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Klassischer Noir ohne Fusel

Bernd Kronsbein

Über Berthets neue Graphic Novel "Dein Verbrechen"

Australien im Jahre 1970. Irgendwo im Outback verbringt Thomas Wentworth sein Leben als Schafzüchter. An seiner Seite der Hund Commonwealth, der die Einsamkeit mit ihm teilt. Nur der gelegentliche Besuch des Eingeborenen Friday, der Vorräte und Zeitungen bringt, durchbricht die Monotonie. Und die Erinnerung an eine wunderschöne Frau, die seine Tagträume erhellt. Aber Wentworth heißt eigentlich Greg Hopper und das Leben in der Wüste führt er nicht, weil er die Abgeschiedenheit mag, sondern weil er auf der Flucht ist. Seit 27 Jahren. Lee Duncan, die Frau seiner Träume, ist ebenfalls seit exakt 27 Jahren tot. Und Greg wirft man vor, sie ermordet zu haben.

Doch da geschieht ein Wunder. Sein Bruder Ikke gesteht auf dem Sterbebett, dass nicht sein Bruder Greg der Mörder war, sondern er selbst, Ikke. Und so kann Greg plötzlich in die Zivilisation zurückkehren, begleitet vom Geist seiner Vergangenheit und der bohrenden Frage: Warum hat Ikke das getan?

"Dein Verbrechen" ist geradezu klassischer Noir-Stoff und damit bestens aufgehoben in der sehr lesenswerten "Noir"-Reihe von Schreiber & Leser. Aber nicht Dashiell Hammett und Raymond Chandler standen Pate, sondern James M. Cain und Jim Thompson, die ihre Stoffe noch ein bisschen näher an den Abgründen der menschlichen Psyche angesiedelt haben. Hier gibt es keinen Privatdetektiv mehr, der als letzte Bastion von Würde und Anstand zynisch die verkommene Welt kommentiert und mit Fusel wegsäuft. Hier sind die alltäglichen Betrüger, Diebe und Mörder ganz unter sich und ihre Verbrechen geschehen meist sehr spontan aus Geilheit, Eifersucht und Gier.

Der schmale Band von Zidrou ("Lydie", und Autor der neuen "Rick Master"-Serie) und dem wunderbaren Philippe Berthet ("Der Ideenhändler", "Pin-Up") folgt Greg Hopper ins kleine Nest Dubbo City, das genauso miefig ist, wie der Name klingt. Hier erinnert sich noch jeder an "seine" Tat und selbst die, die vor 27 Jahren noch gar nicht geboren waren, wurden bestens von ihren Eltern und Großeltern ins Bild gesetzt. Und ganz allmählich tauchen die beiden Autoren ein in die Vergangenheit und setzen das Puzzlebild der Ereignisse zusammen, die zu Gregs Flucht führten. Und das mit einer Virtuosität, die man nicht allzu oft antrifft. Da verzeiht man auch ein paar ungelenke, etwas arg bedeutungsschwangere Dialogzeilen und genießt den klugen Aufbau des Plots, die kleinen Hinweise, die die Wahrheit der Dinge immer mehr infrage stellen und jedes Bild dieses Zeichners, der so präzise und zurückgenommen erzählt.

Wer Blut geleckt hat, sollte sich anschließend umgehend "Perico" und "Die Straße nach Selma" besorgen, zwei weitere abgeschlossene "Noir"-Stoffe, die Berthet inszeniert hat und in derselben Reihe erschienen sind. Und über eine Neuausgabe lange vergriffener Einzelbände wie "Das Auge des Jägers" oder "Kojoten der Prärie" würde man sich auch freuen. Nur so ein Gedanke.

Dieser Text ist zuerst erschienen auf: comic.de

Zidrou (Szenario), Philippe Berthet (Zeichnungen): Dein Verbrechen. Schreiber & Leser, Hamburg 2016. 64 Seiten, 18,80


Seite aus "Dein Verbrechen" (© Schreiber & Leser)



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Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?