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Dem Himmel so fern

(USA 2002; Regie: Todd Haynes)

Niemand hat hier Vorurteile

foto: © concorde
Die Frage, welche Gewalten die sozialen Verhältnisse in der gehobenen amerikanischen Mittelklasse verfassen und unter welchen Bedingungen diese wirksam werden, hatte Todd Haynes bereits 1987 in seinem Kurzfilm "Superstar - The Karen Carpenter Story" mit pragmatischem Zynismus beantwortet: Er sperrte Karen Carpenter, die traurige Sängerin des WASP-Familienpopbetriebs The Carpenters, in ein Puppenhaus. Das öffentliche Leben der Karen Carpenter, zeigte Haynes, ist ein (durch ihren Bruder) gesellschaftlich sanktioniertes gewesen, und darum musste sie in ihrem nicht-öffentlichen Leben auch so fatal zu Grunde gehen. Karen Carpenter starb depressiv, magersüchtig und viel zu jung. In Haynes Film hatten Barbiepuppen die Rollen von Unterdrücker und Unterdrückter übernommen.

In "Safe" (1995) wirkten die Repressionen bereits struktureller. Julianne Moore verfiel als neurotische All American-Hausfrau Carol White unter dem Einfluss einer höllischen Ehe und permanenter Selbsthilfe-Fernsehspots einer schleichenden Keim-Phobie, bis sie sich von ihrer Umwelt und sich selbst komplett abgeschottet hatte. Haynes hatte damals in einem Interview über sein luftdichtes, antiseptisches Kammerdrama gesagt, dass er eindeutig auf der Seite der "Krankheit" stehe, nicht auf der der so genannten "Normalität".

Die Dialektik von Krankheit und Normalität bestimmt auch Haynes neuen Film "Dem Himmel so fern". An der Position Haynes hat sich nichts geändert, nur am Ton. Die Beklemmungen haben sich etwas gelöst, in Bild und Sprache, und sind umgeschlagen in eine stumme Hysterie. Normalität ist in "Dem Himmel so fern" so überhöht, dass sich das latent Kranke bereits in jeder Geste, jeder Bewegung der Menschen zueinander ausdrückt. Haynes fand Spuren einer solch schleichenden Soziopathie in den 50er Jahre Technicolor-Melodramen Douglas Sirks. Aber auch wenn der 50er-Jahre Retro-Charme von "Dem Himmel so fern" eine sentimentale Verklärung impliziert, hat Haynes seinem Film die Nostalgie gründlich ausgetrieben. Dem Zitat, das er hier anführt, kommt eine ganz bestimmte Funktion zu: In den Filmen Sirks konnte Normalität nur noch über eine karthatische Symbolik (Flugzeugabstürze, Selbstmordversuche, Autounfälle) wiederhergestellt werden. Auch Sirk ist nie auf der Seite dieser Normalität gewesen, und wie bei Haynes verfügten auch seine Figuren nicht über die Mittel, die gesellschaftlichen Konventionen erfolgreich zu überwinden.

Kathartische Momente sind auch in "Dem Himmel so fern" Symptome eines beunruhigenden Krankheitsbildes, aber die Gesellschaft hat selbst bereits eigene spezifische Krankheiten ausgebildet, um den Normalzustand zu wahren: Rassismus und Homophobie. Diese Normalität lässt sich in "Dem Himmel so fern" zur Not auch medizinisch-wissenschaftlich wiederherstellen: mit Elektroschock- und Hormontherapien gegen die "unnatürliche" Libido. Innerhalb dieses "normalen" sozialen Gefüges dagegen ist alles so sauber, strahlend und klinisch, dass die Menschen unter der Anspannung der permanenten Selbstkontrolle fast zu ersticken drohen. In der Diskrepanz zwischen diesem Innen und Außen liegt die Tragik von Haynes Figuren.

Hieß es bei Sirk noch "All that Heaven allows", sind die Menschen in Haynes Film bereits hoffnungslos "Far from Heaven" (so der Originaltitel). Dennis Quaid und Julianne Moore sind Frank und Cathy Whitacker, Mr. And Mrs. Magnatech, ein Bilderbuch-Ehepaar im kleinstädtischen Hartfort, Connecticut der 50er Jahre: dem Amerika der Sirk-Melodramen. Und Sirk ist bei Haynes in jeder Sekunde präsent, ob in der Farb-Regie von Kameramann Ed Lachmann (lichtdurchflutete Bilder in knalligen Herbstfarben) oder der Musik von Elmer Bernstein zwischen orchestralem Pathos und Kammermusik. Das Melodram hat seine Bilder wiedergefunden und in dieser zugespitzten formalen Dramaturgie steht die panische Verzweiflung der Menschen verloren wie die bonbonfarbenen Wohlstandskarossen zwischen den sauber abgezirkelten Vorgärten.

