filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; Regie: George Clooney)

Politische Archetypen

foto: © universal
Der kurze Zeitraum von der Präsidentschaftswahl 2008 bis zum erbitterten Tauziehen im Kongress um Obamas Gesundheitsreform wird wohl für längere Zeit die letzte Phase amerikanischer Politik gewesen sein, die von so etwas wie Aufbruchsstimmung und Optimismus geprägt war. Den Normalzustand beschreibt George Clooneys Politdrama "Tage des Verrats", dessen Originaltitel "Ides of March" gleich noch eine historische Referenzgröße ins Spiel bringt. An den Iden des März im Jahr 44 AD wurde Julius Caesar von einer Gruppe Verschwörer im römischen Senat ermordet. Um politische Ränkespiele und machthungrige Ziehkinder geht es auch in "Tage des Verrats". Clooney selbst spielt den demokratischen Präsidentschaftskanididaten Mike Morris, der mit einem Sieg in den entscheidenen Ohio-Vorwahlen die Weichen für seine zukünftige Präsidentschaft stellen will.

Zwar ist Politprofi Morrris die zentrale Figur, um die sich alle Interessenkonflikte anlagern, doch im Mittelpunkt des Films steht sein aufstrebender Pressesprecher Stephen (Ryan Gosling in einer Paraderolle). Gosling verkörpert Morris′ jüngeres Alter Ego: strahlend, charmant, einnehmend und mit einem grenzenlosen Idealismus ausgestattet. Stephen steht eine glänzende Zukunft in Aussicht. "Tage des Verrats" zeichnet seinen rasanten Aufstieg über einen Verlauf von nur wenigen Tagen nach, doch unbeschädigt wird am Ende niemand aus der Geschichte hervorgehen.

Man merkt dem Film seine Theaterherkunft deutlich an. Wie schon im Kammerspiel "Good Night and Good Luck" dominieren auch in "Tage des Verrats" Close-Ups und Dialoge. Clooney hat ein grandioses Ensemble an Charaktergesichter um sich versammelt: Philip Seymour Hoffman spielt Morris′ Berater, ein Politschlachtross der alten Schule, Paul Giamatti den zwielichtigen Berater von Morris′ Widersacher, Marisa Tomei die knallharte Journalistin und Jeffrey Wright einen Senator, von dessen Zuspruch die Wahlentscheidung maßgeblich abhängt. Es ist eine brisante Konstellation, eine heruntergekochte Version von "West Wing" - die jedoch kaum Platz für Politik lässt. Clooney kritisiert in erster Linie ihre Performanz. Das ist mitunter scharf beobachtet, und verfehlt doch den Kern der Problematik. Denn das Festhalten an der Macht beziehungsweise das Streben nach mehr ist nicht der eigentliche Skandal. Sondern dass die politischen Inhalte darüber zur bloßen Verhandlungsmasse verkommen. Insofern ist es bezeichnend, dass Clooney kaum auf die konkrete Politik seiner Figur eingeht; vornehmlich, um das System Politik in den Blick zu nehmen. Am Ende aber liefert "Tage des Verrats" vor allem politische Archetypen. Als hätte sich die Politik seit den historischen Iden des März nicht selbst verändert.

Andreas Busche



The Ides of March - Tage des Verrats
OT: The Ides of March
USA 2011 - 98 min.
Regie: George Clooney - Drehbuch: George Clooney, Grant Heslov - Produktion: George Clooney, Grant Heslov, Brian Oliver - Kamera: Phedon Papamichael - Schnitt: Stephen Mirrione - Musik: Alexandre Desplat - Verleih: Universal - Besetzung: Ryan Gosling, George Clooney, Evan Rachel Wood, Paul Giamatti, Marisa Tomei, Philip Seymour Hoffman, Max Minghella, Jeffrey Wright
Kinostart (D): 22.12.2011
DVD-Start (D): 24.05.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1124035/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2011/the_ides_of_march_tage_des_verrats/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/22229/THE-IDES-OF-MARCH/Kritik/

Details zur DVD:
Bild: 2.35:1 (anamorph) - Sprache: Deutsch, Englisch (DD 5.1) - Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte - Extras: Making of, Featurettes, Festival-Screening, B-Roll, Trailer - FSK: ab 12 Jahre - Verleih: Universal

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 23.02.2017

A Cure for Wellness

(USA, D 2017; Gore Verbinski)
Gore dreht auf - und Aale zittern von Drehli Robnik

Boston

(USA 2016; Peter Berg)
Armes Amerika! Tod, Cops, Trost, Lob, Stolz - Boston (eine rechtspopulistische Actionperle) von Drehli Robnik
kinostart: 16.02.2017

Elle

(FR, DE, BE 2016; Paul Verhoeven)
Angstlust von Wolfgang Nierlin
kinostart: 09.02.2017

Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe

(USA 2017; James Foley)
Shades of Verwertung von Jürgen Kiontke

The LEGO Batman Movie

(USA/DK 2017; Chris McKay)
Zusammen ist man weniger allein, oder: Brothers in Crime von David Auer
kinostart: 02.02.2017

The Salesman

(IR, FR 2016; Asghar Farhadi)
Der schuldige Mensch von Wolfgang Nierlin
kinostart: 26.01.2017

Hacksaw Ridge - Die Entscheidung

(USA/AUS 2016; Mel Gibson)
Im rechten Licht gesehen von Drehli Robnik

Resident Evil 6: The Final Chapter

(F/D/CA/AUS 2016; Paul W.S. Anderson)
Erkenntnisschock im Horrorschlock: In der Zombienormalität ist Geist Minorität von David Auer
kinostart: 19.01.2017

Die Hölle - Inferno

(AT/D 2016; Stefan Ruzowitzky)
Relativ böse, absolut fremd von Drehli Robnik

Personal Shopper

(F 2016; Olivier Assayas)
Gespenstische Welt von Nicolai Bühnemann

Where to, Miss?

(D 2015; Manuela Bastian)
Selbstbestimmte Autofahrt von Jürgen Kiontke
kinostart: 12.01.2017

La La Land

(USA 2016; Damien Chazelle)
Morgen soll wie gestern sein von Ricardo Brunn

Wild Plants

(DE/CH 2016; Nicolas Humbert)
Widerstand aus der Nische von Wolfgang Nierlin
kinostart: 05.01.2017

Passengers

(USA 2016; Morten Tyldum)
Was ist faul an Bord? von Drehli Robnik

Terror in der Oper

(IT 1987; Dario Argento)
Das überwältigte Auge von Ricardo Brunn
auf dvd:aktuelldemnächst

kurzkritik

Blair Witch

(USA 2016; Adam Wingard)

The Seventeen Year Witch

von Drehli Robnik

America's Sweethearts

(USA 2001; Joe Roth)

Satire als Flaschenkorken

von Marit Hofmann

The Purge: Election Year

(USA / F 2016; James DeMonaco)

Black Power versus Nationalwahn im Wahljahr

von Drehli Robnik

ältere filme

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

Abwärts

(BRD 1984; Carl Schenkel)

Die Steckengebliebenen

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comic

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

Glücklich, was sonst?

Maria und Miguel Gallardos illustrierte Erzählung "Maria und ich" korrigiert viele Klischees über Kinder mit Autismus

von Sven Jachmann

An der Wand die Fuchsmaske

Nicolas Wouters′ und Mikael Ross′ Graphic Novel "Totem"

von Christoph Haas

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-12

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

festival

Berlinale 2015 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

Berlinale 2014 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn