filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Magische Momente 14

Klaus Kreimeier

Die Finanzen des Großherzogs


 naturbilder, die das zeitgenössische publikum entzückten (foto: © verleih)


Die Filmkomödie "Die Finanzen des Großherzogs" von Friedrich Wilhelm Murnau (1923) verdient schon darum das Interesse der Filmhistoriker (und nicht nur dieser), weil man aus ihr lernen kann, dass Curd Jürgens, der "deutsche Kleiderschrank" der fünfziger Jahre, einen kongenialen Vorläufer in Harry Liedtke hatte, dem Herzensbrecher der zehner und zwanziger Jahre - zumal dann, wenn es darum ging, vor Wut oder Entsetzen stiernackig zu erstarren und die Augen gefährlich aus ihren Höhlen treten zu lassen. Als Duodezfürst eines fiktiven mediterranen Zwergstaats hat er dazu allen Anlass, denn der ist erstens pleite, zweitens von Feinden umzingelt und drittens das Ziel einer äußerst finsteren Verschwörung. Am Ende sieht er, den Strick bereits um den Hals, sein Ende nahen, würde ihn nicht die plötzliche Verehelichung mit einer russischen Großfürstin aus allen Nöten befreien.

Drehbücher sind oft Glückssache. Dieses stammt von Thea von Harbou und trug möglicherweise dazu bei, dass sich die Filmhistoriker schwer taten, dem großen Murnau den Seitensprung ins komische Genre zu verzeihen. Wie kommt es, rügt seine Biografin Lotte H. Eisner, dass hier "alle seine Darsteller so mittelmäßig wirken?" Dabei hat gerade sie uns die film- und kinogeschichtlich bemerkenswerte Tatsache überliefert, dass etliche Sequenzen dieses Films bei der Uraufführung im Berliner Ufa-Palast am Zoo "Applaus auf offener Szene" hervorgerufen haben: so die "wirklich feenhafte Totale" eines Schiffs, "alle Segel gesetzt, alle Mann hoch oben in der Takelage" - und  Aufnahmen eines Bahnhofs, in den "eine Lokomotive mit zwei vollen Scheinwerfern" direkt auf die Kamera zufährt. Applaus auf offener Szene! Die Besucher der frühen Kinos müssen glückliche Menschen gewesen sein.

In der Tat: Sie hatten Gespür für eine neue Qualität. Zum zweiten Mal, nach den düsteren Naturaufnahmen für "Nosferatu" (1921/22), schüttelt Murnau den Kulissenstaub der Studioproduktionen von Neubabelsberg ab und lässt die Kamera (Karl Freund) in die Außenwelt schweifen, in die Ferne, aufs Meer und an die sonneglänzenden Gestade der Adria. Und siehe: er gewinnt dem Licht, den Hafenansichten, der Patina alter Paläste Bilder von schwindelerregender Schönheit ab. Große Teile des Films werden in Ragusa (dem heutigen Dubrovnik), in Montenegro und auf der Insel Rab gedreht. Ein Stück Wahrnehmungsgeschichte: Schauplätze, die uns Heutigen längst zu Floskeln des Farbfernsehens geworden sind und von Lotte Eisner, die eine "recht verstümmelte Kopie" des Dubbnegativs gesehen hat, als "grauer Zufallshintergrund" getadelt wurden, hatten Murnaus Kamera den ganzen Zauber der Schwarzweiß-Fotografie entlockt - einen Zauber, der sich uns heute, in der aufwendig restaurierten und digitalisierten Fassung der Cineteca del Comune di Bologna und des Münchner Filmmuseums, aufs neue erschließt.

Von einer schmalen Mauer, die aus dem Vordergrund vertikal in die Bildmitte strebt, taumelt der Blick gleichzeitig in die Tiefe und in eine helle, schier unbegrenzte Weite, erfasst die klare Linie von Zypressen, das Ufer, die spiegelglatte Fläche des Meers bis zum Horizont, schließlich die feinziselierte Takelage eines Segelschiffs. Diesem und ähnlichen, behutsam viragierten "Naturbildern" - so darf man es sich wohl vorstellen - galt der Applaus des zeitgenössischen Publikums.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: ray Filmmagazin

Hier geht's zu allen "Magischen Momenten"

Artikel teilen:          
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

Die andere Seite der Hoffnung

(FI 2017; Aki Kaurismäki)
Phönix mit gebrochenen Flügeln von Wolfgang Nierlin

Die versunkene Stadt Z

(US 2016; James Gray)
Obsessive Suche nach dem Unbekannten von Wolfgang Nierlin

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)
Surfen im Gaza-Streifen von Jürgen Kiontke

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
kinostart: 23.03.2017

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)
Die Aufrüstung der Polizei von Jürgen Kiontke

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
kinostart: 02.03.2017

Certain Women

(US 2016; Kelly Reichardt)
Äußere Ferne, innere Verlassenheit von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Marx mag´s brav (und ist doch Projektprankster) von Drehli Robnik

Der junge Karl Marx

(FR, DE,BE 2016; Raoul Peck)
Glück des Aufbegehrens von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Was macht der Finger in der Webmaschine? von Jürgen Kiontke

Logan

(USA 2017; James Mangold)
Alte Männer danken ab - Re-/Generationswechsel im Popkultur-Refugium von David Auer
auf dvd:aktuelldemnächst
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin

kurzkritiken

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)

Schwerelos schwebender Socken-Schocker

von Drehli Robnik

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)

Surfen im Gaza-Streifen

von Jürgen Kiontke

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)

Gerührt und verführt zur Gleichheit

von Drehli Robnik

ältere filme

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

Die Zärtlichkeit der Wölfe

(BRD 1973; Ulli Lommel)

Einer von uns

von Nicolai Bühnemann

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)

Nepper, Schlepper, Kinderfänger

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #33

Frankenstein

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #32

Abre los ojos (Öffne die Augen)

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-14

von Jürgen Kiontke

neuste kommentare

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...