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The Fall

(Großbritannien / Indien 2006; Regie: Tarsem Singh)

Dichtung und Wahrheit

foto: © capelight
In einem Krankenhaus im Los Angeles der Zwanzigerjahre entwickelt sich eine Freundschaft zwischen zwei denkbar ungleichen Patienten: der kleinen Alexandria (Catinca Utaru), die sich bei einem Sturz den Arm gebrochen hat, und dem Stuntman Roy Walker (Lee Pace), der sich wiederum bei einem selbstmörderischen Stunt schwere Verletzungen zugezogen hat. Während ihrer Besuche bei ihm erzählt er ihr die Geschichte vom Kampf einer illustren Schar von Banditen gegen den bösen Governor Odious, in die mehr und mehr autobiografische Details sowohl aus Roys als auch Alexandrias Leben einfließen. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zerfließen zusehends …

Singhs Hollywood-Debüt "The Cell" dürfte dem Regisseur rückblickend eher geschadet haben, wofür auch die lange Pause zwischen beiden Filmen spricht: Der Thriller um Jennifer Lopez wird gemeinhin mit dem "Style over Substance"-Vorwurf abgefertigt; zu Unrecht, lässt Singh doch gar keinen Zweifel daran, dass sein Interesse nicht dem hanebüchenen Krimiplot, sondern der Kreation einer morbiden Seelenlandschaft geht. Dennoch: Man sieht "The Cell" seine Herkunft deutlich an, erkennt darin unzweifelhaft den Versuch des Hollywood-Systems, einen visionären Filmemacher in das Korsett typischen Blockbuster-Kinos zu pressen. Dass der Inder weitaus mehr kann, als atemberaubend schöne Bilder auf die Leinwand zu zaubern, belegt nun "The Fall" sehr eindrucksvoll und darf zudem als Aufforderung an andere Filmemacher verstanden werden, für die eigenen Projekte zu kämpfen und sie auch unter widrigen Umständen zu verwirklichen, anstatt sich von Hollywood zum faulen Kompromiss zwingen zu lassen. "The Fall" - gedreht über einen Zeitraum von vier Jahren in über 20 verschiedenen Ländern - feiert das Ritual des Geschichtenerzählens, zeigt, wie der Mensch sein Seelenheil in der Narration findet, wie er die Tristesse der Realität mit den Mitteln der Fantasie überwindet, seine irdische Existenz besser zu verstehen lernt, wenn er sie durch die Brille der Fiktion betrachtet.

Der wegen einer tragisch verlaufenen Liebesbeziehung suizidale Roy lernt im Verlauf seiner Geschichte und dem gemeinsamen kreativen Prozess der Dichtung mit Alexandria auch seinen Kummer zu verarbeiten und seine Krise zu überwinden. Singh weiß, dass zum Erzählen zwei gehören: Der aufmerksame und seinerseits fantasievolle Zuhörer ist genauso wichtig wie der Erzähler und im Idealfall ist das Ritual des Geschichtenerzählens ein wechselseitiger Prozess. Als Zuschauer lauschen wir der Stimme des Erzählers Roy, doch die Bilder, die wir sehen, entspringen der Vorstellungskraft der kleinen Alexandria, die sich so immer in das Ergebnis "einmischt", Roy manchmal sogar zum Neuanfang oder zur Modifizierung zwingt, wenn ihr etwas nicht gefällt oder ihr ein Fehler, ein Plothole auffällt. Dass "The Fall" visuell ein Gedicht ist, muss eigentlich nicht gesondert erwähnt werden. Doch der Stilwille, der hier zum Ausdruck kommt, ist nicht weniger als beeindruckend. "The Fall" ist einer der schönsten Filme der vergangenen Jahre, reiht sich nahtlos ein in eine lange Ahnenreihe von "Erzählfilmen" - und die Kritiker, die hier von "Inhaltsleere" stammeln, haben wirklich rein gar nichts begriffen.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

Oliver Nöding

Benotung des Films: (9/10)


The Fall
OT: The Fall
Großbritannien / Indien 2006 - 117 min.
Regie: Tarsem Singh - Drehbuch: Dan Gilroy, Nico Soultanakis, Tarsem Singh - Produktion: Tarsem Singh - Kamera: Colin Watkinson - Schnitt: Robert Duffy - Musik: Krishna Levy - Verleih: Capelight - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Lee Pace, Catinca Untaru, Justine Waddell, Julian Bleach, Leo Bill, Kim Uylenbroek, Ronald France, Sean Gilder, Andrew Roussouw, Michael Huff
Kinostart (D): 12.03.2009

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0460791/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2009/the_fall/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/18488/THE-FALL/Kritik/

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