filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Marley

(Großbritannien / USA 2012; Regie: Kevin Macdonald)

Verworfener Eckstein

foto: © studiocanal
Das Portrait eines Außenseiters zeichnet Kevin Macdonald in seinem Dokumentarfilm "Marley". Der charismatische Reggae-Musiker, geboren am 6. Februar 1945 in einem kleinen jamaikanischen Dorf und in Kingstons Armenviertel Trenchtown aufgewachsen und künstlerisch sozialisiert, bezeichnet sich in einem seiner Lieder selbst einmal anspielungsreich als "verworfener Eckstein". Bob Marley, Mischlingskind einer 18-jährigen schwarzen Mutter und eines flatterhaften 50-jährigen Offiziers der britischen Armee, reflektiert darin sein Gefühl der Vaterlosigkeit, das ihn offensichtlich zeitlebens begleitet hat. Noch in den Selbstaussagen dieses sehr detaillierten und materialreichen Films, daneben aber auch in den vielen Konzertausschnitten ist diese introvertierte Unnahbarkeit spürbar. Bob Marley ist der fremde Andere, dessen eindrucksvolles Leben und Werk Kevin Macdonald durch zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen und den darin enthaltenen Perspektivwechseln zu erhellen sucht. Dabei mischen sich unentwirrbar Tatsachen und Legenden.

Marleys erste musikalische Gehversuche, beharrlich und mit Ehrgeiz vorangetrieben, fallen dabei ziemlich genau zusammen mit Jamaikas Unabhängigkeit im Jahre 1962. Auch an späteren Stellen der genau montierten Dokumentation gibt es immer wieder einen Austausch zwischen einschneidenden Ereignissen der Zeitgeschichte und Marleys künstlerischem Werdegang. Dabei wird die Musik zum Mittel einer sowohl persönlichen als auch gesellschaftlichen Befreiung. Bob Marley findet für sich einen Weg aus den bedrückenden sozialen Verhältnissen, kehrt aber auch mit zunehmendem Erfolg immer wieder dahin zurück. Denn seine anti-materialistische Einstellung feiert den Reichtum des Lebens und - nicht zuletzt auch im Reggae - das brüderliche Miteinander der Menschen.

Seine spirituelle Erdung bezieht Marley in diesem Zusammenhang aus seiner Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft der Rastafari, einer Religion, in der die Praxis von Liebe und Versöhnung eng mit dem Streben nach Befreiung verbunden ist. Aus diesem Kontext, in dem sich der Außenseiter mit den unterdrückten Sklaven identifiziert und die Rückkehr nach Afrika propagiert oder zumindest ersehnt, gewinnt Macdonalds Film einige seiner bewegendsten Momente. Beginnend mit Bildern von jenem berüchtigten "Door of no return" im "House of slaves" an der westafrikanischen Küste, von wo aus Millionen von Menschen "gestohlen" und versklavt wurden, bis zu den Benefizkonzerten in Simbabwe und Gabun, erzählt "Marley" eine Geschichte der Unterdrückung, die auch lange nach dem viel zu frühen Tod des Musikers im Jahre 1981 noch nicht zu Ende ist und insofern Relevanz besitzt.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (8/10)


Marley
OT: Marley
Großbritannien / USA 2012 - 144 min.
Regie: Kevin Macdonald - Produktion: Charles Steel - Kamera: Mike Eley, Alwin H. Kuchler, Wally Pfister - Schnitt: Dan Glendenning - Verleih: StudioCanal - FSK: ab 6 Jahre - Besetzung: (Mitwirkende) Rita Marley, Neville Garrick, Ziggy Marley, Cedella Marley, Rohan Marley
Kinostart (D): 17.05.2012
Weitere Informationen: O.m.d.U.

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1183919/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2012/marley/links.htm

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
auf dvd:aktuelldemnächst

kurzkritik

Girl on the Train

(USA 2016; Tate Taylor)

Wer hat schon heute noch einen Gärtner?

von Drehli Robnik

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

America's Sweethearts

(USA 2001; Joe Roth)

Satire als Flaschenkorken

von Marit Hofmann

ältere filme

Abwärts

(BRD 1984; Carl Schenkel)

Die Steckengebliebenen

von Nicolai Bühnemann

Kalt wie Eis

(BRD 1981; Carl Schenkel)

Stadt, Körper, Gewalt. Leben, Liebe, Schmerz.

von Nicolai Bühnemann

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)

Wachsende Versteinerungen

von Wolfgang Nierlin

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comic

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

Glücklich, was sonst?

Maria und Miguel Gallardos illustrierte Erzählung "Maria und ich" korrigiert viele Klischees über Kinder mit Autismus

von Sven Jachmann

An der Wand die Fuchsmaske

Nicolas Wouters′ und Mikael Ross′ Graphic Novel "Totem"

von Christoph Haas

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-12

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

festival

Berlinale 2015 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

Berlinale 2014 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn