filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Das traurige Leben der Gloria S.

(Deutschland 2011; Regie: Ute Schall, Christine Groß)

Das ganze Leben ist ein Spiel

foto: © salzgeber
Mit ihrem Spielfilm über Ulrike Meinhof ist die linke Filmemacherin Charlotte selbst nicht ganz glücklich: ihr radikaler Ansatz verläpperte sich, die Hauptdarstellerin zickte herum, ein alter Genosse bemängelt, dass der Film "total im Melodram hängengeblieben" sei. Um künstlerisch wieder Boden unter die Füße zu bekommen, entschließt sich Charlotte spontan, einen Dokumentarfilm über die Armut alleinerziehender Mütter zu drehen. Ein billiger Film soll es werden, gedreht mit ganz kleinem Team. Leider hat Charlotte keine Ahnung, wo man diese Mütter findet und wie man sie anspricht. Also entschließt sie sich zum gewohnten Vorgehen und lädt zum Casting ein.

Hier kommt die unter prekären Bedingungen lebende Schauspielerin Gloria ins Spiel, die seit Jahr und Tag mit ihrer nicht sonderlich begnadeten Off-Off-Theatertruppe eine Handvoll Zuschauer beglückt. Leider weiß Gloria von der sozialen Realität alleinerziehender Mütter so wenig wie Charlotte und ihr Team, weshalb sich Gloria eine Legende zulegt, die es in sich hat: Alkohol, Gefängnis, Vergewaltigung hinter Gittern, schwangere, minderjährige Tochter, häusliche Gewalt, Hartz-4. Klar, dass Gloria »die Rolle« bekommt. Die Dreharbeiten gestalten sich schwierig. Um ihre Rolle auszufüllen, muss Gloria etwas tun, was sie auch sonst gerne tut, obwohl sie es nicht kann: sie improvisiert und inszeniert Realität mit den Mitteln des Off-Theaters radikal ins Absurde. Das Filmteam ist begeistert: so etwas Authentisches könne man ja wohl gar nicht inszenieren! So treffen hier zwei Vorstellungen - von Theater und Film - Authentizität suchend aufeinander, grotesk, Funken schlagend.

Aufgrund der Fallhöhe von Glorias fiktiver Biografie bekommen nach und nach sämtliche Mitglieder der Theatertruppe ihren Platz vor der Kamera, mal als gewalttätiger Ex-Ehemann, mal als krimineller Freund der Tochter, mal als Junkie. Während die Theaterschauspieler beginnen, über die möglichen Wünsche der Filmzuschauer nach etwas Positivem nachzudenken und diesen Wünschen vor der Kamera entgegenkommen, entdeckt das Filmteam die ästhetischen Möglichkeiten der dokumentarischen Form und experimentiert mit kunstgewerblichen Filmzitaten. Der Humor, der aus dem Zusammenprall der Kulturen erwächst, ist nicht immer subtil, aber dafür ungeheuer treffsicher. Wenn sich beispielsweise ein Schauspieler bei seiner Rolle von "Taxi Driver" inspirieren lässt, findet die Ton-Assistentin soviel Verruchtheit echt sexy. Schließlich fliegt der Schwindel auf - und dann rächt sich das brüskierte Filmteam, indem es Glorias Fiktion in die Pflicht nimmt. Wann im "Reality Format" die Dreharbeiten beendet sind, bestimmt das Filmteam, nicht der Darsteller.

So verdeutlicht der Film nicht nur die abgründige Macht-Konstellation, die dem Reality-Format innewohnt, sondern auch, wie der Gier nach Authentizität die Wirklichkeit abhanden kommt, weil sie nur noch imaginiert wird. Übrigens: man sollte am Schluss im Kino sitzen bleiben, denn der Film hält noch eine letzte Volte bereit. Wenn im deutschen Film gar nichts mehr geht, dann gibt es immer noch die Option der Literaturverfilmung. Großartig!

Ulrich Kriest

Benotung des Films: (8/10)


Das traurige Leben der Gloria S.
OT: Das traurige Leben der Gloria S.
Deutschland 2011 - 75 min.
Regie: Ute Schall, Christine Groß - Drehbuch: Christine Groß, Ute Schall, Anna Kremser - Produktion: Nina von Mechow - Kamera: Hannes Francke - Schnitt: Silke Gräf, Ute Schall - Musik: Roman Ott - Verleih: Salzgeber - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Christine Groß, Nina Kronjäger, Margarita Broich, Susan Todd, Sean Patten, Mira Partecke, Tina Pfurr, Jean Chaize, Bastian Trost, Marie Löcker
Kinostart (D): 12.01.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2145669/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2012/das_traurige_leben_der_gloria_s/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/22456/DAS-TRAURIGE-LEBEN-DER-GLORIA-S/Kritik/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
kinostart: 23.03.2017

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
kinostart: 02.03.2017

Certain Women

(US 2016; Kelly Reichardt)
Äußere Ferne, innere Verlassenheit von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Marx mag´s brav (und ist doch Projektprankster) von Drehli Robnik

Der junge Karl Marx

(FR, DE,BE 2016; Raoul Peck)
Glück des Aufbegehrens von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Was macht der Finger in der Webmaschine? von Jürgen Kiontke

Logan

(USA 2017; James Mangold)
Alte Männer danken ab - Re-/Generationswechsel im Popkultur-Refugium von David Auer
kinostart: 23.02.2017

A Cure for Wellness

(USA, D 2017; Gore Verbinski)
Gore dreht auf - und Aale zittern von Drehli Robnik

Boston

(USA 2016; Peter Berg)
Armes Amerika! Tod, Cops, Trost, Lob, Stolz - Boston (eine rechtspopulistische Actionperle) von Drehli Robnik

Hitlers Hollywood

(DE 2016; Rüdiger Suchsland)
Ästhetik der Verführung von Wolfgang Nierlin
kinostart: 16.02.2017

Elle

(FR, DE, BE 2016; Paul Verhoeven)
Angstlust von Wolfgang Nierlin

Elle

(FR, D, BE 2016; Paul Verhoeven)
Katzen, Menschen, Vergewaltigungen von Nicolai Bühnemann

T2 Trainspotting

(GB 2017; Danny Boyle)
Booooooooooy von Ricardo Brunn
kinostart: 09.02.2017

Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe

(USA 2017; James Foley)
Shades of Verwertung von Jürgen Kiontke

The LEGO Batman Movie

(USA/DK 2017; Chris McKay)
Zusammen ist man weniger allein, oder: Brothers in Crime von David Auer
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.01.2017

The Lady in the Car with Glasses and a Gun

(F/B 2015; Joann Sfar)
Edel-Retro von Bernd Kronsbein

kurzkritiken

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)

Schwerelos schwebender Socken-Schocker

von Drehli Robnik

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

9 Songs

(GB 2004; Michael Winterbottom)

Sex. Sex. Sex.

von Dietrich Kuhlbrodt

ältere filme

King Kong

(USA, NZ 2005; Peter Jackson)

König - Dame - Turm

von Drehli Robnik

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-13

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...

Ricardo Brunn schrieb am 28.2.2017 zu La La Land

Ja, das mit den Sternen ist immer so eine Sache. Ich versuche im Text häufig nur einzelne Aspekte aufzugreifen, die die Sterneanzahl darunter dann nicht zwingend reflektiert. Manchmal ist der Film insgesamt nicht ge...