filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Der Tag wird kommen

(Frankreich / Belgien 2012; Regie: Gustave Kervern, Benoît Delépine)

Sich selbst revolutionieren

foto: © alamode
Eingangs sieht man fast bildfüllend nur eine etwas spärliche Irokesenfrisur und eine Stirn, auf der drei Buchstaben tätowiert sind: "Not" nennt sich der selbsternannte "älteste Punk Europas", der mit bürgerlichem Namen Benoît Bonzini (Benoît Poelvoorde) heißt und mit seiner programmatischen Verweigerungshaltung und einem kleinen Hund ("Schäfer-Punk") spazieren geht. Als verwilderter Neinsager, der sich dem kapitalistischen System widersetzt, erfüllt er äußerlich die üblichen Klischees des biertrinkenden, rotzenden, pöbelnden und provozierenden Außenseiters: Dem Werbeschild am Straßenrand versetzt er einen Fußtritt, den Überwachungskameras des Supermarktes zeigt er den Stinkefinger und den Kunden mit ihren überfüllten Einkaufswagen stellt er auf dem Parkplatz nach. "Ich bin frei!", behauptet "Not". Doch angesichts seiner isolierten Position unter Gleichgesinnten und der relativen Gleichgültigkeit seiner Mitmenschen, die ihn eher wie einen Außerirdischen betrachten, will man das nicht recht glauben. Bei einem Konzert der Punkband Les Wampas landet er nach einem ausgedehnten Crowdsurfing einmal symbolträchtig in einer Mülltonne.

Die beiden französischen Regisseure und Comedians Gustave Kervern und Benoît Delépine, die für ihren schrägen Humor bekannt sind ("Louise Hires a Contract Killer", "Mammuth") wollen den unangepassten Helden ihres neuen Films "Der Tag wird kommen" ("Le grand soir") als "modernen Diogenes" verstanden wissen. Tatsächlich blickt das beobachtete Subjekt "Not" zurück und entlarvt damit dasjenige, was es radikal ablehnt: die Konsumgesellschaft mit ihren Agenten der Überwachung und der Sicherheit, die sich die "verdächtigen Individuen" und "nicht tragbaren" Randfiguren mit Kameras, Trennscheiben und Security-Personal auf Distanz hält. Kervern und Delépine nutzen diese Dialektik immer wieder für ihren visuellen szenischen Witz, indem sie in oft lang stehenden Bildern einen lakonischen Dialog zwischen Vorder- und Hintergrund inszenieren, mit überraschenden Perspektivwechseln die Szenen in eine unerwartete Richtung lenken oder aber diese offen halten. Dazu kommen lange Einstellungen, in denen die Schauspieler Zeit für ausgedehnte Improvisationen haben: in Gastauftritten etwa der belgische Regisseur Bouli Lanners in der Rolle eines Wachmanns oder Gérard Depardieu als Wahrsager.

"Die Wahrheit ist viel zu schön, als dass du sie ertragen könntest", erklärt dieser "Nots" Bruder Jean-Pierre (Albert Dupontel). Eben hat der ziemlich angepasste Matratzen-Verkäufer, der von seinem Chef unter Verkaufsdruck gesetzt wird und der mit "Smartschaum" auf Kundenfang geht, noch ein Loblied auf den "normgerechten Menschen" angestimmt. Doch nach einem renitenten Kunden, verzweifelten Verkaufsbemühungen und einem wüsten Ausraster im Vollsuff ist der smarte Anzugsträger seinen Job los. Da hilft weder das wilde Herumballern mit der "Fingerpistole" noch das aggressive Niederringen eines kleinen Bäumchens. Aber dann greift ausgerechnet "Not" seinem Bruder unter die Arme, hilft ihm "locker" zu werden und "mit sich zu haushalten" und macht schließlich aus Jean-Pierre den Punker "Dead".

"Der kürzeste Weg zur Freiheit ist geradeaus", erklärt "Not". Doch die Bewegungen der beiden Ausgestoßenen zwischen verhaltener Konsumkritik und zaghafter Sozialrevolte, zwischen Freiheitsbehauptung und sozialer Abhängigkeit bleiben merkwürdig harmlos und irgendwie irrelevant. Die Revolution findet nicht statt, weil die Gesellschaft ihre Abweichler mit Ignoranz bestraft. Vielleicht gibt es deshalb in dem Film auch einigen Leerlauf. Seiner mäßig trotzigen Botschaft, "weiterzumachen" und "sich selbst zu revolutionieren", fehlt jedenfalls die stoffliche Anschauung. Außerdem erschöpft sie sich in mehr oder weniger lustigen Gesten. "We are not dead", aus zusammengeklauten Leuchtbuchstaben zusammengesetzt, ist davon eine der originellsten. Es ist dies zugleich die minimalste Konstante in einem ansonsten ziemlich tristen Leben, dem schließlich auch noch die Gewissheit der Herkunft entzogen wird: "Wir hatten keine Zukunft und haben jetzt nicht mal eine Vergangenheit."

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (7/10)


Der Tag wird kommen
OT: Le grand soir
Frankreich / Belgien 2012 - 92 min.
Regie: Gustave Kervern, Benoît Delépine - Drehbuch: Gustave Kervern, Benoît Delépine - Produktion: Jean-Pierre Guérin, André Logie - Kamera: Hugues Poulain - Schnitt: Stéphane Elmadjian - Verleih: Alamode - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Benoît Poelvoorde, Albert Dupontel, Brigitte Fontaine, Areski Belkacem, Bouli Lanners, Serge Larivière, Stéphanie Pillonca, Miss Ming, Chloé Mons, Yolande Moreau, Gérard Depardieu, Barbet Schroeder, Stéphane Durieux
Kinostart (D): 02.05.2013
DVD-Start (D): 27.09.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2008562/

Details zur DVD:
Titel: Der Tag wird kommen - Bild: 2,35:1 (16:9) - Sprache: Deutsch, Französisch - Untertitel: Deutsch - Extras: Making Of, Deleted Scenes, Musikvideo, Trailer - Länge: 92 Minuten - FSK: ab 12 Jahre - Verleih: Alamode Filmdistribution OHG

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 18.05.2017

National Bird

(USA 2016; Sonia Kennebeck)
Sind so viele Drohnen... von Jürgen Kiontke

Nocturama

(BE/DE/FR 2016; Bertrand Bonello)
Terror als surrealistische Geste von Ulrich Kriest
kinostart: 11.05.2017

Das Ende ist erst der Anfang

(BE/FR 2015; Bouli Lanners)
Gegen die Angst immer geradeaus von Wolfgang Nierlin

Rückkehr nach Montauk

(DE, FR, IE 2017; Volker Schlöndorff)
Tier mit wechselnden Standpunkten von Wolfgang Nierlin
kinostart: 04.05.2017

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Black Lives Matter, White Lies Splatter von Drehli Robnik

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Kollektiver Albtraum der amerikanischen Zivilgesellschaft von Nicolai Bühnemann

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
The Horror, the horror von Marit Hofmann

Victoria - Männer & andere Missgeschicke

(FR 2016; Justine Triet)
Selten innerer Frieden von Wolfgang Nierlin
kinostart: 27.04.2017

Der traumhafte Weg

(DE 2016; Angela Schanelec)
Trost durch Schönheit von Wolfgang Nierlin

Die Schlösser aus Sand

(FR 2015; Olivier Jahan)
Lauter Abschiede und ein Neubeginn von Wolfgang Nierlin

Guardians of the Galaxy Vol. 2

(USA 2017; James Gunn)
Daddy Issues im Familien-Business von David Auer
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik

The Founder

(USA 2016; John Lee Hancock)
Von San Bernardino um die Welt mit dem (Nicht-)Gründer Kleptokapitalisten-Kroc von Nicolai Bühnemann
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann

Tiger Girl

(DE 2016; Jakob Lass)
Destruktive Selbstfindung von Wolfgang Nierlin
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

Die andere Seite der Hoffnung

(FI 2017; Aki Kaurismäki)
Phönix mit gebrochenen Flügeln von Wolfgang Nierlin

Die versunkene Stadt Z

(US 2016; James Gray)
Obsessive Suche nach dem Unbekannten von Wolfgang Nierlin

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)
Surfen im Gaza-Streifen von Jürgen Kiontke

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
dvd/bluray-start: 19.05.2017

Humanoid

(USA 2016; Joey Curtis)
Endlose Schlachten im ewigen Eis von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 19.05.2017

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)
Afrikabilder von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/D 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Fehlgeleitete Besessenheit im Partyparadies von Nicolai Bühnemann

Spring Awakening

(GR 2015; Constantine Giannaris)
Fotoalbum der Rebellion von Nicolai Bühnemann

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn

Swiss Army Man

(USA 2016; Daniel Kwan, Daniel Scheinert )
Furzender Zivilisationsmüll von Ricardo Brunn

kurzkritiken

Blair Witch

(USA 2016; Adam Wingard)

The Seventeen Year Witch

von Drehli Robnik

9 Songs

(GB 2004; Michael Winterbottom)

Sex. Sex. Sex.

von Dietrich Kuhlbrodt

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #36

Taxi Driver

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-15

von Jürgen Kiontke

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?