filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Magische Momente #32

Klaus Kreimeier

Abre los ojos (Öffne die Augen)


Nähe und Fremdheit in pendelnder Balance: "Öffne die Augen" (Foto: © Arthaus)


Noch bevor der Vorspann abrollt, gleiten wir in eine Welt, die grundlegend in Unordnung geraten ist. Gerade haben wir César kennengelernt, haben gesehen, wie er sich aus dem Bett herausarbeitet, sich unter die Dusche schlängelt, durch seine Loftwohnung hastet und im VW-Käfer davonbraust. Die Spanier lieben ihre männlichen Stars besonders, wenn sie aufs Haar den Jünglingen in ihren hochglanzkaschierten Werbemagazinen gleichen und jene Klischees bedienen, die sich in den Neunzigern mit der Vorstellung eines smarten Startup-Unternehmers verbunden haben. Eduardo Noriega in Alejandro Amenábars "Abre los ojos" (Öffne die Augen, Sp/Fr/It 1997) ist ein solcher Beau, was ihn freilich vor seinem schrecklichen Schicksal nicht bewahren wird.

César fährt durch die Innenstadt von Madrid. Hochhäuser, Balkone und Balustraden, pompöse Postmoderne und viel Neobarock, die Sonne scheint, es ist ein schöner Vormittag, die Uhr zeigt kurz nach zehn. Etwas stimmt nicht. Erst irritiert, dann staunend, schließlich fassungslos blickt der junge Mann in eine gläsern-jenseitige, geisterhaft-entseelte Szenerie: Auf den Straßen der prächtigen Stadt sind keine Menschen, Madrid ist wie leergesaugt. Mitten auf einer Kreuzung lässt er den Wagen stehen, steigt aus, blickt um sich, schaut zu den Fassaden hoch, lauscht: kein Laut, kein Lebewesen, eine Verkehrsampel blinkt ihre Signale ins Nichts. César beginnt zu laufen, torkelt, läuft weiter, als rette ihn das Laufen vor etwas, das nach ihm greift, rennt und rennt in die Tiefe der totenstarren, sterbensstillen Stadt.

Am Ende des Films wird es so etwas wie eine Auflösung des Rätsels geben, auf dem Weg dahin aber hat Amenábar so viele Mysterien, auch Ungereimtheiten aufeinander getürmt, dass dem Zuschauer jegliche Hoffnung auf Plausibilität vergangen sein dürfte. Spanien hat die Liebe zum Barock an die Labyrinthik vieler seiner Filme weitergegeben - das haben vor allem seine Kinohelden zu büßen, vor allem dann, wenn sie, wie César, nach einem Autounfall an einer schweren posttraumatischen Bewusstseinsstörung leiden, wenn ihr Gesicht entstellt ist und sie zwischen Erinnerung und Traum, realen und surrealen Erzählebenen hin- und hergejagt werden. Doch damit nicht genug - am Ende findet sich César gar in den Fängen einer Kyronik-Firma wieder, die ihre Kunden im Sterbefall einfrieren und nach aufwendiger Reanimation in einer virtuellen Realität wiederauferstehen lässt. Borderline-Kino somit, Surrealismus plus Science fiction, beides in barocker Opulenz. Zwei Frauen komplizieren zusätzlich die Geschichte, von denen die eine, Nuria (Najwa Nimri), César nachstellt und die andere, Sofía (Penélope Cruz), ihn und uns im ungewissen lässt, ob sie überhaupt existiert.

Sehr leicht, wie ein Hauch weht die Liebesgeschichte zwischen César und Sofia in diesen reichlich flamboyanten Film; Nähe und Fremdheit bleiben in pendelnder Balance. In einem Park sieht César aus der Ferne eine schmale Gestalt, weißer Mantel, weiße Mütze, auch das Gesicht ist weiß geschminkt, unter dem Mantel ein blaukariertes Clownsgewand. Es ist Sofia, er hat sie auf seiner Geburtstagsfeier kennengelernt, nun zögert er, sich ihr mit seinem zerstörten Gesicht zu nähern. Sie stellt sich in Positur, erstarrt zu einem lebenden Bild: Das ist der Job, der sie ernährt. César bleibt vor ihr stehen, wirft eine Münze auf das Tuch zu ihren Füßen, fragt: "Habe ich mich so verändert?" Regen setzt ein, verwischt die Schminke auf ihrem Gesicht. Sie löst sich aus ihrer Pose, lächelt ein wenig künstlich, fragt, wie es im geht. Er sagt: "Du willst mir nicht mehr ins Gesicht sehen." Sie geht auf ihn zu, streichelt seine von Narben entstellte Wange, dann wird der Regen stärker, und sie gehen auseinander, jeder geht seinen Weg.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: ray Filmmagazin

Hier geht's zu allen "Magischen Momenten"

Artikel teilen:          
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 27.04.2017

Der traumhafte Weg

(DE 2016; Angela Schanelec)
Trost durch Schönheit von Wolfgang Nierlin
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

Die andere Seite der Hoffnung

(FI 2017; Aki Kaurismäki)
Phönix mit gebrochenen Flügeln von Wolfgang Nierlin

Die versunkene Stadt Z

(US 2016; James Gray)
Obsessive Suche nach dem Unbekannten von Wolfgang Nierlin

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)
Surfen im Gaza-Streifen von Jürgen Kiontke

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
kinostart: 23.03.2017

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)
Die Aufrüstung der Polizei von Jürgen Kiontke

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
auf dvd:aktuelldemnächst
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin

kurzkritiken

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)

Die Aufrüstung der Polizei

von Jürgen Kiontke

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

9 Songs

(GB 2004; Michael Winterbottom)

Sex. Sex. Sex.

von Dietrich Kuhlbrodt

ältere filme

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

Die Zärtlichkeit der Wölfe

(BRD 1973; Ulli Lommel)

Einer von uns

von Nicolai Bühnemann

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)

Nepper, Schlepper, Kinderfänger

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #35

Le Mystère des roches de Kador

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #34

Le Chat (Die Katze)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #33

Frankenstein

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...