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Habemus Papam - Ein Papst büxt aus

(Italien / Frankreich 2011; Regie: Nanni Moretti)

Pop-Pope-Plot

foto: © prokino
Ein farbenprächtiger Film über das Leben am Hofe, speziell im Konklave während der geheimen Papstwahl. Jei, was kriegen wir zu sehen! Museale Gemächer und rauschende Ornate in den Palästen und eine Riesenmenge gläubiger Katholiken davor - in freudiger Erwartung, welchen Papst wir denn haben werden, und eigentlich ist es egal, wen denn nun genau. Der Film inszeniert die Papstwahl als Popevent, genauso wie Pop-Pope und die Medien es haben wollen. Eine Milliarde Gläubige! Was für Einschaltquoten! Aber müssen wir deshalb ins Kino gehen?

Nanni Morettis Film wendet sich an die Gemeinschaft von Gläubigen und Pop-Affinen in aller Welt. "Habemus Papam" ist radikal unkritisch. Auch wir sollen glauben an die heile Welt im Vatikan. Und so widmet sich der Spielfilm den Kardinälen, wie sie im Konklave untertänigst bezeugen, wen von ihnen die göttliche Macht als Führer der katholischen Kirche erkoren hat. Wir dürfen sicher sein, es bleibt bei einer fiktiven Beschreibung. Eine Haltung des sogenannten linken Starregisseurs Italiens ("Wasserball und Kommunismus", "Die Messe ist aus") suchen wir vergebens. Aber immerhin gibt es ein Plot.

Einer der Kardinäle, Michel Piccolo (85), sieht sich unvermutet gewählt. Wir erfahren nicht, warum. Gab es Machtkämpfe? Gibt es einen Kompromisskandidaten? Sollte die Dritte Welt nicht zum Zuge kommen? Stellte sich die Vatikanbank quer? Spielten die Kirchenkrisen wie Missbrauch, Zölibat, Verhinderung der Gleichberechtigung, Diffamierung der Schwulen und Lesben eine Rolle? Und, und, und. Nichts davon. Welchen Papst wir haben, entscheidet nicht ein Machtkampf, sondern der Wille des katholischen Gottes.

Weiter im Plot. Der Gewählte stößt einen grauenhaften Schrei aus und verfällt in eine psychotische Depression. Psychisch krank, kann er die Bürde des Amtes nicht tragen. "Ich kann nicht führen, ich muss geführt werden." Tja, was nun. Die erwartungsvolle Menge vor dem Konklavepalast kann nicht wochenlang warten. Das Amt nimmt er nicht an. Spannung! Es ist dieselbe Spannung wie im Stadium, wenn die Popgröße noch nach Stunden nicht auftritt, zuviel Stoff und Alk im Körper. Wir kennen diese Schiene. - Also, was wird? Der Gewählte will einen Führer. Da kommt er schon. Es ist Regisseur Moretti höchstselbst. Er spielt einen Psychiater, also jemanden, der er vorm Filmemachen war. Ein toller Einfall. Denn er erklärt mehrmals, dass er mitnichten gläubig sei. Und schon hat "Habemus Papam" auch die Ungläubigen als Zuschauer gewonnen.

Wie geht′s weiter? Zunächst mal: Warum wird der Öffentlichkeit schamhaft verschwiegen, dass der gewählte Kandidat das Amt nicht angenommen habe? Wegen einer Krankheit? Oh Gott, nein, die Auswahl war doch Wille Gottes, und der ist nicht krank. Aha, dann nicht. Und wieso haben die wählenden Kardinalsbrüder nicht gewusst oder geahnt, dass der Piccoli psychisch labil ist? Was für eine Intrige steckt dahinter? - Unverschämt!! Fragen dürfen nicht gestellt werden! Schon gar nicht vom Zuschauer, der sich an der heilen Vatikan-Welt erbauen soll.

Ja, und was macht nun der Piccoli? Psychiater Moretti labert mit ihm rum, verschreibt aber keine Tabletten (dabei gibt′s welche gegen Depression und gegen Psychosen, ich weiß es genau, aber auf mich hört ja keiner, schon gar nicht im Konklave). Der Fast-Pop-Pope Piccoli wird notgedrungen aktiv, flüchtet aus dem Konklave und nimmt in der Stadt Rom eine Auszeit, ausgestiegen aus dem Hofzeremoniell, anonym eingetaucht ins normale Leben und in seine Erinnerungen. Er landet in einem Theater. "Die Möwe" von Tschechow wird geprobt. Den Text hat der Auserwählte immer noch drauf, von damals, als er Schauspieler werden wollte und von der Akademie nicht genommen wurde. Aber immerhin ist er aktiv geworden und hat seine berufliche Zukunft als Mitspieler in der Kirche gesucht. Nur die Ehe musste er sich versagen. So war das. Jaja.

