filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Die Höhle der vergessenen Träume

(Frankreich / Kanada / USA / Großbritannien / Deutschland 2011; Regie: Werner Herzog)

In der Zeitkapsel

foto: © ascot elite
Als eines der größten und ältesten Zeugnisse menschlicher Kultur gilt die Chauvet-Höhle im südfranzösischen Ardèche-Tal. Über 30.000 Jahre alt sind die Malereien, die sie an ihren Wänden zu Hunderten beherbergt. Weil die mehrere Gänge und Säle umfassende Grotte durch einen Felssturz etwa 20.000 Jahre lang verschlossen war, ist in ihrem Inneren die Zeit quasi stehen geblieben. Die rund 400 mit Holzkohle und in Ocker gemalten Wandbilder, auf denen vornehmlich urzeitliche Tiere dargestellt sind, wirken noch immer frisch und unversehrt. Werner Herzog bezeichnet in seinem Dokumentarfilm "Die Höhle der vergessenen Träume" den Schatz dieser "Zeitkapsel", der auch zahlreiche Knochenfunde beinhaltet, als "Momentaufnahme eines vergangenen Augenblicks". Seine Begeisterung und Faszination, die sich vor allem auch auf den Ort selbst mit seinen unwirklich erscheinenden Kristallen, Stalaktiten und Versteinerungen beziehen, beflügelt von Anfang an Herzogs sehr subjektiven, von einem heiligen Schauder ergriffenen Erzählkommentar.

In Interviews mit Forschern versucht er diesen "emotionalen Schock" zu verarbeiten und dem Geheimnis dieser "verzauberten Welt des Unwirklichen" auf die Spur zu kommen. Dabei ist sein Hunger nach Bedeutung und nach einem Zusammenhang zwischen der Gegenwart und einer verschwundenen, in den Malereien gespeicherten Vergangenheit deutlich zu spüren. Ausgerüstet mit Handkamera und tragbaren Lampen, begeben sich Herzog und sein kleines Team im Schlepptau der Wissenschaftler in die Höhle, wobei die Aufenthaltsdauer streng reglementiert ist. In langen, eindringlichen Passagen, unterlegt mit sakraler Chormusik, schwenkt die Kamera über die großflächigen Bilder mit ihren Reliefstrukturen, saugt sich mit fragender Dringlichkeit an ihnen fest oder lässt sich von den Darstellungen simulierter Bewegungen mitreißen. Neben tierischer Artenvielfalt werden dabei Geschichten sichtbar, die von Kampf und Paarungsverhalten handeln, im Bildnis eines Zwitterwesens aus Frau und Stier findet sich aber auch ein symbolisches Artefakt, das an Venusfigurinen (etwa an die Venus vom Hohle Fels) erinnert.

Werner Herzogs kunstphilosophischen Spekulationen, die sich am Spiel von Licht und Schatten als einer Art möglichem "Urkino" entzünden und von der unheimlichen Plötzlichkeit dieser "geschichtslosen" Kulturzeugnisse ergriffen werden, fragen im ahnungsvoll dunklen Tonfall existentieller Beunruhigung: "Ist hier die Seele des modernen Menschen erwacht?" Oder sind die Höhlenmalereien Ausdruck einer spirituellen Kunst, bei der die Hand des Malers von Geistern geführt wurde? Auch wenn in diesen Fragen zunächst die Prägungen des eigenen kulturellen Wissens aufscheinen, möchte Herzog mit seinem Film doch vor allem ein Staunen angesichts des Unfassbaren vermitteln, das diese einmaligen, zuvor nie gesehenen Bilder konservieren. "Alle Versuche", so Herzog in einem Interview, diese "festgefrorenen Träume einer tiefen Vergangenheit" zu deuten, "werden immer scheitern". Und er steigert schließlich am Ende seines beeindruckenden Films diese interpretatorische Unruhe noch, indem er die Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt zu einem "Blick in den Abgrund" relativiert.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (8/10)


Die Höhle der vergessenen Träume
OT: Cave of Forgotten Dreams
Frankreich / Kanada / USA / Großbritannien / Deutschland 2011 - 90 min.
Regie: Werner Herzog - Drehbuch: Werner Herzog - Produktion: Erik Nelson - Kamera: Peter Zeitlinger - Schnitt: Joe Bini, Maya Hawke - Verleih: Ascot Elite -
Kinostart (D): 03.11.2011
DVD-Start (D): 13.03.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1664894/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2011/die_hoehle_der_vergessenen_traeume/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/21946/DIE-Ha%B6HLE-DER-VERGESSENEN-TRa%A4UME/Kritik/
Link zum Verleih: http://www.ascot-elite.de/movies/index.php?movie_id=365

Details zur DVD:
Bild: 2.35:1 (anamorph) - Sprache: Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1) - Untertitel: Deutsch - Extras: Making of, Interview mit Werner Herzog, Trailer - FSK: ab 6 Jahre - Verleih: Ascot Elite

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
auf dvd:aktuelldemnächst

kurzkritiken

America's Sweethearts

(USA 2001; Joe Roth)

Satire als Flaschenkorken

von Marit Hofmann

Girl on the Train

(USA 2016; Tate Taylor)

Wer hat schon heute noch einen Gärtner?

von Drehli Robnik

9 Songs

(GB 2004; Michael Winterbottom)

Sex. Sex. Sex.

von Dietrich Kuhlbrodt

ältere filme

King Kong

(USA, NZ 2005; Peter Jackson)

König - Dame - Turm

von Drehli Robnik

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-13

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ricardo Brunn schrieb am 28.2.2017 zu La La Land

Ja, das mit den Sternen ist immer so eine Sache. Ich versuche im Text häufig nur einzelne Aspekte aufzugreifen, die die Sterneanzahl darunter dann nicht zwingend reflektiert. Manchmal ist der Film insgesamt nicht ge...

Frage schrieb am 27.2.2017 zu La La Land

Zugegeben: bei dieser (nicht unberechtigten) Kritik verstehe ich das Zusammenspiel von Text und fünf! Sternen nicht. Zwei vielleicht?

Sebastian schrieb am 22.2.2017 zu Kalt wie Eis

Vielen Dank für Deine Antwort! Du hast mit Deinen Einwänden natürlich recht. Ich habe wohl etwas zu schnittig formuliert (eins, zwei, drei) ;-) Grundsätzlich hege auch ich (Jahrgang 65), wie vermutlic...