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Atomic Age

(Frankreich 2011; Regie: Héléna Klotz)

Im Dunkelrot der Nacht ein Abschied

foto: © pro-fun
Die beiden Freunde Victor (Elliott Paquet) und Rainer (Dominik Wojcik) fahren mit dem Vorort-Zug ins nächtliche Paris und glühen schon mal mit ein paar Vodka-Red Bull vor. Es wird eine Odyssee durch die nächtliche Stadt werden, obwohl man jetzt schon müde ist. Mit Discobesuch und Schlägerei, einer beinah stattgefunden habenden Liebelei, mit ein wenig homoerotischer Zweisamkeit, mit leerem Magen, Zigaretten und roten Augen. Bis morgens dann das Zwielicht beginnt und man wie auf einem anderen Planeten durch die dystopische Landschaft taumelt, die sich in der vorangegangenen Nacht im Innern angesammelt hat.

"L'âge atomique" hat eigentlich keine wirkliche Geschichte zu erzählen. Darum geht es der Regisseurin aber offenkundig auch nicht: Es ist das Einfangen einer bestimmten Atmosphäre, einer Freundschaftserfahrung im Moment des Erwachsenwerdens - und des unausgesprochenen Abschiednehmens zugleich - durch und mit den Mitteln des Großstadtfilms, der seine visuellen Reize in dunklen, manchmal hypnotischen, jedenfalls oft grobpixeligen Bildern findet. Das ist nichts Neues, dennoch gelingt es durch die immer wieder sehr persönliche und dicht an die Protagonisten heranrückende Kamera allein durch die Bilder eine Spannung aufzubauen, die wenig erklärt, vieles ungesagt und offen lässt, zugleich aber die nachtdunkle Atmosphäre vermittelt und nachfühlbar macht. Einen Zustand der sanften Euphorie, die auf das Ungewisse zuschreitet; die zugleich das alles aber auch schon kennt, weil man es unzählige Male zuvor bereits genau so gemacht und sehr ähnlich erlebt hat. Und was man nun, schließlich, hinter sich lassen kann: Diese Zeit geht ihrem Ende zu. Es ist die Vermittlung einer Ortlosigkeit durch die Momentaufnahme, eines Transitzustands, der sich auch in der ungeklärten Herkunft der Figur Rainers offenbart. Dieser ist deutscher (polnischer?) Abstammung und lebt in unklaren Verhältnissen (als Student?) in der Peripherie von Paris. Eine Figur, die, Gedichte zitierend, mit ihrer intellektuellen Reife ganz romantisch an die absinth-trinkenden Bohémiens des vergangenen Jahrhunderts erinnert - nun im Geflacker der Techno-Tanzfläche, in der Ekstase des bpm-Pulses.

Besonders die Kameraarbeit ist sensibel für die Stimmungsschwankungen, die Atmosphäre dieser Nacht: Immer wieder finden sich lange Sequenzen der dunkel flirrenden nächtlichen Metropole, Bilder im Schwenk von der Anhöhe mit den Lichtern der Großstadt, den Reklamen, den Unschärfen, den nur punktuell klaren Momenten, die rasch wieder in der Dunkelheit verfliegen, im Diffusen verschwinden. Bilder, die am Abteilfenster des Zuges vorbeifliegen, gleichwo und in gleich welcher Stadt. Ein schöner, dunkler, unaufdringlicher weil verhalten ekstatischer Großstadt-Film, der seine Figuren aufrichtig liebt.

Michael Schleeh

Benotung des Films: (7/10)


Atomic Age
OT: L'âge atomique
Frankreich 2011 - 67 min.
Regie: Héléna Klotz - Drehbuch: Héléna Klotz - Produktion: Alexandre Perrier - Kamera: Helene Louvart - Schnitt: Cristobal Fernandez, Marion Monnier - Musik: Ulysse Klotz - Verleih: Pro-Fun - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Dominik Wojcik, Eliott Paquet, Niels Schneider, Luc Chessel, Mathilde Bisson, Clémence Boisnard, Arnaud Rebotini
Kinostart (D): 16.08.2012
Weitere Informationen: O.m.d.U.

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2120088/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2012/atomic_age/links.htm

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