mit einer List seiner Verfolger zu entledigen), sind schon darum ein Ruhmesblatt der Filmgeschichte, weil de Broca in dieser Actionszene die Musik des zweifellos begnadeten Georges Delerue schweigen lässt. Keine stampfenden oder schmetternden Rhythmen, während Bretter poltern und der keuchende Atem des Gejagten sich in das Krachen der Blechfässer mischt. Keine Percussion, die der Szene die Spannung stiehlt, während Belmondo an einem Drahtseil zwischen Himmel und Erde - und sein Leben nur noch an einem Faden hängt. Auf dem höchsten Punkt angelangt, blickt er, einen Moment ratlos, auf seinen Fluchtweg zurück, über sich sattes Blau, tief unten, endlos, das sandige Rot, aus dem Brasilia wachsen wird. Im Rohbau, spielzeugklein, sind schon einige futuristische Betonklötze zu sehen, zwei Autos spielen lautlos auf einem halbfertigen Highway Verkehr. Stille. Spannung. Der Film hält den Atem an. Und auf der Tonspur spürest du: kaum einen Hauch. Gleich wird ein Schrei die Luft zerfetzen.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: ray Filmmagazin

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Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?