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Mademoiselle Populaire

(Frankreich 2012; Regie: Régis Roinsard)

Richtige Frauen und richtige Männer

foto: © studiocanal
"Alle Mädchen wollen Sekretärin werden", sagt Louis Échard (Romain Duris). Glaubt man dem ebenso smarten wie arroganten Macho, der in Lisieux, einer Provinzstadt der Normandie, eine kleine Versicherungsagentur leitet und sich dabei als ketterauchender Platzhirsch gebärdet, war das in den 1950er Jahren sogar ein Modetrend unter jungen Frauen. Sehnsüchtig den wohlhabenden, möglichst gut aussehenden Chef anhimmeln und mit Schreibmaschineschreiben, Stenographie und Telefonieren eigenes Geld verdienen: Das war, eingepackt in traditionelle Geschlechterrollen und selbstverständlichen Sexismus, fast schon eine Vorstufe weiblicher Emanzipation. Mit genüsslicher Ironie und teils doppelbödigem Humor blickt der französische Regisseur Régis Roinsard zurück auf die Klischees dieser so fern erscheinenden Jahre. Seine romantische Komödie "Mademoiselle Populaire" ist allerdings keine kritische Stellungnahme zum Geschlechterdiskurs, die den ästhetischen Abstand zum Genre sucht oder ihm wenigstens Brechungen einziehen würde; vielmehr reproduziert er in heiter-beschwingtem Tonfall, mit cremefarbener Wärme und perfekter Ausstattung dessen auf relativ harmlose Unterhaltung zielenden Vorgaben.

Insofern zielt Roinsard mit seinem Film in gleich mehrfacher Hinsicht auf die Erfüllung der Traditionen. Um die etwas biederen Heile-Welt-Träume seines Liebes- und Erfolgsmärchens in Gang zu setzen, schickt er die hübsche Rose Pamphyle (Déborah François), selbstbewusste Tochter eines verwitweten Gemischtwarenhändlers aus der noch tieferen Provinz, zum begehrten Bewerbungsgespräch bei dem schnöselig-eleganten Versicherungsvertreter. Dieser stellt die schusselige junge Frau mit verklemmtem Blick auf ihren Sex-Appeal ein und hat bald nur noch eines im Sinn, um sein unterdrücktes Begehren zu sublimieren: Er will Rose zu einer modernen, erfolgreichen Frau formen. Das dabei die aufkeimende Liebe zwischen den beiden permanent auf Ersatzhandlungen umgelenkt und verschoben wird, ist der dramaturgischen Logik der Komödie geschuldet, die zielsicher auf folgende bejubelten Schlusssätze zusteuert: "So wie du bist, machst du mich sehr glücklich. Ich liebe dich."

Ende gut, alles gut, könnte man sagen. Doch angesteuert wird dieses Happy End vor allem durch die Feststellung: "Männer und Frauen sind sehr unterschiedlich." Und so unterwirft der ehrgeizig auf Sieg fixierte Louis, ein traumatisierter Kriegsveteran und ehemaliger Sportsmann, seine gelehrige Schülerin Rose einem strengen Training im Schreibmaschineschreiben, um sie für die kuriosen Regionalmeisterschaften fit zu machen. Mit abzutippenden Literaturklassikern (u. a. "Madame Bovary" und "Rot und Schwarz"), farbigen Tasten, abgedeckter Tastatur und wenig Lob drillt er Rose auf Höchstleistung. Aus ihrem bemerkenswert effizienten Zwei-Finger-Suchsystem auf einer alten Triumph wechselt sie zur Zehn-Finger-Technik, schafft bald um die 500 Anschläge pro Minute, wird nationale Meisterin, umschwärmter Star und Werbeträgerin der Firma Japy, bis sie schließlich zum finalen Showdown bei den Weltmeisterschaften in New York antritt. Régis Roinsard inszeniert diesen als spannendes Duell mit rasanten Schnitten auf fliegende Finger, Kreisfahrten der Kamera und geteiltem Bild. Tatsächlich ist Rose schneller als die Maschine. "Die Amerikaner sind gut fürs Geschäft, die Franzosen für die Liebe", wissen die Männer. Und der Zuschauer lernt: Das alles gab und gibt es wirklich - nicht nur im Kino.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (6/10)


Mademoiselle Populaire
OT: Populaire
Frankreich 2012 - 111 min.
Regie: Régis Roinsard - Drehbuch: Romain Compingt, Daniel Presley, Régis Roinsard - Produktion: Alain Atall - Kamera: Guillaume Schiffman - Schnitt: Laure Gardette, Sophie Reine - Verleih: StudioCanal - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Romain Duris, Déborah François, Bérénice Bejo, Shaun Benson, Mélanie Bernier, Nicolas Bedos, Féodor Atkine, Eddy Mitchell, Miou-Miou, Jeanne Cohendy, Caroline Tillette, Lena Friedrich, Nathan Rippy, Joan Mompart, Yannik Landrein
Kinostart (D): 11.04.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2070776/

Trailer:


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