Sirks "All that Heaven allows" liefert die erzählerische Grundlage für "Dem Himmel so fern". Haynes hat die Geschichte um die unmögliche Liebe zwischen einer ältlichen Witwe und ihrem jungen Gärtner an zwei entscheidenden Punkten um weitere Sirk-Zitate ergänzt. Im Gegensatz zu Jane Wyman ist Julianne Moore mit einem Mann verheiratet, den es nachts in Schwulenbars treibt (Quaid spielt die einzelnen Stadien von Robert Stacks Männlichkeitsverlust aus "Written in the Wind" perfekt nach), und der Gärtner Rock Hudson wird bei Haynes von dem Afro-Amerikaner Dennis Haysbert gespielt: eine Referenz an "Imitation of Life". Das Konfliktpotential staut sich wie in einer Seifenoper, aber es hat überhaupt nichts Lächerliches, weil die Menschen den sozialen Druck kaum noch kompensieren können.

Julianne Moores Gesicht ist unter der gesellschaftlichen Zwangs-Etikette wie zu einer Maske erstarrt; ihr zwanghaftes Dauerlächeln wirkt fast hysterisch. Hysterie ist mehr noch als in "Safe" eine permanente Grundstimmung, und nur manchmal noch bricht es aus den Menschen heraus (meistens passiert es hier Dennis Quaid, der entweder heult oder seine Frau schlägt). Haynes liegt ganz richtig, wenn er mit "Dem Himmel so fern" dem Pomp anstelle eines Realismus den Vorzug gibt: Rassismus und Homophobie als Zivilisationskrankheiten sind eigentlich nur noch als Groteske beizukommen, und selten hat ein Regisseur das Pathologische dieser sozialen Defekte grandioser konterkariert. Haynes lässt die Farben sprechen.

Raymond Deagon (Haysbert) hat die semiotische Determiniertheit der Verhältnisse schon sehr gut verstanden, wenn er Cathy Whitacker ihren weißen Schal mit den Worten "Die Farbe passt" zurück gibt. Farben bestimmen in "Dem Himmel so fern" die gesellschaftliche Ordnung. Es ist nur die Farbkombination ihrer zaghaften Liaison, die im puritanischen Connecticut so überhaupt nicht "passt". Wie als sarkastischer Kommentar sind die übrigen Farben dafür umso genauer aufeinander abgestimmt: das Herbstlaub, die Kostüme, die Autos, die Einrichtungen - selbst das Urlaubsparadies Miami ("Everything's so pink!").

Was es heißt, unter solchen Bedingungen wieder einen Normalzustand herzustellen, zeigt Haynes in letzter Konsequenz. Am Ende muss ein schwuler Ehebruch gegen eine vermeintliche Liebesaffäre aufgerechnet werden, damit wieder Ruhe herrscht. Die Gesellschaft hat sich ein Minimum an Toleranz abgerungen, denn die Grundprämisse lautet: Niemand hat hier Vorurteile. Haynes zeigt sehr genau, wie diese elitäre Gemeinschaft sich selbst am Leben erhält. So sehr sie sich nach Außen hin auch abgeschirmt hat, durchzieht eine fast totalitäre Überwachungsstruktur die Privatleben: von alten Damen mit zu großen Hüten herausgegebene Gesellschaftsmagazine, das Kaffeekränzchen, die Abendgesellschaft, die beste Freundin.

Das Scheitern dieser Menschen ist im Sirk-Zitat implizit. Genau wie die Kamera Moore oder Quaid immer wieder alleine im Bild stehen lässt, machen auch ihre verbotenen Leidenschaften einsam. Haynes bringt dabei ein Höchstmaß an Verständnis für seine Figuren auf. Letztendlich aber steht "Dem Himmel so fern" einem anderen Sirk-Apologeten noch näher als Sirk selbst: Rainer Werner Fassbinder. Auch Haynes gönnt seinem Film keine Sentimentalitäten.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 04/2003

Andreas Busche



Dem Himmel so fern
OT: Far from Heaven
USA 2002 - 107 min.
Regie: Todd Haynes - Drehbuch: Todd Haynes - Produktion: Jody Allen, Christine Vachon - Kamera: Edward Lachman - Schnitt: James Lyons - Musik: Elmer Bernstein - Verleih: Concorde - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Julianne Moore, Dennis Quaid, Dennis Haysbert, Patricia Clarkson, Viola Davis, James Rebhorn, Bette Henritze, Michael Gaston, Ryan Ward
Kinostart (D): 13.03.2003

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt0297884/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2003/dem_himmel_so_fern/links.htm

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