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Der letzte Akkord

(USA 1957; Regie: Douglas Sirk)

Die Schönheit der Chance

foto: © koch media
Die Amerikanerin Helen Banning (June Allyson) reist nach auf der Suche nach neuen Erfahrungen nach München und tritt dort eine Stelle im Amerika-Haus an. In dieser Tätigkeit trifft sie auf den berühmten deutsch-italienischen Dirigenten Tonio Fischer (Rossano Brazzi), mit dem sich nach anfänglichen Schwierigkeiten eine Romanze anbahnt. Doch dann erfährt Helen, dass Tonio mit der schwer kranken Reni (Marianne Koch) verheiratet ist …

Man möchte meinen, Douglas Sirk habe sich mit "Der letzte Akkord", seinem viertletzten amerikanischen Film, schon mit seiner Rückkehr nach Europa beschäftigt. In wunderschönstem Technicolor schwelgt er in barock anmutenden Aufnahmen Münchener und Salzburger Sehenswürdigkeiten und errichtet den majestätischen Alpen geradezu ein filmisches Denkmal. Mit diesem visuellen Pomp appelliert Sirk nicht nur an den Exotismus amerikanischer Kinogänger, er stellt seinen Film damit auch in krassen Kontrast zu den zwar nicht minder erlesen fotografierten, aber deutlich aufgeräumter und klarer anmutenden "All meine Sehnsucht" und "Es gibt immer ein Morgen". Dies lässt sich auch auf die Inhaltsebene übertragen: Ließ Sirk das melodramatische Element in den beiden genannten Filmen mit einer nüchtern artikulierten und deshalb umso schärferen Gesellschaftskritik kollidieren, und lieferte er so eine äußerst realistische Bestandsaufnahme des Phänomens "Liebe und Partnerschaft im 20. Jahrhundert" ab, tritt die soziale Komponente in "Der letzte Akkord" zugunsten des zwar ungehemmten aber auch unschuldigen Herzschmerzes zurück. Hatte Sirk zuvor geradezu subversive Melodramen gemacht, ist die Tragik dieses Films nun eine rein affirmative.

Das bedeutet aber nicht, dass ihm der Blick für gesellschaftliche Missstände gänzlich abhanden gekommen wäre: Für den weltgewandten Tonio Fischer ist es etwa völlig selbstverständlich, Helen rabiat zum Essenmachen in die Küche abzuschieben. Sein großzügiges Versprechen, sich gleichzeitig um die Befeuerung des Kamins zu kümmern, entpuppt sich indes als leer: Es reicht, ein brennendes Streichholz hineinzuwerfen. Und auch die Ehe von Tonio und Reni, die für den Dirigenten beinahe einer Gefangenschaft gleicht, aber mit Rücksicht auf den Status quo nicht aufgelöst werden kann, ist ein Hinweis darauf, dass gesellschaftliche Konventionen und Institutionen nicht immer im Dienste des Menschen stehen. Insgesamt werden diese Themen in "Der letzte Akkord" aber weitaus weniger stringent und überzeugend entwickelt. So bleibt am Ende ein zwar nur durchschnittlicher Sirk-Film, doch auch ein solcher legt sich noch wie Balsam auf geschundene Sinnesorgane. "Der letzte Akkord" ist eine absolute Augen- und Ohrenweide und ein Film, bei dem man hemmungslos dahinschmachten kann.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

Oliver Nöding

Benotung des Films: (6/10)


Der letzte Akkord
OT: Interlude
USA 1957 - 90 min.
Regie: Douglas Sirk - Drehbuch: Daniel Fuchs, Franklin Coen - Produktion: Ross Hunter - Kamera: William H. Daniels - Schnitt: Russell F. Schoengarth - Musik: Frank Skinner - Verleih: Koch Media - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: June Allyson, Rossano Brazzi, Marianne Koch, Françoise Rosay, Keith Andes, Frances Bergen, Lisa Helwig, Herman Schwedt, Anthony Tripoli, John Stein, Jane Wyatt
Kinostart (D): 03.01.1958

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0050544/

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