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Amer

(Belgien / Frankreich 2009; Regie: Hélène Cattet, Bruno Forzani )

Schnitte ins Fleisch der Lust

foto: © koch media
Diesen Film kann man nicht nacherzählen. Seine alptraumhafte Struktur aus schmerzlich schönen Bildern und Tönen, sein rätselhaftes, mysteriöses Geschehen und seine surrealistische Formensprache machen ihn zu einer visuellen Sinfonie des Grauens und der Lust. "Amer" von Hélène Cattet und Bruno Forzani setzt die Regeln des konventionellen Erzählkinos außer Kraft, verzichtet dabei weitgehend auf Dialoge und eine chronologische Handlung und ähnelt darin eher einem Experimentalfilm. Dazu kommt noch, dass die beiden Filmemacher leidenschaftliche Verehrer des italienischen Giallo-Films der siebziger Jahre sind, also jenes von Mario Bava, Dario Argento, Sergio Martino und Lucio Fulci kreierten Genres, das Eros und Thanatos mit den Mitteln eines hyperbolischen Kinos vereint. So sorgen auch in "Amer" Großaufnahmen, ungewöhnliche Perspektiven, Zooms, eine eigenwillige Farbdramaturgie, ein ausgefeiltes Sounddesign und eine hohe Schnittfrequenz für extreme Stilisierung; und damit leider auch für einen Formalismus, der mitunter allzu abstrakt wirkt.

Inhaltlich arrangieren Cattet und Forzani ein düsteres Triptychon aus sexuellem Begehren, unerfüllter Lust und Tod. Dafür tauchen sie mit ihrem symbolgeladenen Film ein in die unheimliche Welt einer alten Villa auf einer Klippe über dem Meer, wo die kleine Ana (Cassandra Forêt) mit dem Tod ihres Großvaters konfrontiert wird. Neugierig schleicht sich das Mädchen durch dunkle Gänge und verschattete Zimmer, blickt durch Schlüssellöcher und erhascht immer wieder eine schwarz gekleidete Gestalt, die sie verfolgt und bedroht. Die Störung der Totenruhe geht hier einher mit der Entdeckung der elterlichen Sexualität, die für Ana zum Trauma wird.

Vom dichten, schwer erträglichen Horror dieses ersten Teils wechselt der Film zur gedehnten Zeit des Italo-Western: Ana (Charlotte Eugéne-Guibbaud), jetzt eine attraktive Teenagerin mit allen Zeichen sinnlicher Lust, wird zum sexuellen Objekt des Begehrens. Motorräder heulen auf, zwischen Leder und Schweiß wächst die Gier, bis sie förmlich aus den Hautporen dringt. Doch auf die Verführung folgt die mütterliche Strafe und das Begehren bleibt unerfüllt. Erst im letzten Teil, in dem die erwachsene Ana (Marie Bos) in das verlassene Haus ihrer Kindheit zurückkehrt, bricht etwas auf, um sich auf beunruhigende Weise wieder zu verschließen. Zwischen ekstatisch-orgastischem Geschwindigkeitsrausch und pathologischer Autoerotik, zwischen wilden Träumen und bedrohlichen Traumata vollzieht sich ein faszinierend montierter Exzess der Gewalt aus Schnitten ins Fleisch und aufbrechenden Wunden, mit dem die beiden Filmemacher Hitchcock und Buñuel ihre Referenz erweisen. "Amer" ist ein verstörender Horrorfilm über unerfüllte Sexualität und die dunkle Seite der Lust.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (8/10)


Amer
OT: Amer
Belgien / Frankreich 2009 - 90 min.
Regie: Hélène Cattet, Bruno Forzani - Drehbuch: Hélène Cattet, Bruno Forzani - Produktion: François Cognard, Eve Commenge - Kamera: Manuel Dacosse - Schnitt: Bernard Beets - Verleih: Koch Media - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Cassandra Forêt, Charlotte Eugéne-Guibbaud, Marie Bos, Bianca Maria D'Amato, Harry Cleven, Jean-Michel Vovk, Delphine Brual
Kinostart (D): 19.01.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1426352/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2012/amer/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/22458/AMER/Kritik/

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