Genug davon. Jetzt zum anderen Schauspieler, dem Herrn Moretti. Sein Patient ist weg. Er bleibt im Konklave. Er inszeniert dort (als Darsteller!) ein Volleyballspiel, an dem alle Kardinäle teilnehmen, mehr oder minder widerwillig. Ist das ein Bild, wie die Kutten fliegen! So schafft man Sympathiewerte. Was für ein Spaß im Vatikan! Human touch für alle! Standing ovations! Bleibt da wirklich jemand im Kino sitzen?!

Ganz nebenbei erfahren wir auch, warum die von der Dritten Welt für die Papstwahl überhaupt nicht in Frage kommen. Die fröhlichen, aber ein wenig unbedarften Kardinäle aus Australien haben sich in Priester-Straßendress geworfen, um die Amtsbrüder im Konklave zu verlassen und mal schräg gegenüber in einem Café einen Cappuccino zu trinken! Na, da müssen sie aber von einem Italiener belehrt werden, wie man sich bibeltreu verhält. Und wie sieht das im Einzelnen aus? Im Konklave puzzelt der eine, der andere sitzt im Heimtrainer, man tanzt und ist guter Dinge - ej, das sind doch Kumpels wie du und ich, Aller.

Lassen wir es genug sein mit der Werbung für den Hl. Stuhl. Der Film startet Mariä Empfängnis. Er wird genug empfängliche Zuschauer haben, und die will man mit Fragen nach der ausstehenden Stellungnahme zum Holocaust und dergleichen Unaufgearbeitetem nicht vergraulen. Das wäre kein Fun, und mit Fun kriegt man Leute, Quote und alles.

Allerdings, und das ist der Gerechtigkeit wegen zu sagen, hat der Film mich doch gepackt, was Piccolis Spiel betrifft. Ich kann nicht anders. Ich stehe dazu. Mir liefen die kalten Gräsen den Rücken runter. Gegen dieses körperliche Indiz kann ich nicht argumentieren. Diese Mischung zwischen verzweifelter Erhabenheit und latenter bis manifester Komik ist grandios.

Insgesamt aber ist Moretti mit seinem schalen Komödchen bemüht, über alle Widersprüche wegzusehen, alle Ecken rund zu schleifen und dem Vatikan (mit allen seinen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Sünden) Absolution zu erteilen - und dabei einen gewissen deutschen Appeal auszustrahlen. Auf der Straße fokussiert die Kamera auf das Magazin "Der Spiegel", auf dem Platz vor der Konklave wird die schwarz-rot-goldene Fahne geschwungen, aus der immer noch wartenden Menge ruft′s auf deutsch: "Aber das ist doch nicht möglich!" - wir sind immer noch dabei, immer noch Papst. Sagt der Film. Sagt die "Bildzeitung" zum Herrn Ratzinger. Aber aufgepasst: "Habemus Papam" soll Fiktion sein. Sagt Nanni Moretti.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 12/2011

Dietrich Kuhlbrodt



Habemus Papam - Ein Papst büxt aus
OT: Habemus Papam
Italien / Frankreich 2011 - 110 min.
Regie: Nanni Moretti - Drehbuch: Nanni Moretti, Francesco Piccolo, Federica Pontremoli - Produktion: Jean Labadie, Nanni Moretti, Domenico Procacci - Kamera: Alessandro Pesci - Schnitt: Esmeralda Calabria - Musik: Franco Piersanti - Verleih: Prokino - Besetzung: Michel Piccoli, Jerzy Stuhr, Renato Scarpa, Franco Graziosi, Camillo Milli, Roberto Nobile, Ulrich von Dobschütz, Gianluca Gobbi, Nanni Moretti, Margherita Buy, Camilla Ridolfi, Leonardo Della Bianca, Dario Cantarelli, Manuela Mandracchia, Rossana Mortara
Kinostart (D): 08.12.2011
DVD-Start (D): 14.06.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1456472/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2011/habemus_papam_ein_papst_buext_aus/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/22055/HABEMUS-PAPAM/Kritik/

Details zur DVD:
Bild: 1,85:1 (16:9 anamorph) - Sprache: Deutsch, Italienisch (DD 5.1) - Untertitel: Deutsch, Italienisch - Extras: Hinter den Kulissen, entfallene Szenen, Interviews, Trailer - FSK: ohne Altersbeschränkung - Verleih: Prokino

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