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Vollmondnächte

(Frankreich 1984; Regie: Eric Rohmer)

Louise wohnt hier nicht mehr

foto: © arthaus
Die Innenausstatterin Louise (Pascale Ogier) lebt mit ihrem Partner Remi (Tchéky Karyo) in der Pariser Vorstadt. Dem Leben in der abgeschiedenen Zweisamkeit entflieht sie gern in die Metropole, um dort mit Freunden auszugehen und zu tanzen. Remi ist von diesem Freiheitsdrang eh schon wenig angetan, doch als Louise sich auch noch eine Zweitwohnung in Paris einrichtet, kühlt das Verhältnis zwischen beiden merklich ab. Louise glaubt aber immer noch, dass die Distanz gut für ihre Beziehung sei …

"Vollmondnächte", der vierte Teil von Rohmers Filmzyklus Comediés et proverbes ist nach dem Vorgänger, dem sonnigen "Pauline am Strand", nun ein echter Nachtfilm. Er wird von künstlicher Beleuchtung sowie von Schwarz und Grautönen in Verbindung mit einigen sparsamen Farbtupfern dominiert und weist eine interessante Struktur auf: "Vollmondnächte" spielt an vier Abenden bzw. Nächten, die jeweils einen Monat auseinanderliegen und dem Zuschauer so ermöglichen, den Verlauf von Louises selbst gewähltem Strohwitwendasein zu verfolgen. Die Handlung springt dabei immer zwischen der gemeinsamen Wohnung in der Vorstadt und Louises Stadtappartement hin und her, frei nach dem dem Film vorangestellten Sprichwort: "Jemand mit zwei Frauen verliert seine Seele, jemand mit zwei Häusern seinen Verstand".

Mit ihrer Flucht, mit der Louise ihre Beziehung zum besitzergreifenden Remi eigentlich retten will, erreicht sie nur das Gegenteil: Das, was für sie richtig ist, ist für Remi leider genau das Falsche. Am Ende muss sie ihre Taschen packen, das Experiment, ihre Liebe auf die Probe zu stellen, ist schiefgegangen. Die interessanteste Szene des Films ereignet sich ungefähr nach der Hälfte der Laufzeit und stellt den Wendepunkt des Films dar: Als Louise zusammen mit ihrem Freund Octave (Fabrice Luchini) in einem Café sitzt, glaubt sie Remi gesehen zu haben, während Octave wiederum steif und fest behauptet, Camille, eine Freundin Louises, erkannt zu haben. Sofort spekulieren beide über ein Verhältnis der beiden. Rohmer filmt diese Szene jedoch, ohne dass Remi oder Camille zu sehen wären, ja, man sieht überhaupt niemanden außer eben Louise und Octave, die von ihrer Sichtung berichten. Dies mag sowohl als Beispiel für die kleinen Rätsel und Geheimnisse fungieren, die in Rohmers Filmen immer wieder auftauchen, für die radikale Subjektivität, der seine Protagonisten unterworfen sind, ohne es zu bemerken, als auch für seine eigenwillige Kameraarbeit: In Rohmers Filmen - zumindest in der Reihe Comediés et proverbes - gibt es weder Close-ups von Gesichtern noch so etwas wie Subjektiven. Die Kamera verlässt nie die Rolle des unbeteiligten, distanzierten Beobachters der Protagonisten.

Nach den herausragenden ersten drei Teilen des Filmzyklus fällt "Vollmondnächte" etwas ab: Der Film ist äußerlich stark in seiner Zeit verhaftet und am synthetischen Frankopop, der mehrfach zum Einsatz kommt, dürften sich die Geister heute scheiden. Das ändert aber nichts daran, dass auch dieser Film ausgesprochen sehenswert und zudem gut dazu geeignet ist, die eigene Beobachtungsgabe zu schulen. Wie viel inszenatorischer und gestalterischer Wille hier am Werk ist, droht einem nämlich zunächst zu entgehen, wenn man gewohnt ist, alles auf dem Silbertablett serviert zu bekommen.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

Oliver Nöding

Benotung des Films: (7/10)


Vollmondnächte
OT: Les nuits de la pleine lune
Frankreich 1984 - 100 min.
Regie: Eric Rohmer - Drehbuch: Eric Rohmer - Produktion: Margaret Ménégoz - Kamera: Renato Berta - Schnitt: Cécile Decugis - Musik: Jacno, Elli Medeiros - Verleih: Arthaus - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Pascale Ogier, Tchéky Karyo, Fabrice Luchini
Kinostart (D): 26.04.1985

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0087821/

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